20. November 2008

Regionale Schulentwicklung

Koalitionsvereinbarung zwischen CSU und FDP Schreiben von BLLV-Präsident Klaus Wenzel an alle Bürgermeister/innen in Bayern

Die drängenden Probleme in der Schulpolitik wie Schulschließungen in ländlichen Regionen, überfüllten Realschulen und Gymnasien, Unterrichtsausfall und Lehrermangel haben das Ergebnis der Landtagswahlen nachhaltig beeinflusst.

Seit Einführung der 6-stufigen Realschule 2001 wurden alle 540 Teilhauptschulen (die letzten mit dem kommenden Schuljahr) und darüber hinaus 77 bislang voll ausgebaute Hauptschulen geschlossen. Gab es 2001 noch 1 642 Hauptschulstandorte, so gibt es heute nur mehr 1 022; ein Rückgang um 38 %! Dies ist unmittelbare Folge der Einführung der sechsjährigen Realschule.

Der Rückgang der Schülerzahlen in Folge des demografischen Wandels wird erst in den nächsten Jahren richtig zum Tragen kommen. Wenn keine Kurskorrektur in der Schulpolitik erfolgt, werden in der kommenden Legislaturperiode fast alle derzeit einzügigen Hauptschulen (ca. 300) in Bayern schließen müssen und bisher zweizügige Schulen (ca. 100) nur mehr eine Klasse pro Jahrgang haben. Die Hauptschulstandorte werden dann auf weniger als die Hälfte geschrumpft sein.

Dieses Schulsterben bedeutet für viele Regionen einen erheblichen Verlust an Attraktivität und Bürgernähe. Wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr in der Gemeinde zur Schule gehen, dann geht auch die Identifizierung der Familien und Jugendlichen mit ihrer Heimatgemeinde verloren. Die Auswirkungen sind bekannt: Langsames Erliegen des Vereinslebens (freiwillige Feuerwehr, Sportvereine, Trachtenverein, Schützenverein etc.), Wegzug von jungen Familien, Rückgang des Einzelhandels, leerstehende Häuser im Ortskern.

Neue Perspektiven für die Schulen im ländlichen Raum durch Koalitionsvereinbarung

Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz. Wir haben aus diesem Grunde das Konzept der regionalen Schulentwicklung initiiert. Zahlreiche Gemeinden interessieren sich dafür, inzwischen haben an die 50 Gemeinden einen Antrag an das Kultusministerium auf Zulassung eines Modellversuchs gestellt und es werden täglich mehr.

Erfreulicherweise ist es gelungen, im Koalitionsvertrag einen ersten Schritt zu pragmatischen Modellen für eine alternative Schulentwicklung in den Regionen festzuschreiben. Es sollen verschiedene Formen der Kooperationen von Haupt- und Realschulen möglich werden. Der neue Kultusminister Ludwig Spaenle hat signalisiert, dass er diesen Teil des Koalitionsvertrages sehr ernst nimmt. Der BLLV geht davon aus, dass die neue Führung im Kultusministerium die Notwendigkeit einer regionalen Schulversorgung erkennt und nicht mehr ideologische, sondern pragmatische Wege sucht. Besonders freut es uns auch, dass Staatssekretär Marcel Huber eine starke regionale Verbundenheit hat, so dass er um die Probleme der Gemeinden auf dem flachen Land bestens Bescheid weiß.

Was ist der Kern der Schulpolitik in den nächsten Jahren?

Im Mittelpunkt unserer Überlegungen steht nicht die ideologisierte Frage der richtigen Schulstruktur. Ziel des BLLV ist bestmögliche Förderung aller Kinder und der Erhalt von Schulen bis zur Jahrgangsstufe 9 bzw. 10 in den ländlichen Gemeinden. Zwei weltweit zu beobachtende schulorganisatorische und pädagogische Entwicklungen leiten unsere Überlegungen:

  1. Wohnortnahe Schulen können auch als kleine Schulen effektiv und pädagogisch leistungsfähig gestaltet werden. Die Theorie, dass nur in großen Schulzentren ausreichend differenzierte Lernangebote möglich sind, ist ein Irrglaube der Gesamtschulbewegung der 70er Jahre. Mit diesem Irrglauben versuchen einige bayerische Verbände Angst vor pragmatischen schulpolitischen Lösungen zu schüren. Die Vertrautheit und das gegenseitige Kennen von Schülern, Lehrern und Eltern und die Einbindung in den regionalen wirtschaftlichen und kulturellen Kontext haben nachweisbar positive Auswirkungen auf das Schulleben, auf die Lernmotivation und die soziale Entwicklung der Jugendlichen.
  2. Die Schule der Zukunft wird sehr viel stärker von den Gemeinden mitgestaltet werden. Die erfolgreiche Schule der Zukunft wird eine Schule des Miteinanders. Alle Verantwortlichen werden gemeinsam ihre Schule so gestalten, dass sie den lokalen Besonderheiten und Bedürfnissen angemessen ist. Dies erhöht und sichert die Attraktivität der Schule vor Ort sowohl für Eltern als auch für die Wirtschaft. Das bedeutet einen intensiven Dialog der Betroffenen vor Ort, d. h. der Gemeinde, der Schulen, der Eltern und der örtlichen Unternehmen zu beginnen.

