28. November 2001

Neunte Änderungungsverordnung der LPO I

Stellungnahme des BLLV

Der BLLV begrüßt grundsätzlich Reformen in der Lehrerbildung, zumal die im Gefolge sozialen Wandels veränderten Lebensumwelten von Kindern und Jugendlichen Korrekturen der Rollenerwartungen an Lehrerinnen und Lehrer nach sich ziehen. Die Neunte Verordnung zur Änderung der Lehramtsprüfungsordnung I weist nach Auffassung des BLLV insgesamt in die richtige Richtung, da sie positive Ansätze der gemischten Kommission "Lehrerbildung" der KMK aufgreift und auch dem vorausgehend angedeuteten veränderten Anforderungsprofil im Lehrberuf Rechnung zu tragen versucht.

Im Einzelnen:

1. Erziehungswissenschaften

Begrüßt wird vor allen Dingen die Ausweitung der Studienanteile des Erziehungswissenschaftlichen Studiums für alle Lehrämter (vgl. § 36). Für alle Lehrpersonen wird die wissenschaftliche Ausbildung vor allem in den Erziehungswissenschaften und den Fachdidaktiken zunehmend von Bedeutung sein. Insofern ist es erfreulich, dass § 36 (1) 2. festschreibt, dass sich die Erste Staatsprüfung für jedes Lehramt auch auf die Erziehungswissenschaften erstreckt.

Allerdings bedarf der § 36 vor allem verpflichtenderer Formulierungen: Hier werden in (1) 1. a), b) und c) zwar "Richtzahlen" für Semesterwochenstunden in Allgemeiner Pädagogik, Schulpädagogik und Psychologie angegeben. Damit ist für die Studierenden nach wie vor die Teilnahme an erziehungswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen beliebig, da Studierende keinen verbindlichen Nachweis (z. B. Seminarscheine, Teilnahmescheine) der o.g. Studienanteile zum Staatsexamen vorlegen müssen. Darüber hinaus muss geprüft werden, inwieweit die personelle und materielle Ausstattung der erziehungswissenschaftlichen Lehrstühle der - dringend notwendigen - Anhebung dieser Studienanteile gerecht werden kann. Eine bloße Erhöhung der Stundenanzahlen des Erziehungswissenschaftlichen Studiums erzielt so keineswegs per se ein Mehr an Effizienz. Die im Abschlussbericht der Gemischten Kommission der KMK "Lehrerbildung" zu Recht geforderte Überwindung der "Beliebigkeit (...) des Studierens" (vgl. Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland 1999, S. 7) kann auf diese Weise nicht verwirklicht werden. Insofern bleibt der vorliegende Entwurf der Neunten Verordnung zur Änderung der LPO I sogar hinter dem Landtagsbeschluss zurück, der "den Besuch von Veranstaltungen in Erziehungswissenschaft (...) verpflichtend vorschreibt".

Der Bedeutung der Erziehungswissenschaften für alle Lehrämter wird darüber hinaus auch § 30 (1) 2. nicht gerecht. Eine schriftliche Hausarbeit beim Lehramt Gymnasium kann - analog zu den in (1) 1. genannten übrigen Lehrämtern - nicht auch ggf. in den Erziehungswissenschaften allein, sondern nur in einem Gebiet gefertigt werden, das sich "auf ein Fach der gewählten Fächerverbindung und auf Erziehungswissenschaften" erstreckt. Nach Auffassung des BLLV muss hier eine entsprechende "Oder"-Erweiterung ebenfalls möglich sein. Die hier vorliegende Regelung beim Lehramt an Gymnasien mit Blick auf eine zu erstellende Hausarbeit diskriminiert andernfalls die Erziehungswissenschaften gegenüber einem entsprechenden Fach der gewählten Fächerverbindung.

Die Erhöhung des Anteils und der Gewichtung der Note in den Erziehungswissenschaften im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien auf 1/8 der Gesamtprüfungsleistung (vgl. § 34, (2)) ist zwar erfreulich, ist jedoch insgesamt angesichts der Tatsache, dass die Semesterwochenstunden in diesem Teilbereich für dieses Lehramt verdoppelt wurden, noch immer zu gering. Die ebenfalls - leider nur geringfügige - Aufwertung der Fachdidaktiken innerhalb der Fachnoten für das Lehramt an Gymnasien ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Mit nur 4 SWS fachdidaktischer gegenüber 66 SWS sonstiger fachwissenschaftlicher Ausbildung werden Studierende des Lehramts Gymnasium aber auch künftig mit zu wenig fachdidaktischen Kenntnissen ausgestattet.

