18. Dezember 2000

Reform des Referendariats (Lehramt an Gymnasien)

Die bestehende Form der II. Phase in der Ausbildung für das Lehramt an Gymnasien weist aus Sicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) einige Mängel auf, die durch eine grundlegende Reform zu beheben sind. Die Kriterien einer solchen Neugestaltung sind die Effizienz der Ausbildung, also die Frage, ob sie ihren Zielen gerecht wird, und deren Akzeptanz bei den betroffenen Referendarinnen und Referendaren. Hier lautet die Frage: Wie weit geht diese Akzeptanz bezüglich Gerechtigkeit, Belastbarkeit und Würde?
Eine Überprüfung der derzeitigen Situation hinsichtlich dieser beiden Punkte zeigt einen deutlichen Bedarf an einer Reform des Referendariats. Im Einzelnen fordert der BLLV deshalb eine Änderung

  1. des organisatorischen Aufbaus,
  2. des Wesens der Seminarsitzungen,
  3. der Unterrichtsverpflichtung und
  4. der Organisation der zweiten Lehramtsprüfung.

1. Organisatorischer Aufbau

1.1 Kritik an der derzeitigen Form

Der zwei- und oft auch dreimalige Wechsel der Schule in zwei Jahren bedeutet für die Referendare eine große Belastung, die mit Umzügen, getrennten zwischenmenschlichen Beziehungen und mangelnder pädagogischer Kontinuität verbunden sind. Darüber hinaus ist die Situation an den Seminarschulen aus vielerlei Gründen unbefriedigend: Die Referendare fühlen sich oft nicht als Teil des Kollegiums, Schülern ist der mindere Status der Referendare bewusst, die starke Nähe zwischen Referendar und Seminarlehrer, der häufig auch noch Betreuungslehrer ist, wirkt manchmal erdrückend und lässt den angehenden Lehrern zu wenig Raum, sich frei zu entfalten. Auch für die Seminarschulen bringt der halbjährige Wechsel vielfältige Belastungen und organisatorische Schwierigkeiten mit sich.

1.2 Forderung

Die bisherige Trennung zwischen Seminarhalbjahren und Zweigschuleinsatz wird aufgehoben. Die Referendare werden einer Einsatzschule (Dienstort) zugeteilt, an der sie unterrichten. Die Seminarausbildung findet parallel dazu mindestens in einem Umfang von sieben Vollstunden pro Woche an einer Seminarschule statt. Dadurch wird eine größere Variabilität in der Ausbildung möglich, da die Einflussmöglichkeiten der Seminarlehrer auf die Referendare nicht so groß sind (z. B. Einflussnahme auf den Unterrichtsstil) und den Referendaren mehrere Ansprechpartner (betreuende Lehrkräfte am Dienstort) zur Verfügung stehen. Auch müssen die Referendare dann nicht mehr so häufig umziehen.

2. Seminar

2.1 Kritik an der derzeitigen Situation

Generell weisen die Seminarschulen hinsichtlich ihrer Qualität und ihren Anforderungen derzeit starke Unterschiede auf, was pauschale Urteile schwierig macht. Die Seminarlehrer haben in ihrer Doppelrolle als Ausbilder und Beurteiler einen großen Einfluss auf die Noten der Referendare. Dies führt dazu, dass sich viele Referendare zumindest subjektiv in einer permanenten Prüfungssituation wähnen, was sich nach den Erfahrungen des BLLV auf ihr Verhalten in den Seminarsitzungen und ihre schulische Arbeit an den Seminarschulen hemmend auswirkt. Gerade die Bereitschaft, eigene methodische und pädagogische Wege zu suchen, wird eingeschränkt. Stattdessen fühlen sich viele zu einer Anpassung an den persönlichen Stil der Seminarlehrer veranlasst. Dadurch geht ein Teil des Innovationspotentials durch frische Lehrkräfte der Schule verloren.

Die in den Seminarsitzungen bisher vermittelten wissenschaftlichen Theorien sind insbesondere in den Fächern Pädagogik und Pädagogische Psychologie bereits Gegenstand der I. Phase und werden teilweise ohne Verknüpfung mit den Praxiserfahrungen der Referendare im Lehrervortrag abgehandelt.