Bildungspolitik wird in den nächsten Jahren ein neues bedeutendes Handlungsfeld der Kommunalpolitik. Die zentrale Schulverwaltung wird regulierende und beratende Aufgaben übernehmen, um die Vergleichbarkeit der Abschlüsse und der Lernangebote sicher zu stellen.

Aus dieser Veränderung heraus wird ein neues Bildungsverständnis entstehen, wie wir es in vielen Ländern bereits vorfinden. Neben den viel zitierten skandinavischen Ländern hat z. B. Neuseeland in den letzten 20 Jahren sehr erfolgreich sein Schulsystem reformiert, indem es regionale Gesichtspunkte stärker in den Mittelpunkt stellte. Besonders interessant ist Neuseeland, weil es sich um einen Flächenstaat handelt und weil es dort im Gegensatz zu den USA und Kanada kaum Privatschulen gibt. In den staatlichen Schulen wurden die Entscheidungskompetenzen systematisch auf die einzelne Schule verlagert. Dazu gehören das pädagogische Profil der Schule, die Ausstattung der Schule und die Einstellung der Lehrerinnen und Lehrer. Dies sind wesentliche Gründe, dass Neuseeland heute eines der Spitzenländer bei den PISA-Vergleichen ist. Die Grundstrukturen der Schulen sind übrigens zwischen konservativen und der Labour Partei unumstritten.

Zur Position des bayerischen Realschullehrerverbandes

Der Bayerische Realschullehrerverband (brlv) wehrt sich vehement gegen jede Form der institutionellen Zusammenarbeit zwischen Hauptschule und Realschule. Der brlv hat sich gewiss auch Ihnen gegenüber schon zu Wort gemeldet. Er versteht sich ausschließlich als Interessenvertreter der ca. 5 000 Realschullehrer, die bei ihm organisiert sind, und will auf keinen Fall, dass Hauptschulen und Realschulen zusammenarbeiten. Wir beobachten dies mit Bedauern. Dennoch ist eine reine Klientelpolitik in einer Demokratie legitim, auch wenn sie nicht zukunftsweisend ist.

Den BLLV treibt eine andere Sorge um: Wir haben Angst, dass Partikularinteressen uns daran hindern, pragmatische Antworten auf die dramatischen regionalen, wirtschaftlichen und pädagogischen Herausforderungen zu finden. Der BLLV hat 55 000 Mitglieder und ist schulartübergreifend tätig. Wir treten für ein neues Schulverständnis an allen Schularten ein. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, Partikularinteressen hintan und das Kind in den Mittelpunkt zu stellen.

Zeit für einen Neubeginn

Die Zeit ist reif, über Schule neu nachzudenken und sie wieder in ihren regionalen Kontext zu stellen. Wir brauchen in den Zeiten der Globalisierung eine hohe Verbundenheit der Eltern, der Gemeinde und der Lehrer mit ihrer Heimat. Dazu gehört ganz wesentlich die wohnortnahe Schule, an der neben dem Hauptschulabschluss auch der Realschulabschluss vergeben wird. Schulhäuser und Lehrer gibt es, wir müssen nur handeln.

Wir bitten Sie um  Unterstützung für das Konzept der regionalen Schulentwicklung. Stellen Sie Anträge für Ihre Schule in der Gemeinde, werden Sie Teil der regionalen Schulentwicklungsbewegung. Sprechen Sie mit Ihrem Stimmkreisabgeordneten und werben Sie für ein Umdenken in der Schulpolitik.

Gerne steht Ihnen der BLLV für Einzelgespräche oder Beratungen zur Verfügung. Falls Sie mehr wissen wollen über regionale Schulentwicklung, können Sie dies sowohl auf unserer Homepage www.regionale-schulentwicklung.bllv.de nachlesen, als auch direkt in Kontakt mit uns treten unter schulpolitik (at) bllv.de oder Tel. 089 721001-27.

Ich bin optimistisch, dass es uns gelingt, gemeinsam einen neuen schulpolitischen Aufbruch in unserem Bayern zu wagen. Wir stecken mitten in massiven strukturelle Bedrohungen der ländlichen Regionen. Es ist an der Zeit, auch in der kommunalen Schulpolitik neue Wege zu gehen.


Dateien:
BgmNov08.1_01.pdf49 K

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