In § 36 (2) "Fachliche Zulassungsvoraussetzungen" 1 bb) ist im Sinne der Gleichberechtigung bei der Auswahl aller hier genannten Fächer nicht nachvollziehbar, dass Evangelische oder Katholische Religionslehre bevorzugt werden. Deshalb erscheint der Textabschnitt nach dem zweiten Strichpunkt dieses Absatzes ersatzlos entfallen zu können. Analoges gilt für den Textabschnitt § 36 (2) 1. c), bb) nach dem zweiten Strichpunkt.

In § 36 (3) 1. c) "(...) sonderpädagogische Einrichtungen (...)" stellt sich mit dieser Formulierung die Frage, ob damit das SFZ (Sonderpädagogisches Förderzentrum) mit seinen zwingenden Einrichtungen in vollem Umfang erfasst wird: MSH (Mobile sonderpädagogische Hilfe), MSD (Mobiler Sonderpädagogischer Dienst), SVE (Schulvorbereitende Einrichtung), DFK (Diagnose- und Förderklassen), GSK (Grundschulklassen) und eigentliche Förderschulklassen.

In § 36 (3) 1. c) fehlt die explizite Nennung der "Umwelterziehung / Umweltbildung". Obgleich die Umwelterziehung seit 1984 als oberstes Bildungsziel in der Bayerischen Verfassung verankert ist, wird sie hier nicht berücksichtigt. Zu klären ist auch, wann und innerhalb welchen Studienfaches sich die Lehramtsstudierenden an der Universität mit der Umweltbildung beschäftigen sollen.

In § 36 (3) 2. d) "(...)Förderung von Schülern mit besonderen Lern- und Erziehungsvoraussetzungen (z. B. Hochbegabte, Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten, Schüler mit Lernschwierigkeiten)" sollten die Zielsetzungen von DFK, GSK sowie des MSD mit seiner Beratungskompetenz beispielhaft aufgeführt werden.

2. Studienbegleitende Leistungsnachweise

Studienbegleitende Leistungsnachweise, d. h. mündliche Prüfungen während des Studiums, deren Noten bereits in die Staatsnote eingehen, sind nur ansatzweise vorgesehen (vgl. § 28 a). Sie beschränken sich meist auf sprach- und musikpraktische Leistungen und tragen wenig zur Entzerrung der Staatsprüfung bei. Um Lehramtsstudierenden geeignete Rückmeldung über ihren aktuellen Leistungsstand und die Qualität ihrer Studien zu vermitteln, sollten statt dessen angemessene Zwischenprüfungen für alle Lehramtsstudiengänge eingeführt werden.

3. Orientierungspraktikum

Die allgemeine Einführung eines Orientierungspraktikums begrüßt der BLLV, zumal es sich um eine der Forderungen unseres Verbandes zur Reform der Lehrerbildung handelt und in Würzburg mit Unterstützung des BLLV auf freiwilliger Basis bereits seit einiger Zeit durchgeführt wird.

Ein Orientierungspraktikum stellt für angehende Lehramtsstudierende eine erste Möglichkeit dar, die Aufgaben und Anforderungen des später angestrebten Lehrberufs in der jeweiligen Schulstufe kennen zu lernen und diese mit eigenen Fähigkeiten und Neigungen zu vergleichen. Auf diese Weise kann es dazu beitragen, die eigene Berufswahl zu einem Zeitpunkt reflektieren zu können, in dem eine Umorientierung noch problemlos möglich ist. Allerdings ist die Erreichung dieser Ziele nicht so umstandslos zu verwirklichen. Ein Orientierungspraktikum kann seiner Funktion erst dann gerecht werden, wenn definierte Qualitätsstandards dafür festgelegt sind und deren Einhaltung gewährleistet ist. Dazu gehören zumindest eine detaillierte Beschreibung der von angehenden Lehramtsstudierenden zu erledigenden Aufgaben, eine intensive Vor- und Nachbereitung, begleitende Betreuung und eine kompetente Beratung.