2.2 Forderungen

2.2.1 Ausstattung

Die Fachseminare werden auf 10 Teilnehmer beschränkt.

2.2.2 Seminarbeauftragter

Um die Gerechtigkeit der Ausbildung, insbesondere im Vergleich der einzelnen Seminare bestmöglichst zu gewährleisten, steht den Referendaren im Kultusministerium ein Seminarbeauftragter zur Verfügung. Die Referendare können sich bei konkreten Problemen unter Umgehung des Dienstweges direkt an den Seminarbeauftragten wenden, der unter Wahrung der Anonymität versucht, die beanstandeten Probleme zu lösen. Er legt einmal im Jahr einen Bericht vor, aus dem hervorgeht, welche Probleme die Referendare hatten und hat ein Vetorecht bei der endgültigen Bestellung der Seminarleiter. Durch diese Maßnahme soll die Vergleichbarkeit der Ausbildungsverhältnisse, die derzeit noch extrem schwanken, erhöht werden.

2.2.3 Inhalte der Seminarsitzungen

Der Inhalt der Sitzungen ist vermehrt eine gemeinsame Reflexion eigener und fremder Beobachtungen. Es werden grundsätzlich keine Akademieberichte durchgearbeitet, da diese zu einem rein rezeptiven Lernverhalten bei den Referendaren führen. Die Seminarsitzungen in Grundfragen der staatsbürgerlichen Bildung sollten durch ein jährliches mehrtägiges Projekt, dessen Themenschwerpunkt vom Seminar selbst gewählt werden kann, ersetzt werden. Es findet keine Prüfung statt. Allgemeine Sitzungen sollten interdisziplinäre Schwerpunkte beinhalten (z. B. fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsziele). Gegenstände der themenzentrierten Sitzungen sind:

  • qualifizierte Elternarbeit
  • allgemeine Gesprächsführung (Lehrer-Schüler-, Lehrer-Eltern-, Lehrer-Lehrer-Interaktion)
  • Konfliktlösung
  • Umgang mit erziehungsschwierigen Schülern
  • Selbstverständnis als Lehrer

2.2.4 Organisation der Seminarsitzungen

Auf die Erstellung von Protokollen wird verzichtet. Die Sitzungen sollen nach Moderationsmethoden durchgeführt werden.

2.2.5 Seminarlehrer

Der Erfolg der Referendare in der Zweiten Staatsprüfung hängt im starken Maß von der Person des Seminarlehrers ab. Die Beförderung zum Seminarlehrer setzt deshalb eine besondere Eignung und Befähigung sowie Qualifizierung voraus. Daher wird ein Programm für eine spezielle Qualifizierung der Seminarlehrer vor und während ihrer Tätigkeit eingeführt. Die Evaluation ihrer Leistung erfolgt unter anderem durch eine Befragung der Referendare mittels einer Rückmeldung für Führungskräfte. Diese besitzen dank ihrer Ausbildung die hierfür nötige Kompetenz.

3. Unterrichtsverpflichtung

3.1 Kritik an der derzeitigen Situation

Die bisherige Belastung der Referendare während des Zweigschuleinsatzes ist sehr unterschiedlich, da die Unterrichtsverpflichtung zwischen 11 und 17 Wochenstunden schwanken kann. Die maximal mögliche Unterrichtsverpflichtung von 17 Stunden wird als zu große Belastung empfunden.

3.2 Forderung

Im ersten Halbjahr halten die Referendare bis zu 6 Stunden selbständigen Unterricht. Ab dem zweiten Halbjahr werden die Referendare grundsätzlich mit 12 Stunden eigenverantwortlichem Unterricht eingesetzt.

