19. Juli 2002

Gegen Gewalt in unseren Schulen

Bündnis
Gegen Gewalt in unseren Schulen
Für ein menschliches Miteinander

Petition an den Bayerischen Landtag

  1. Die Bluttat vom 26. April 2002 am Gutenberg Gymnasium in Erfurt, bei der 17 Menschen starben, hat Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern mit Entsetzen und Trauer erfüllt. Die grauenhafte Tat erschütterte unsere Schulen nach den Lehrermorden in Meißen, Brannenburg und Freising erneut zutiefst. Betroffenheit allein ist allerdings zu wenig. Alle sind gefordert, konsequent zu handeln. Deshalb hat sich ein Bündnis "Gegen Gewalt in unseren Schulen - Für ein menschliches Miteinander" gebildet. Dieses Bündnis setzt sich ein für Gewaltfreiheit und Mitmenschlichkeit nicht nur in unseren Schulen, sondern auch in ihrem Umfeld und in der Gesellschaft.
  2. Das Massaker von Erfurt manifestiert das enorme Gewaltpotential bei jungen Menschen, aber auch in unserer Gesellschaft. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Fähigkeit, Konflikte zu bewältigen, ebenso gesunken ist, wie die Hemmschwelle, diese mit Gewalt zu lösen. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Nachahmung von Gewalt geht von Medien - vor allem von Fernsehen, Video, Computerspielen und Internet - aus. Aber auch Beispiele der Erwachsenenwelt in ihren vielfältigen Facetten können modellhaft Gewaltpotentiale freisetzen: mangelnde Streitkultur, Verrohung der Sprache, Rücksichtslosigkeit im Umgang, Verherrlichung von Gewalt, Stigmatisierung und Ausgrenzung von Schwächeren.
  3. Weder die Schule noch das Elternhaus sind in der Lage, den Erscheinungsformen und Ursachen von Hass, Aggressionen und Gewalt alleine zu begegnen. Die gesamte Gesellschaft steht wie Verantwortliche in der Politik, medienschaffende und definitionsmächtige Gruppen in der Pflicht,
    • die Menschenwürde zu achten und die Unantastbarkeit des Lebens zu schützen,
    • Beispiele für einen menschlichen Umgang zu geben und
    • sich gegenüber anderen, vor allem Schwächeren, hilfsbereit und solidarisch zu zeigen,
    • Gewalt in allen Ausprägungsformen, insbesondere in visuellen Medien, zu ächten.
  4. So unverzichtbar die Förderung von individueller Leistungsfähigkeit und Leistungsentwicklung in unseren Schulen ist, so unverzichtbar ist die bewusste Wahrnehmung des schulischen Erziehungsauftrags. Die Schule muss vor allem erziehen zur Anerkennung verbindlicher Werte, zur Entwicklung selbstbestimmender und selbstbewusster Persönlichkeiten, zu sozialem Verhalten - wie Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Toleranz und Respekt gegenüber anderen - und zur Fähigkeit, mit Spannungen, Verwerfungen und Konflikten vernünftig umzugehen.
    Die Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern darf nicht gleichgesetzt werden mit einem Urteil über ihre Person. Alle müssen sich in ihrem Eigenwert als Menschen angenommen fühlen und individuelle Ermutigung erfahren.
  5. Lehrerinnen und Lehrer brauchen wie Eltern vielfältige Hilfe, Unterstützung, Beratung und Begleitung. Beide müssen ermutigt werden, ihre natürliche bzw. staatliche Erziehungsverantwortung gemeinsam wahrzunehmen und von ihrer pädagogischen Autorität Gebrauch zu machen: Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung. Wer von Eltern und Pädagogen einerseits erzieherische Wirksamkeit erwartet, darf andererseits ihr Ansehen nicht beschädigen.
  6. Die Schule muss sich mehr als bisher als Lern- und Lebensraum verstehen. Allen Kindern und Jugendlichen ist die Chance zu eröffnen und dabei zu helfen, sich im Lernprozess als kompetent, eigenständig und erfolgreich zu erfahren. Zugleich müssen sie in ihrer Schule soziale Grunderfahrungen machen durch die systematische Pflege des Schullebens und gezielte Einbindung in die schulische Mitverantwortung.
    Unabdingbar ist für die Wirksamkeit des Lern- und Erziehungsprozesses die enge Kooperation und Partizipation aller Beteiligten im Sinne der inneren Schulentwicklung. Hierfür sind die rechtlichen Voraussetzungen sicherzustellen.
  7. Die Schulpolitik muss gewährleisten, dass Lehrerinnen und Lehrer ihrer pädagogischen Verantwortung gerecht werden können. Neben hoher fachlicher Qualifikation brauchen Lehrerinnen und Lehrer vor allem günstige Lern- und Erziehungsbedingungen in überschaubaren Klassen und Gruppen.
    Vordringlich ist mehr Zeit für individuelle Förderung und persönliche Zuwendung. Zur Unterstützung des pädagogischen Auftrags bedarf es einer besseren Versorgung mit sozialpädagogischen, sonderpädagogischen und schulpsychologischen Diensten. Ein Beratungsnetz ist systematisch aufzubauen. Erforderlich ist die Unterstützung von Projekten zur Gewaltprävention und die Entwicklung und Erprobung von pädagogischen Interventionsprogrammen. Zur gezielten Förderung und pädagogisch qualifizierten Betreuung sind bedarfsgerechtere Ganztagsangebote einzurichten. Als zentraler Beitrag zur Gewaltprävention ist der Aus- bzw. Aufbau sozialer Netzwerke im schulischen Umfeld voranzutreiben. Schließlich bedarf es situationsangemessener Maßnahmen, um die Sicherheit der Schulen zu erhöhen, ohne die Schule unangemessen als Lebensraum zu beeinträchtigen.