Es ist bislang nicht geregelt, wer Betreuung und Beratung der angehenden Studierenden übernehmen soll. Wünschenswert erscheint hier eine intensive Zusammenarbeit zwischen den Schulen und den Hochschulen, etwa durch Praktikumslehrer und Hochschuldozenten in der Lehrerbildung. Dazu benötigte man jedoch auch zusätzliches Personal an Schule und Hochschule, das einerseits diese weitere Aufgabe zu leisten imstande ist und dem andererseits eine akzeptable Anrechnung dieser Tätigkeit auf das Stundendeputat gewährt wird. So müsste etwa eine erheblich größere Anzahl von freiwillig für dieses Amt zur Verfügung stehenden Praktikumslehrern als bisher vorhanden sein. Darüber hinaus müsste für diesen Personenkreis angesichts dessen hoher Verantwortung eine spezielle, auf diesen neuen Aufgabenbereich zugeschnittene, qualifizierende Aus- und Weiterbildung gewährleistet sein.

Problematisch ist auch, wann ein solches Praktikum abgeleistet werden kann. Es erscheint sinnvoll, ein Orientierungspraktikum entweder in der Zeit nach dem Abitur oder bereits ab der Klasse 12 des Gymnasiums ableisten zu können.

4. Betriebspraktikum

In § 38 wird ein Betriebspraktikum im Umfang von 8 Wochen für Studierende aller Lehrämter verpflichtend vorgeschrieben mit dem Ziel, einen "gründlichen Einblick in die Berufswelt außerhalb der Schule" (vgl. § 38 (1) 1.) zu vermitteln.

Inwieweit damit allerdings eine "Praxisnähere Gestaltung des Lehramtsstudiums" (vgl. Anlage 2, Begründung zur Neunten Verordnung zur Änderung der Lehramtsprüfungsordnung I, A., 1. a)) erreicht werden soll, ist nicht nachvollziehbar.

Darüber hinaus ist die überwiegende Zahl der Lehramtsstudierenden während des Studiums auf selbsterwirtschaftete finanzielle Mittel angewiesen, d. h. die Studierenden müssen in den Semesterferien bzw. auch während des Semesters arbeiten. Das Betriebspraktikum wird vermutlich wegen einer "Praktikantenschwemme" häufig unbezahlt stattfinden müssen, stellt so eine finanzielle Belastung für die Studierenden dar und führt in der Folge zu einer Verschärfung der sozialen Auslese. Der zeitliche Aufwand führt darüber hinaus zu einer Erhöhung der Studiendauer, was eine Erhöhung der Regelstudienzeit notwendig machte.

Im Übrigen gilt dasselbe, was bezüglich notwendiger Qualitätsstandards zum Orientierungspraktikum geäußert wurde, auch für das Betriebspraktikum, wenn dieses für Studierende nicht zu marginalen Hilfstätigkeiten ("Brotzeitholer") verkommen soll. Der BLLV lehnt aus den vorausgehend dargelegten Überlegungen das Betriebspraktikum in dieser Form ab. Zumindest sollte ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen dem Betriebspraktikum und den studierten Fächern bestehen.

Darüber hinaus bedeutet eine Begrenzung des Praktikums auf den wirtschaftlichen Bereich eine gleichzeitige Abwertung nichtwirtschaftlichen Engagements. Ein Entfallen des Betriebspraktikums, wie es § 38 (1) 1., letzter Satz, unter bestimmten Bedingungen zulässt, müsste analog dazu wenigstens auch für freiwillige ehrenamtliche Tätigkeiten für die Gesellschaft oder im Freiwilligen Sozialen Jahr ermöglicht werden.

Anders stellt sich die Durchführung eines Betriebspraktikums im Studienfach Arbeitslehre dar. Hier ist ein solches Praktikum notwendig und bereits jetzt schon in Form eines vierwöchigen Wirtschafts- und Sozialpraktikums vorgeschrieben.

Hier muss mit Blick auf die "wissenschaftliche Situation" des Faches Arbeitslehre angemahnt werden, dass in Bayern lediglich zwei Lehrstühle für das Fach Arbeitslehre bestehen. Da "Arbeitslehre" ein "profilbildendes" Fach im Fächerkanon der Hauptschule darstellt bzw. in der gegenwärtigen Lehrplanüberarbeitung eine weitere Stärkung dieses Faches angedacht ist, muss die Anzahl der Lehrstühle erweitert sowie die wissenschaftliche Forschung in diesem Fach gefördert werden. Entsprechend müsste an den Universitäten dieses Fach mit ausreichend wissenschaftlichem Personal etabliert werden.

