29. Juli 2010

Die Evaluation der Evaluation

Draufschauen - Reinschauen – Wegschauen

Petition an den Bayerischen Landtag

Nur eine lernende Schule, eine Schule, die die Qualität ihrer Arbeit regelmäßig überprüft, die ihre Stärken und Schwächen kennt und sich zum Wohle der ihr anvertrauten Schülerinnen und Schüler ständig weiterentwickelt, kann heutigen gesellschaftlichen Ansprüchen an eine gute Bildungseinrichtung gerecht werden. Evaluation ist daher für eine zeitgemäße Schule eine Notwendigkeit. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fordert eine Schule in erweiterter Verantwortung. Demnach gehört die Externe Evaluation zwingend dazu.

„Nichts ist so gut, dass es nicht verbessert werden könnte“, sagt der Volksmund. Verbessert werden kann die Qualität der Einzelschule, des Schulsystems als Ganzes, aber eben auch die der Externen Evaluation.

Evaluation bedeutet eine systematische sachgerechte Bewertung und Analyse von Bedingungen, Prozessen und Ergebnissen der Qualität oder dem Nutzen eines Projekts, eines Prozesses oder einer Organisationseinheit. Und nicht: ein Draufschauen, ein Reinschauen und dann ein Wegschauen. Evaluation verspricht Antworten. Evaluation findet auf der Basis von Zielvereinbarungen statt, sofern die Schule bereits im Vorfeld der Externen Evaluation selbst Ziele formuliert hat. Maßnahmen, die der Zielerreichung dienen, werden daraufhin geplant. Die Wirksamkeit und die Zielerreichung werden in angemessenen Zeitabständen überprüft. Nach dem Reinschauen kommt dann häufig ein kollektives Wegschauen: ein Alleingelassenwerden vom Evaluationsteam, ein Fehlen eines Betreuungs- und Coachingteams und eben auch ein Wegschauen der Schule selbst.

Der BLLV begrüßt jegliche Maßnahmen die der Steigerung der Qualität von Schule dienen. Externe Evaluation ist eine solche. Aber: Sie darf nicht nur ein Instrument des Reinschauens und dann Wegschauens sein. Evaluation ist sinnvoll, wenn sie in der Analyse auf die Einzelschule abgestimmt ist. Die Ergebnisse beeinflussen nur dann die Qualität der einzelnen Schule nachhaltig, wenn sich diese für die erzielten Ergebnisse selbstverantwortlich fühlt. Schule in erweiterter Verantwortung (ScheV) mit Rechenschaftslegung ist das Schlagwort und nicht Misstrauen, Kontrolle, Ranking oder Überwachung.

Bayerns Kultusminister ruft das Motto „Loslassen und Zulassen“ aus. Dem ist zuzustimmen, denn der BLLV ist der Ansicht, dass es „Freiheit in den Wegen – Verpflichtung in den Zielen“ braucht. Die Schule vor Ort muss primär draufschauen, reinschauen und dann auch genau hinschauen. Nur eine Kultur des Vertrauens und der Unterstützung dient der Weiterentwicklung der Schulqualität, nicht aber eine „Benotung“ der Schulen von außen oder gar ein Ranking der Schulen.

Die bis dato evaluierten Schulen sprechen ein deutliches Wort:

Es entsteht ein hohes Maß an zusätzlichem Verwaltungsaufwand für die Schulleitung und die Verwaltungsangestellten, auch weil die vorhandenen Schulverwaltungsprogramme keine Unterstützung leisten.

Die Datenerhebungen kosten viel Zeit. Die Ergebnisse werden nicht immer ausreichend transparent gemacht. So entsteht oftmals Misstrauen.

Externe und Interne Evaluation werden nicht aufeinander abgestimmt. Die Externe Evaluation orientiert sich zu wenig am aktuellen Schulprofil der Schule vor Ort.

Es werden stets die gleichen standardisierten Instrumente angewendet. Hinter diesen vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung  (ISB) entwickelten Methoden stehen aber Theorien von Schule und Unterricht, die nicht auf jede Schule standardisiert anzuwenden sind.