Die unterzeichnenden Organisationen versichern, alles in ihren Kräften und Möglichkeiten Stehende zu tun, um dem Phänomen der Gewalt in unseren Schulen und ihrem Umfeld wirksam zu begegnen und Maßnahmen der Prävention zu fördern. Sie appellieren an alle in Politik, Medien und Gesellschaft die Schulen in ihrer pädagogischen Arbeit zu unterstützen.

Folgende Organisationen haben diese Petition unterzeichnet
  1. Aktion Humane Schule
  2. Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (ABL)
  3. Arbeitsgemeinschaft der Elternverbände bayerischer Kindertageseinrichtungen (ABK)
  4. Grundschulverband - Arbeitskreis Grundschule Bayern (AKG)
  5. Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV)
  6. Bayerischer Elternverband (BEV)
  7. Bündnis zur Erneuerung der Demokratie (BED)
  8. Deutscher Familienverband LV Bayern (DFV)
  9. Deutscher Katechetenverein (DKV)
  10. Deutscher Kinderschutzbund OV München (DKSB)
  11. Evang. Initiativkreis für Bildung und Erziehung (E.I.B.E)
  12. Evang. Jugend Bayern (EJB)
  13. Fachverband für Behindertenpädagogik Bayern (vds)
  14. Freie Evang. Elternvereinigung (FEE)
  15. Gemeinschaft Evang. Erzieher Bayern (GEE)
  16. Gesamtverband Evang. Erzieher und Erzieherinnen in Bayern (GVEE)
  17. Gewerkschaft Bildung und Erziehung - Bayern (GEW)
  18. Initiative Praktisches Lernen Bayern (IPL)
  19. Internationaler Lyceumclub München
  20. Jenaplan-Initiative Bayern (jpi)
  21. Katholische Elternschaft Deutschlands (KED)
  22. Katholische Erziehergemeinschaft in Bayern (KEG)
  23. Landeselternvereinigung der Fachoberschulen Bayerns (LEV FOS)
  24. Landes-Elternvereinigung der Gymnasien in Bayern (LEV)
  25. Landesschülervertretung Bayern (LSV)
  26. Landesverband Bayerischer Schulpsychologen (LBSP)
  27. Montessori-Landesverband Bayern

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