4. Dezember 2010

Individuelle Förderung: der BLLV sagt JA!

Resolution

Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesausschusses am 4.12.2010

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) verwahrt sich gegen die Mär von der individuellen Förderung, die in diesem Schuljahr verbreitet werden soll. Er verwahrt sich auch gegen den scheinbaren und konstruierten Gegensatz zwischen individueller Förderung und dem Konstrukt einer sogenannten Einheitsschule, die niemand ernsthaft fordert. Integrative Schulen provozieren die individuelle Förderung und verhindern sie nicht.

Der Gegensatz besteht in Wahrheit zwischen dem gegliederten Schulwesen, der frühen Auslese und einer individuellen Förderung.

Hierzu stellt der Landesausschuss des BLLV fest:

Der Auslesauftrag erschlägt die Schule und steht im Widerspruch zu einer Kultur der individuellen Förderung!

Der Ausleseauftrag beherrscht die Schule. Alle Bemühungen, dem einzelnen Schüler gerecht zu werden, sind diesem untergeordnet.

Schule wird in erster Linie als Zuweiser von Lebenschancen wahrgenommen. Sie misst Leistung nach fraglichen Kriterien, vergibt Abschlüsse, berechtigt zu weiteren Bildungsgängen und weist damit 10-jährigen Kindern ihre Position im gesellschaftlichen Gefüge zu.

Hauptaufgabe von Lehrerinnen und Lehrern scheint mittlerweile das Prüfen, das Messen und das Vergeben von Zensuren zu sein. Hauptaufgabe von Schülerinnen und Schülern ist nicht der Erwerb von Kompetenzen, sondern die zielorientierte optimale Vorbereitung auf Prüfungen. Entscheidend für Eltern und Schüler ist die Note, nicht das Können. Verbindlich für Lehrkräfte sind die Notenschnitte und das durchschnittliche Leistungsniveau der Klasse, nicht aber die individuellen Fördermöglichkeiten bzw. die persönlichen Kompetenzzuwächse der einzelnen Schüler. Durchschnitt nicht Individualität ist gefragt.

Aber: Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen das einzelne Kind mit seinen Stärken und Schwächen sehen, wir wollen individuell fördern und wir wollen prozess- und kompetenzorientiertes Lehren und Lernen. Das zählt leider nicht in einem System, das sich vor allem um Übertritte, Zertifikate und Abschlüsse dreht!

Solange die Hauptaufgabe der Schule Auslese bleibt, solange Lehrkräfte einen Großteil ihrer Energie darauf verwenden müssen, die Eignung oder Nichteignung von Schülern für die einzelnen Schularten möglichst präzise zu erfassen, so lange kann sich keine echte Förderkultur an bayerischen Schulen etablieren.

Das Ziel von Schule muss es sein, das einzelne Kind in den Mittelpunkt der Bemühungen zu stellen und nicht die Kohorte. Individuelle Förderung ist in allen Schularten gefragt, denn überall sind heterogene Lernvoraussetzungen zu bewältigen.

Individuelle Förderung basiert auf einem ganzheitlichen Lernbegriff: Lern- und Arbeitsverhalten, Motivation, emotionale Kompetenzen und Sozialkompetenz beschreiben die Persönlichkeits­entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Hierzu brauchen wir Zeit und eine Lernkultur, die es zulässt, jedes Kind in seiner Ganzheitlichkeit zu sehen. Individuell zu fördern heißt nicht nur individuelle Leistungsförderung, sondern individuelle Persönlichkeitsentwicklung. Hierzu muss Schule in die Lage versetzt werden. Wenn Messen und Verteilen gefragt sind, dann haben diese Prozesse kaum eine Chance!

 

Konkret fordert der BLLV:

  1. Die Schulen vom Sortierauftrag befreien und Formen längeren gemeinsamen Lernens zulassen.
  2. Die Klassen mit einem Lehrer- bzw. Expertenteam ausstatten. Individualität kann nicht durch eine einzige Lehrperson pro Klasse stattfinden.
  3. Lehrer brauchen Stunden zur individuellen Förderung. Kleingruppen, Differenzierungs­angebote und individuelle Lernbegleitung kosten Zeit! Gerade in der Grundschule muss der Budgetierungsschlüssel erhöht werden.
  4. Ein moderner Lern- und Leistungsbegriff bedeutet kompetenzorientiertes, verständnisinten­sives, selbstständiges, handlungsorientiertes und soziales Lernen. Dies erfordert prozessorientierte und individualisierte Lernfeedbacks.
  5. Unterricht zielt auf Leistung. Kinder wollen lernen und leisten, jeder auf seinem individuellen Niveau. Dies kann nur gezielt in Kleingruppen, Förderkursen, Differenzierungsgruppen oder Modularen Niveaustufen passieren.
  6. Lehrer brauchen eine weitreichende professionelle Fachlichkeit: In der Lehrerbildung muss auf die Differenzierung und Förderung so eingegangen werden, dass berufsfeldorientierte Theoriebildung stattfinden kann.
  7. Schulen müssen eigenverantwortlich agieren können. Individualität darf nicht nur auf den Schüler, sondern muss eben auch auf die Schule bezogen sein.

Der BLLV sagt JA, zu individueller Förderung, wenn es nicht bei einem Slogan bleibt, sondern wenn die Kultur der Individualität wirklich Realität in Schule wird. Ein politischer Slogan ohne Mittel hilft den Kindern und Schulen nicht weiter!

 

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Antwort des KM vom 9.12.2010 s. pdf im Anhang


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