9. April 2001

Lehrplan 'Deutsch als Zweitsprache'

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) nimmt zum Lehrplanentwurf ‚Deutsch als Zweitsprache für Grundschulen und weiterführende Schulen' wie folgt:

Der BLLV begrüßt die Neuentwicklung dieses Lehr-/Lernplans, da er neuere wissenschaftliche Erkenntnisse in der Fremdsprachendidaktik und -methodik berücksichtigt und deshalb gegenüber dem zur Zeit noch gültigen Lehrplan von 1984 folgende Vorzüge besitzt:

  1. Er geht von neuen lerntheoretischen Grundlagen aus und sieht Spracherwerb als individuellen, kreativen Prozess.
  2. Er fordert offenen Unterricht und fördert dadurch individuelle Lernprozesse.
  3. Der Aufbau in Grund- und Aufbaukurs mit themengleichen Lernfeldern kann alle Schüler/innen einer Lerngruppe adäquat einbeziehen.
  4. Die einzelnen Lernfelder sind so aufgebaut, dass der Unterricht der jeweiligen Zusammensetzung der Lerngruppe, den örtlichen Gegebenheiten sowie aktuellen Anlässen Rechnung tragen kann. Der Lehrplan schränkt insofern die einzelne Lehrkraft nicht ein.
  5. Dieser offene Unterricht bietet per se Möglichkeiten zur Differenzierung.
  6. Er bezieht die Schüler/innen als Persönlichkeiten in die Unterrichtsgestaltung ein und nutzt deren unterschiedliches Vorwissen als Auslöser und Themen von Unterricht.
  7. Er bezieht die außerschulische deutschsprachige Umgebung in den Unterricht ein.
  8. Ausgangspunkt von Lernen sind authentische Sprech- und Schreibanlässe.
  9. Der Unterricht geht von Themen, nicht von sprachlichen Fällen aus.
  10. Das Fortschreiten im Unterricht wird (mehr) von den Schülern und deren sprachlichen Bedürfnissen bestimmt und nicht mehr von einem Lehrgang (und der Lehrkraft).
  11. Lernaktive Arbeitsformen begünstigen nicht nur den Spracherwerb, sondern fördern auch den Erwerb von allgemeinen Schlüsselqualifikationen und bahnen das lebenslange Lernen an.
  12. "Lernen mit allen Sinnen" ist Prinzip.
  13. Er sieht Sprache als Wert an sich an, sowohl bei der deutschen Sprache als auch bei den Herkunftssprachen der Schüler/innen.
  14. Er fördert interkulturelles Lernen.

Allerdings können bei der konsequenten Umsetzung dieses Lehrplans in der Schulpraxis folgende, durch intensive Lehrerfortbildung jedoch lösbare Probleme auftreten:

  1. Dieser Lernplan fordert eine hohe Fach- und Methodenkompetenz der Lehrkräfte, die man nur erreichen kann, wenn fortgebildete Lehrkräfte dauerhaft in diesem Fach eingesetzt werden.
  2. Die konsequente Umsetzung lässt eigentlich ein begleitendes Lehrwerk nicht mehr zu, deshalb sollte für die Schulen eine Materialsammlung erarbeitet werden.
  3. Der ganzheitliche Ansatz dieses neuen Lernplans geht zwingend davon aus, dass alle Stunden einer Lerngruppe im Fach "Deutsch als Zweitsprache" von einer Lehrkraft gegeben werden müssen.

Resümee:

Dieser Lehrplan ist fachwissenschaftlich fundiert und didaktisch begründet, er berücksichtigt sowohl die Individuallage heutiger Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache als auch die modernen Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung. Er beachtet die interkulturelle Dimension und die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler.

Der neue Lernplan geht allerdings von Lehrkräften aus, die eine hohe Fach- und Methodenkompetenz besitzen. Entsprechende Fortbildungsmaßnahmen sind deshalb angezeigt. Als eine wichtige Aufgabe erscheint es dem BLLV auch, diesen neuen Lernplan populär zu machen, damit der bisherige Unterricht "Deutsch als Zweitsprache" seinen Lehrgangscharakter verliert.

Der BLLV ist davon überzeugt, dass dieser neue Lehr-/Lernplan in doppeltem Wortsinne "Schule machen" sollte.

Eingabe des BLLV an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus


Suche

Im Blickpunkt

Reformkonzept

Kinderhaus Casadeni