11. November 2005

Weiterentwicklung der Hauptschule

Bessere Chancen für Schüler – Mehr Unterstützung für Lehrer

Bestandsaufnahme

Heterogene Schülerpopulationen

Die Lage der Hauptschule hat sich in den letzten Jahren sichtbar zugespitzt. Hauptschüler/innen kommen aus Familien mit sehr unterschiedlichem sozialen und kulturellen Hintergrund. Besonders häufig besuchen Schüler/innen die Hauptschule, die aus Migrantenfamilien kommen.
Lerninteressen und Leistungsfähigkeit von Hauptschüler/innen unterscheiden sich stark. Hierbei kommen insbesondere regionale Unterschiede zum Tragen. Oft sind die Bildungsbiografien von Hauptschülern von Misserfolgen und Ausgrenzung gekennzeichnet.

Veränderter Ausbildungsmarkt

Die Qualifikationsanforderungen für eine Berufsausbildung steigen weiter. Hauptschüler unterliegen einem verschärften Verdrängungswettbewerb um Ausbildungsplätze. Viele finden keinen Ausbildungsplatz. Sie sind ohne Perspektive. Über 10 % der bayerischen Hauptschüler verlassen die Schule ohne Abschluss. Die berufsbildenden Maßnahmen für arbeitslose Hauptschulabgänger sind gut gemeint, führen allerdings in der Regel nicht zu dem erwünschten Erfolg. Sie zögern die Jugendarbeitslosigkeit um ein bis zwei Jahre hinaus und entlasten die Statistik. Sie geben den Betroffenen aber keine langfristige berufliche Perspektive.

Immer mehr Schulschließungen

Immer mehr Hauptschulen stehen vor der Schließung. Seit 1992 wurden 184 Teilhauptschulen geschlossen. In den kommenden Jahren sollen nach Beschluss des Landtags alle 472 noch bestehenden Teilhauptschulen aufgelöst werden. Dadurch will man 500 Lehrerplanstellen einsparen. Mit der Schließung von Schulen zeichnen sich erhebliche pädagogische Probleme ab. Die Schüler verlieren die soziale Einbindung in ihren Heimatort. Große Schuleinheiten führen zur Anonymität und zu vermehrten Disziplinproblemen.

Lehrermangel ist absehbar

Auch der absehbare Lehrermangel stellt die Hauptschule vor enorme Probleme. Die Zahl der Studenten für das Lehramt an Hauptschulen ist gesunken. Bereits in den nächsten Jahren können Lehrerstellen, die durch Pensionierung frei werden, nicht mehr in vollem Umfang von Junglehrer/innen besetzt werden.

Schlechte Arbeitsbedingungen

Eine nachhaltige Verbesserung der Akzeptanz der Hauptschule ist bis heute nicht gelungen. Die Schulpolitik hat es versäumt, für die Hauptschule ein exklusives Bildungsprofil zu entwickeln. Ebenso wenig wurden und werden für Hauptschüler/innen die notwendigen Fördermöglichkeiten bereitgestellt. Die Hauptschule erfüllt nur dann einen eigenständigen Bildungs- und Erziehungsauftrag, wenn sie Jugendliche dazu befähigen kann, am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft

Die Ergebnisse der neuesten PISA-Untersuchung waren für Bayern insgesamt ermutigend. Allerdings haben sie ein gravierendes Defizit aufgezeigt, nämlich die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft der Schüler. Dieser Zusammenhang ist in Bayern bundesweit am höchsten. Dies trifft insbesondere für Migrantenkinder und Hauptschüler/innen in sozialen Brennpunkten zu.

Keine Mittel für individuelle Förderung

Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen müssen einer Schülerschaft gerecht werden, die sehr unterschiedlichen Zugang zum Lernen findet. Ein großer Teil der Schüler/innen braucht besondere individuelle Förderung und Zuwendung. Bislang versagt die Schulpolitik den Lehrer/innen an Hauptschulen die notwendige Unterstützung. Die spezifischen pädagogischen Belastungen und fachlich-didaktischen Anforderungen werden weder in der Politik noch in der Gesellschaft anerkannt. Viele Hauptschullehrer/innen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und in ihrem Idealismus ausgebeutet.

Handlungsansätze

Der BLLV ist in großer Sorge um Hauptschülerinnen und Hauptschüler und ihre Lehrer/innen – nicht erst seit den Gewaltauswüchsen in Frankreich. Der BLLV fordert wohnortnahe Hauptschulen, bessere Bildungs-, Ausbildungs- und Berufschancen sowie spürbare Unterstützung und Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen. Der BLLV fordert, dass Hauptschüler/innen in unserer Gesellschaft beruflich und sozial integriert werden. Um die Situation der Hauptschüler/innen zu verbessern, fordern wir für das Jahr 2006 eine Bildungsoffensive Hauptschule.

Inhalte der Bildungsoffensive müssen sein:

  • kleinere Klassen und mehr Fördermaßnahmen für lernschwache Schüler, insbesondere der Ausbau der Praxisklassen
  • mehr Ganztagsschulen und anspruchsvolle ganztägige Betreuungsangebote
  • handlungs- und projektorientiertes Lernen an berufsbezogenen Inhalten
  • mehr Sprachlernklassen und Erhalt des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts
  • mehr sportliche und musisch-darstellende Aktivitäten
  • zusätzliche finanzielle und personelle Mittel für Schulen in sozialen Brennpunkten
  • mehr sonderpädagogische und sozialpädagogische Fachkräfte
  • ausreichend Fachpersonal für individuelle Stützmaßnahmen

Der BLLV begrüßt ausdrücklich die von Staatsminister Siegfried Schneider angekündigte Aufwertung der beruflichen Bildung zu einem gleichwertigen Weg zur Hochschulreife. Allerdings darf darüber nicht die Mehrheit der Hauptschüler aus dem Blickfeld geraten, die über eine Berufsausbildung Arbeitsplätze suchen. Diese Hauptschüler/innen brauchen dringend verbesserte Bildungsmaßnahmen.

Abschließend stellen wir fest: Wer das dreigliedrige Schulsystem in Bayern erhalten will, muss die Verantwortung für alle Schulstufen und Schularten in gleicher Weise übernehmen. Die Hauptschule darf nicht wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelt werden. Auch Hauptschüler/innen haben ein Recht auf bestmögliche Förderung und Bildungschancen. Auch Lehrer/innen an Hauptschulen haben einen Anspruch auf überzeugende Unterstützung und Anerkennung ihrer pädagogischen Arbeit, die sie unter erschwerten Bedingungen leisten.

Petition des BLLV vom 11. November 2005 an den Bayerischen Landtag


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