3. April 2008

Förderung männlicher Kinder und Jugendlicher

Petition des Forum Bildungspolitik

Problem

Das Forum Bildungspolitik in Bayern beobachtet mit zunehmender Sorge, dass vielen männlichen Kindern und Jugendlichen nur unzureichende Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden. Das lässt sie immer häufiger zu Bildungsverlierern werden. Als Folge werden nicht nur immer mehr männliche Kinder und Jugendliche auffällig, sondern sie müssen auch mit ungünstigen Perspektiven für die berufliche und persönliche Zukunft leben.

Das Forum Bildungspolitik in Bayern begrüßt, dass die Gesellschaft diese Probleme seit einigen Jahren erkennt und dass auch in der bayerischen Bildungspolitik über Abhilfe nachgedacht wird. Wir bedauern aber sehr, dass es bislang noch zu keiner nennenswerten Verbesserung der Entwicklungs- und Bildungssituation männlicher Kinder und Jugendlicher gekommen ist.

Jedes Jahr wächst die Zahl männlicher Kinder und Jugendlicher, deren Lebenschancen stark beeinträchtigt sind. Das Forum Bildungspolitik sieht sich verpflichtet, für diese Gruppe einzutreten und eine rasche und effektive Verbesserung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zu fordern.

Wir sind überzeugt, dass es nicht darum gehen kann, nur punktuelle Verbesserungen vorzunehmen. Dazu ist das Thema zu komplex. Es verlangt ein konzertiertes Zusammenwirken der pädagogisch, gesellschaftlich und politisch Verantwortlichen.

Die Schwierigkeiten sind bekannt. Psychologische und medizinische Forschung sowie konkrete Erfahrungen weisen mit Nachdruck auf die entwicklungs- und bildungsspezifischen Probleme von männlichen Kindern und Jugendlichen hin:
 

Männliche Kinder und Jugendliche

  • sind in den ersten Lebensjahren gesundheitlich und psychisch weniger stabil als Mädchen
  • leiden häufiger am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, mit und ohne Hyperaktivität
  • neigen in späteren Lebensjahren mehr als Mädchen zu Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch und Gewalt
  • begegnen vor allem in der Vorschul- und Grundschulzeit viel zu selten positiven männlichen Vorbildern
  • können lt. PISA weniger gut lesen und schreiben als Mädchen
  • lesen weniger gern als Mädchen: 45,8 % gegenüber 68 %
  • haben schlechtere Erfolgsquoten bei Prüfungen (sie müssen zu 20 % eine Klasse wiederholen, Mädchen zu 13 %)
  • räumen sich selbst geringere Bildungschancen ein (sie streben nur zu 47 % das Abitur an, Mädchen zu 55 %)
  • sind an Gymnasien mit 46,5 % unterrepräsentiert; an Hauptschulen dagegen stellen sie mit 56,2 % und an Förderschulen mit 63,2 % die Mehrheit
  • verbringen über dreimal so viel Zeit vor den Bildschirmen wie Mädchen (sie sehen
    zu 11,5 % mindestens 5 Stunden täglich Fernsehen, Videos etc., Mädchen nur zu
    3,5 %)

 
(Quelle: Alle Zahlen beziehen sich auf die Bundesrepublik Deutschland und sind der Shell Jugendstudie 2006, Leitung Klaus Hurrelmann, entnommen.)

 

Petitum

Das Forum Bildungspolitik spricht sich grundsätzlich für einen deutlichen Ausbau der individuellen Förderung aus. Dies gilt unabhängig von Schulart und Jahrgangsstufe. Die Gesamtförderung von Jugendlichen muss sich an diesem Grundsatz orientieren. So darf die Förderung aller Kinder und Jugendlicher selbstverständlich nicht auf Kosten der Mädchenförderung gehen.

Was für Mädchen im Bildungswesen getan wird, muss erhalten bleiben. Allerdings hat sich nach drei Jahrzehnten Mädchenförderung gezeigt, dass Mädchen im Durchschnitt für den Ausbildungs- und Bildungsprozess besser gerüstet sind als Jungen.
 

Im Einzelnen fordert das Forum Bildungspolitik in Bayern

1.      Die bereits vorliegenden psychologischen Erfahrungen und Erkenntnisse zur Förderung männlicher Kinder und Jugendlicher ab dem frühkindlichen Bereich müssen in vollem Umfang und unverzüglich in die Praxis umgesetzt werden.

2.      Die Forschung über Eigenarten der Geschlechter und spezielle Fördermaßnahmen männlicher Kinder und Jugendlicher muss intensiviert werden.

3.      Die Ausbildung von Erzieher/innen und Lehrer/innen muss prüfungsrelevante Segmente geschlechterspezifischer individueller Förderung beinhalten.

4.      Männer müssen gezielt für die Tätigkeit in allen Erzieher- und Lehrerberufen gewonnen werden.

5.      Innerhalb des koedukativen Unterrichts ist der phasenweise getrennte Unterricht für weibliche und männliche Kinder und Jugendliche auszubauen.

6.      In Schulbüchern dürfen spezifische Jungentexte nicht unterrepräsentiert sein.

7.      Schulinterne Lehrerfortbildungen (Schilf) zur Förderung männlicher Kinder und Jugendlicher sind durchzuführen.

8.      Entsprechend dem "Mädchentag" („Girlsday") ist ein jährlicher "Jungentag" ("Boysday"?) durchzuführen.

9.      In den oberen Jahrgängen der weiterführenden Schulen ist "Erziehungslehre" zum Teil für die Geschlechter getrennt in den Unterricht fächerübergreifend aufzunehmen.

 

Begründung

Die unterschiedliche Entwicklung der männlichen und weiblichen Jugend erfordert Korrekturen bei Bildung und Erziehung. Sie müssen auch die Kleinkindzeit umfassen und den spezifischen und zeitversetzten Bedürfnissen der Geschlechter Rechnung tragen.

Reformen, die den Bedürfnissen unserer Jugend entsprechen, können nicht allein von Kindertagesstätten und der Schule getragen werden. Sie sind Sache der gesamten Gesellschaft und auch eine der wichtigsten und vordringlichsten Aufgaben der Politik. Diese ist dringend aufgefordert, sich den aufgezeigten Problemen zu stellen und Abhilfe zu schaffen.

 

Aus einem Schreiben des Sprechers des Forum Bildungspolitik und Ehrenpräsident des BLLV, Dr. h.c. Albin Dannhäuser, an den Präsidenten des Bayerischen Landtags, Alois Glück.

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Die Petition wurde am 29.5.08 im Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags beraten. Es wurde beschlossen, sie als "erledigt" zu betrachten (§ 80,4 der GeschO).


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