5. Diplome

Der BLLV begrüßt grundsätzlich, dass Lehrern aller Lehrämter nach Bestehen der Ersten Staatsprüfung nach § 10 (3) ein Akademischer Grad verliehen werden soll. Allerdings ist nicht nachzuvollziehen, warum im Entwurf abweichend von den sonst einheitlichen Regelungen für alle anderen Lehrämter für das Lehramt an Gymnasien die Bezeichnung "Diplom-Philologe" vorgesehen wurde. Zum einen ist diese Bezeichnung für Gymnasiallehrer mit Fächern wie Mathematik, Physik, Kunst, Musik, Biologie oder Erdkunde wohl kaum gemäß dem Wortsinn zutreffend, zum anderen ist doch wohl auch ein Gymnasiallehrer vorrangig ein "Lehrer". In Analogie dazu muss die staatliche Bezeichnung auch in diesem Falle "Diplom-Gymnasiallehrer" (abgekürzt: Dipl. GymL) lauten.

6. Begriff "vertieft studiertes Fach"

Der BLLV begrüßt sehr die Eliminierung des diskriminierenden Begriffs "nicht vertieft studiertes Fach" (vgl. Anlage 4).

7. Einführung neuer Fächer/Fächerverbindungen

Die Einführung des Unterrichtsfachs Ethik für die Lehrämter an Grund-, Haupt- und Realschulen wird erfreut zur Kenntnis genommen. Es sollte gleichberechtigt neben den Fächern Katholischer und Evangelischer Religionslehre/Theologie verankert werden und damit - dem Bedarf an unseren Schulen entsprechend - auch für das Studium im Rahmen der Didaktiken einer Fächergruppe für Grund- bzw. Hauptschulen zur Verfügung stehen.

Positiv bewertete der BLLV die Einführung des Fremdsprachen-Frühbeginns in der Grundschule. Wie bisher lässt sich allerdings z. B. Englisch für die Grundschule nur ganz - als Unterrichtsfach - oder gar nicht studieren. Ein Ausbildungsangebot im Rahmen der Didaktikfächer mit entsprechender Breitenwirkung ist nicht existent.

Der Aufnahme der Bereiche "Medienpädagogik" und "Darstellendes Spiel" steht der BLLV sehr positiv gegenüber.

Warum das Studienfach "Informatik" nur den Lehrämtern für Realschule und Gymnasium vorbehalten sein sollte und nicht ebenso für das Lehramt Hauptschule gelten solle, kann nicht nachvollzogen werden. Deshalb fordert der BLLV dieses Studienfach nachdrücklich auch für das Lehramt für Hauptschulen.

8. Fächerverbindungen des Lehramts an Sonderschulen

Mit Verwunderung stellt der BLLV fest, dass der bislang gebräuchliche Terminus "Förderschule", (ohne explizierte Begründung) in "Sonderschule" umbenannt wird, dieser Terminus jedoch im vorliegenden Entwurf auch nicht konsistent verwendet wird (vgl. z. B. § 102 (1) 2., 1. Satz). Die im Entwurf nicht genannten Kenntnisse im Bereich der Beratungskompetenz und Gesprächsführung erscheinen für künftige Lehrerinnen und Lehrer an Förderschulen als eine wesentliche berufliche Qualifikation. Sie sollten deshalb eigens erwähnt werden.

Der BLLV weist darauf hin, dass es in der Praxis günstig ist, dass die Lehrer an Förderzentren mindesten in zwei Fachrichtungen ausgebildet sind.

Die Förderschulen bemühen sich seit jeher um Integration und Kooperation, inzwischen ist dies absolute Pflichtaufgabe. Daher ist es unbedingt notwendig, dass alle Lehrämter grundlegende Kenntnisse über das Förderschulwesen bereits im Studium erlangen. Diese Grundkenntnisse sollten in geeigneter Weise abgesichert sein und nicht dem Zufall überlassen werden. Die Eigenständigkeit der Sonderpädagogik darf darüber jedoch nicht in Frage gestellt werden.

Die Neufassung der LPO I macht es schwer überhaupt zu erkennen, dass das Sonderschulstudium in irgend einer Weise neugestaltet wurde oder auf den Artikel 30 BayEUG (Zusammenarbeit von Schulen) Bezug genommen wird.

Der Beschluss des Bayerischen Landtags vom 8. Juli 1998 (Drs. 13/11927) zur integrativen schulischen Förderung muss sich auch in der LPO I widerspiegeln.

Resümee

Der BLLV bittet das Staatsministerium um Berücksichtigung der hier gemachten Vorschläge. Insgesamt darf festgestellt werden, dass die Neunte Verordnung zur Änderung der LPO I eine deutliche Verbesserung gegenüber der bisher vorliegenden Fassung darstellt, da sie die Notwendigkeit einer pädagogischen Lehrerbildung anerkennt.


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