12. Juli 2006

Berufsbild Schulleitung – Konsequenzen für die Leitungszeit

Positionspapier beschlossen vom BLLV-Landesvorstand am 12. Juli 2006

Veränderung des Steuerungsmodells Schule

Das Steuerungsmodell von Schule ist im Umbruch. Noch bis vor wenigen Jahren waren die Entscheidungsbefugnisse für die einzelne Schule im Bereich der Grund-, Haupt- und Förderschulen gering. Unter dem Begriff der Einheitlichkeit der Schulversorgung wurden Inhalte und Verwaltungsanforderungen zentral definiert. Schulverwaltung diente der Überwachung und Kontrolle, ob die zentralen kultusministeriellen Vorgaben in der einzelnen Schule auch tatsächlich eingehalten werden.

Die Schulleitung hatte in diesem traditionellen Steuerungsmodell die Aufgabe sicherzustellen, dass die Vorgaben der übergeordneten Verwaltungsebenen in der einzelnen Schule umgesetzt werden. Schulleiter/innen waren in diesem Steuerungsmodell ausführende Organe eines hierarchischen Verwaltungs- und Strukturmodells ohne wesentliche eigene Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume.

Moderne Schulentwicklung jedoch setzt auf ein Steuerungsmodell, in dem in der einzelnen Schule weit reichende Entscheidungen gefällt werden müssen (s. Modus 21). Inhaltliche, organisatorische, finanzielle und personelle Entscheidungskompetenzen werden sukzessive vom Schulamt, der Regierung und dem Kultusministerium auf die einzelne Schule verlagert. Durch flächendeckend durchgeführte Vergleichserhebungen (Bildungsstandards, Ratingskalen) wird die Einheitlichkeit der Schulversorgung sichergestellt. Die Nachfrage von Eltern und Abnehmern (Unternehmen, Universitäten) und das öffentliche Image der Schule sichert in diesem Ansatz die Qualität der einzelnen Schule. Instrument der Qualitätssicherung ist die externe Evaluation.
Die Schulleitung soll in diesem Steuerungsmodell die Qualität der einzelnen Schule in allen verschiedenen Dimensionen verantworten – ausgehend von der Sachausstattung über das Schulleben bis zur Qualitätssicherung des Unterrichts (dienstliche Beurteilung, schulhausinterne Fortbildung). Schulleiter/innen gestalten aktiv den Bildungsraum Schule und tragen dafür Verantwortung gegenüber Eltern, Unternehmen (z.B. hinsichtlich der Berufswahlvorbereitung und -orientierung), Gemeinden und der Öffentlichkeit.

Dieses neue Steuerungsmodell ist die Grundlage zahlreicher Detailreformen in Bayern (Bildungsstandards, externe Evaluation, Budgetierung, Modus 21 etc.). Bayern übernimmt mit diesem Paradigmenwechsel eine weltweit zu beobachtende strukturelle Neudefinition von Schule und Schulleitung.

Berufsbild und Arbeitszeit der Schulleitung

Dieser Paradigmenwechsel bei der Steuerung von Schule hat nachhaltige Auswirkungen auf das Berufsbild und die Arbeitsinhalte von Schulleitung. Schulleitung im neuen Steuerungsmodell muss nicht mehr nur sicherstellen, dass Schule organisatorisch funktioniert, wie dies früher der Fall war. Schulleitung heute muss darüber hinaus gewährleisten, dass die einzelne Schule ein eigenes pädagogisches, inhaltliches und organisatorisches Profil entwickelt ohne dabei an Qualität und Effizienz einzubüßen. Die Schulleitung trägt hierbei die Verantwortung gegenüber Schülerinnen und Schülern, Eltern, Kollegien, Schulverwaltung, Gemeinde und Öffentlichkeit.

Im Wesentlichen lassen sich zwei zentrale Aufgabenfelder moderner Schulleitung definieren:

  • Leitungsaufgaben (Führung und Gestaltung) und
  • Verwaltungsaufgaben (Verwaltungspersonal, Organisation und Management).

Die Aufgabe des Unterrichtens kann in diesem Steuerungsmodell nicht mehr Kern von Schulleitung sein. Unterrichtstätigkeit kann zwar aus unterschiedlichen Gründen als ein Aufgabenfeld von Schulleitung definiert werden. Sie spielt hierbei aber immer eine untergeordnete Rolle. Wesentlich ist, dass Unterrichten auf keinen Fall soviel Zeit in Anspruch nehmen darf, dass die eigentlichen Schulleitungsaufgaben nicht mehr realistisch zu bewerkstelligen sind. Dies ist derzeit allerdings in Bayern der Fall.

Kein neues Berufsbild ohne Leitungszeit

Bayern versucht derzeit ein neues Steuerungsmodell für Schule einzuführen und das Berufsbild Schulleitung neu zu definieren ohne die entsprechenden finanziellen und organisatorischen Maßnahmen bereit zu stellen. Allerdings kann ein neues Steuerungsmodell von Schule und ein neues Berufsbild Schulleitung so nicht erfolgreich implementiert werden. Moderne Schulentwicklung mit zusätzlichen Aufgaben für die Schulleitungen ist ohne Qualifizierungsmaßnahmen und eine Neudefinition der Arbeitszeit nicht möglich.

Der BLLV unterstützt grundsätzlich und nachhaltig den Paradigmenwechsel bei der Steuerung von Schule. Der BLLV befürwortet die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen in die einzelne Schule. Allerdings fordert der BLLV im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen in den Schulleitungen eine Neudefinition der Arbeitszeit von Schulleitung, damit für die neue Verantwortung und die zugedachten neuen Aufgaben auch die erforderliche Zeit zur Verfügung steht.

Neues Zeitmodell für Schulleitungen

Das neue Steuerungsmodell erfordert eine Neudefinition der Arbeitszeit der Schulleiter. Sie muss der Tatsache gerecht werden, dass sich die Arbeit der Schulleitung in Leitungszeit, Verwaltungszeit und Unterrichtszeit aufteilt. Eine jeweils angemessene Zeitgewichtung dieser unterschiedlichen Aufgabenfelder ist dringend geboten. Der BLLV fordert ein Umsetzungsmodell, das konkrete Aussagen über die Zeitgewichtung, die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen und die Stufen der Implementierung macht.

  • Als unabdingbarer erster Schritt ist unabhängig von der Größe und der Einzelproblematik jeder Schule für die Führungsaufgaben der Schulleitung als Sofortmaßnahme ein Grundstock an Leitungszeit von mindestens zwei Stunden pro Unterrichtsvormittag erforderlich.
  • Daneben muss für die reinen Verwaltungsaufgaben ein Stundenkontingent für die Schulleitung der Grund-, Haupt- und Förderschulen zumindest in der bisherigen Größenordnung zur Verfügung stehen. Berechnungsschlüssel sind mindestens die bislang geltenden Schüler- bzw. Klassenzahlen und/oder besonders erschwerende Bedingungen einer Schule.
  • Schulleiter sollen auch weiterhin unterrichten, wobei die Umsetzung der Unterrichtspflichtzeit flexibel gestaltbar sein muss.
  • Die Führung von Schule schließt eine Klassenführung durch Schulleiterinnen und Schulleiter grundsätzlich aus.

Einstimmig beschlossen vom BLLV-Landesvorstand am 12.07.2006
Dieses Positionspapier wurde am 27.07.2006 an den Bayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus, Siegfried Schneider, gesandt.


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