11. Dezember 2007

Übergang von der Schule in den Beruf - Mehr Hilfe für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf nötig

Petition des BLLV an den Bayerischen Landtag vom 11.12.2007

Präsident des Bayerischen Landtags
Herrn Alois Glück
Maximilianeum
81627 München

10. Dezember 2007

Petition
Übergang von der Schule in den Beruf
Mehr Hilfe für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf nötig

Sehr geehrter Herr Präsident,

bitte leiten Sie die nachfolgende Petition des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) an den zuständigen Fachausschuss zur Bearbeitung weiter.

Problem

Sowohl die Menschenrechtserklärungen der Vereinten Nationen (Art. 23) als auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Art. 12) bekunden das Recht eines jeden Menschen auf Arbeit bzw. die freie Berufswahl ohne Ausgrenzung von jungen Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die gegenwärtige Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist diesbezüglich ein noch ungelöstes Problem. Die angespannte Situation trifft nach wie vor die Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit sonderpädagogischem Förderbedarf extrem hart.

Von 5663 Absolventen und Abgängern im Schuljahr 2005/06 mit erfüllter Vollzeitschulpflicht aus den Volksschulen zu sonderpädagogischen Förderung haben 4910 Schülerinnen und Schüler keinen Hauptschulabschluss erreicht. Viele sind daher auf Förderprogramme und Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation angewiesen. Wenn passgerechte Angebote nach der Schulzeit fehlen, bleiben als Ausweg nur Warteschleifen oder der Weg in die Jugendarbeitslosigkeit. Die Vorbereitung auf eine Erwerbstätigkeit ist daher eine zentrale Aufgabe der Förderschulen.

Viele Fragen sind noch offen

Wie kann dafür gesorgt werden, dass die große Zahl jugendlicher Arbeitsloser abnimmt? Wie kann der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen präventiv entgegengewirkt werden? Wie kann der Zugang zu allgemeiner und beruflicher Bildung verbessert werden? Wie können Qualifikationen vermittelt werden, die den Fähigkeiten der Jugendlichen entsprechen? Wie können sie für den Eintritt in das Berufsleben adäquat gerüstet werden?

Der Übergangsprozess wird von verschiedenen Faktoren bestimmt

Für den BLLV ist der Übergang in das Berufsleben ein komplexer Prozess. Er muss u.a. durch schulpolitische Maßnahmen unterstützt werden, an dem die Jugendlichen, ihre Familien und die beteiligten Fachkräfte beteiligt sein müssen. Ebenso erforderlich ist eine enge Kooperation zwischen Schulen und Arbeitsmarkt. Der Prozess muss durch professionelle, sonderpädagogische Fachkräfte langfristig vorbereitet, unterstützt und begleitet werden. Den Förderschulen kommt hier eine zentrale Rolle zu.

Schulische Möglichkeiten der Berufsvorbereitung stärken

Das fächerübergreifende und fächervernetzende Unterrichtsprinzip des Lernbereichs Berufs- und Lebensorientierung (BLO) stellt eine wichtige Weiterentwicklung der bisherigen Konzepte zur Berufswahlvorbereitung und Berufsorientierung dar. Im Lernbereich BLO erhalten die Anbahnung und der Erwerb von berufsbezogenen Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen besondere Bedeutung. Die Vernetzung der Inhalte des Lernbereichs BLO umfasst sowohl die Hauptfächer als auch unterschiedliche Berufsfelder. Die praktische Umsetzung erfordert daher eine langfristige Planung und Zusammenarbeit von Sonderschul- (Sonderpädagogen) und Fachlehrern als festes Team.

Petitum

Betrachtet man die aktuelle Situation zur Möglichkeit der schulischen Berufsvorbereitung, so muss die Entwicklung und der Ablauf des Übergangsprozesses weiter verbessert werden.

Deshalb fordert der BLLV:

  1. Die Koordination der politischen Maßnahmen. Vor allem die Zusammenarbeit zwischen Förderschulen und ihren Partnern (Agentur für Arbeit, Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung, Berufsbildungswerke, Werkstätten usw.) muss gefördert und verbessert werden. Die Förderschulen als Koordinatoren dieser Zusammenarbeit sind personell entsprechend auszustatten.
  2. Die aktive Beteiligung der Jugendlichen und ihrer Familien am Übergangsprozess. Für Diagnostik, Anleitung, Beratung und Koordination müssen an den Förderschulen die nötigen Ressourcen bereitgestellt werden.
  3. Die Ausbildungsfähigkeit muss langfristig angebahnt und vorbereitet werden. Die Förderung der nötigen Grundkompetenzen der Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist daher Aufgabe der Grund- und Hauptschulstufe einer (jeder) Förderschule, die hierfür entsprechend unterstützt werden muss.
  4. Die regionale Kooperation zwischen Wirtschaft und Förderschule. Es muss sichergestellt sein, dass alle Jugendlichen reale Arbeitsbedingungen kennen lernen, dort ihre Kompetenzen entdecken und ausbilden können. Die Wirtschaft nimmt dabei ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr und stellt die notwendigen Ausbildungs- und Arbeitsplätze bereit. Die Förderschule initiiert und organisiert durch Praktika den Kontakt von Schülern, Ausbildern und Arbeitgebern. Eine Begleitung der Jugendlichen durch
    Integrationsfachdienste ist anzustreben.
  5. Ein multiprofessionelles Kollegium an den Förderschulen. Die Politik muss ausreichend Stellen für alle in der Berufsvorbereitung tätigen Personen (z.B. Sonderschullehrer, Fachlehrer, Heilpädagogische Förderlehrer, Werkmeister, Schulsozialarbeiter usw.) zur Verfügung stellen.
  6. Den Aufbau und die Weiterentwicklung eines integrativen, sonderpädagogischen Fördersystems. Der Mobile Sonderpädagogische Dienst (MSD) muss an den Förderschulen sowie den Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung hierfür qualifiziert und ausgebaut werden. Beim Scheitern integrativer Arbeitsmaßnahmen ist die Rückkehr behinderter Menschen in die Werkstätten sicherzustellen.
  7. Die Aufnahme entsprechender Inhalte in die Aus- und Fortbildung aller sonderpädagogischer Fachkräfte.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Wenzel


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