4. Prüfung

4.1 Kritik an der derzeitigen Situation

Die gesamte Notengebung weist derzeit ein zu geringes Maß an Transparenz auf. So wird den Referendaren ihre Beurteilungsnote beispielsweise erst nach Abschluss der Ausbildung bekannt gegeben. Die Prüfungskommission bei den Lehrproben setzt sich gegenwärtig immer aus den Seminarlehrern und dem jeweiligen Schulleiter zusammen. Dies führt dazu, dass die Ausbilder gleichzeitig Prüfer sind. Dadurch können sich Verzerrungstendenzen entwickeln, da alle Prüfer den Referendar schon kennen und somit die Gefahr besteht, dass in ihr Urteil auch ihr genereller Eindruck vom Referendar unbewusst miteingeht. Die praktische Bewährung der Referendare in der Einsatzschule wird bisher zu wenig berücksichtigt. Zwar geht das - unbenotete - Gutachten der Einsatzschule in die Beurteilungsnote ein. Es liegt aber im Ermessen der Seminarleiter, in welchem Umfang sie dieses gewichten

4.2 Forderungen

4.2.1 Grundsätzliches

Um die Notengebung transparenter zu gestalten, erhalten die Referendare während ihrer Ausbildung stärkere und konkretere Rückmeldung von den Seminarleitern. Das Ergebnis des Ersten Staatsexamens soll zukünftig weder den Seminarleitern noch dem Direktor der Einsatzschule (Dienstort) bekannt gemacht werden, um das Risiko von Wahrnehmungsverzerrungen zu minimieren und um die Seminarleiter vor dem Vorwurf der Voreingenommenheit zu schützen.

4.2.2 Lehrproben

Prinzipiell bleiben die Lehrproben als Bestandteil der Zweiten Staatsprüfung erhalten. Eine der drei Lehrproben kann auf Wunsch des Referendars im gleichen Fach und in der gleichen Stufe wiederholt werden.
Die Prüfungskommission setzt sich folgendermaßen zusammen:

  • Direktor der Einsatzschule
  • Fachseminarlehrer
  • Vorsitzender von außen (Fachseminarlehrer aus dem Lehrprobenfach)

4.2.3 Bestandteile der Beurteilungsnote

Um die praktische Bewährung des Referendars angemessen zu berücksichtigen, geht in die Beurteilungsnote die Note des Seminarleiters und das mit einer Note versehene Gutachten der Einsatzschule (Dienstort) des Referendars als fester Bestandteil ein. Dabei zählt die Note des Seminarleiters doppelt, die der Einsatzschule einfach.

4.2.4 Pädagogik und Pädagogische Psychologie

Pädagogische Psychologie und Pädagogik werden zu einem Fach zusammengefasst. Die schriftliche Prüfung in diesem Fach entfällt. Statt dessen wird die Prüfung vom Seminarlehrer für Pädagogik und Pädagogische Psychologie in Form eines Kolloquiums durchgeführt, da damit die Reflexionsfähigkeit praktischer Erfahrungen besser unter Beweis gestellt werden kann. Da es keinen Lehrplan mehr gibt, sondern das reflektiert wird, was in den zwei Jahren besprochen wurde, müssen hohe Anforderungen an die Qualifikation des entsprechenden Seminarlehrers gestellt werden (evtl. ein Schulpsychologe).

4.2.5 Schriftliche Hausarbeit

Die schriftliche Hausarbeit wird ersatzlos gestrichen, da die Referendare hier Fähigkeiten (fachliche, methodische, didaktische Kompetenzen) beweisen sollen, die allerdings schon abgeprüft wurden bzw. weiterhin abgeprüft werden (Erste Staatsprüfung, laufender Unterricht, Lehrprobenentwürfe usw.).

5. Schlussbemerkungen

Das vorgelegte Konzept ist eine hervorragende Möglichkeit, das Referendariat für das Lehramt Gymnasien zu reformieren. Auch wenn dies ohne Änderungen der I. Phase der Gymnasiallehrerausbildung möglich ist, ist es weiterhin notwendig, auch das Studium für das Lehramt an Gymnasien weiterzuentwickeln. Zielrichtung dieser Reform muss ein erhöhter Anteil methodisch-didaktischer und pädagogischer Anteile sein.

Eingabe des BLLV an den Bayerischen Landtag


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