Es ist oft nicht klar, wie die Bewertungen im Bericht zustande kommen. Sie werden nicht immer ausreichend transparent gemacht. So entsteht eine Misstrauenskultur.

Die Empfehlungen des Evaluationsteams werden nicht immer als Hilfestellung für die qualitative Weiterentwicklung der Schule empfunden.

Die Relation zwischen Aufwand und Ertrag scheint nicht gegeben. Trennt man zwischen dem Bereich, in dem das Evaluationsteam an der Schule arbeitet (Vorbereitung, Schulbesuchstage, Bericht mit Empfehlungen) und dem Bereich, in dem die Schule unter Einbeziehung von Experten/Moderatoren/Schulentwicklern oder der Schulaufsicht gemeinsame Ziele in konkrete Handlungspläne umsetzt, dann muss die Relation zwischen Aufwand und Ertrag erneut reflektiert werden:
Welche Unterstützungssysteme helfen der Schule vor Ort wirklich weiter? Haben Schulleitungen Zeit für pädagogisches Führungshandeln im Sinne der Empfehlungen des Evaluationsberichts? Werden Beratungsfachkräfte bei der Analyse, der Ist-Situation und bei der Umsetzung der Zielvereinbarungen mit einbezogen (Netzwerkfunktion)? Sind nicht auch fehlende finanzielle Ressourcen der Schulleitung blockierend bei der Umsetzung?

Die Ergebnisse werden nicht immer als Hilfestellungen für die qualitative Weiterentwicklung der Schule empfunden.

Ergebnisse der Externen Evaluation waren der Schule bereits im Vorfeld klar. Die Konsequenzen aber blieben aus. Die Schule bekam aber bisher keine Ressourcen, um Verbesserungen zu erreichen.

In der Praxis zeigt sich z.B., dass Defizite in der modernen Unterrichtsgestaltung häufig als defizitär analysiert werden. Wie können Schulen und deren Netzwerke darauf reagieren? Solche Fragestellungen sollten handlungsleitend sein.

Schulsystemrelevante Fragen werden tabuisiert. Die Schulen fühlen sich alleingelassen, die Kollegien sich wenig ernst genommen.

Die Relation zwischen Aufwand und Ertrag ist somit insgesamt nicht gegeben.

Diese konzeptionellen Schwächen und das Ausbleiben von erlebten Konsequenzen führen dazu, dass die Externe Evaluation als wenig hilfreich und als negatives Schulentwicklungsinstrument wahrgenommen wird. Kaum eine Schule würde sich unter diesen Umständen freiwillig zur Externen Evaluation melden. Würde dem Draufschauen und Reinschauen ein professionelles Hinschauen, Begleiten und Unterstützen folgen, dann würde die Externe Evaluation zunehmend als Chance begriffen werden.

So aber spüren die Beteiligten, dass die Erkenntnisse der Externen Evaluation zu keinen spürbaren Verbesserungen vor Ort führen. Die Evaluation der Externen Evaluation schneidet schlecht ab. Ein eigentlich sinnvolles und in Bereichen der Wirtschaft effektives Instrument der Qualitäts­steigerung und -sicherung führt im schulischen Bereich bisher zu keinen konkreten Fortschritten.

 

P e t i t u m

Der BLLV stellt fest, dass Externe Evaluation nur unter folgenden Bedingungen einen Nutzen haben kann und fordert entsprechende Veränderungen und Maßnahmen:

Evaluation muss primär von den Prinzipien der Offenheit, Fairness, Freiwilligkeit, Mitwirkung und -bestimmung getragen sein.

Evaluation muss Teil der systematischen Schulentwicklung vor Ort sein. Das Einholen einer Außensicht, das blinde Flecken und den Tunnelblick der eigenen Schule aufdeckt, soll dazu führen, dass vorhandene Ressourcen der Schule vor Ort optimal genutzt werden.

Evaluation darf nicht im Datensumpf enden. Nach dem Draufschauen und Reinschauen müssen Konsequenzen folgen und zwar ganz konkret für die Schule vor Ort. Der Aufwand muss sich lohnen! Geld muss in die Hand genommen werden, denn wegschauen hilft keinem weiter!

Die Ergebnisse der Evaluation dürfen nicht für ein Ranking verwendet werden. Jede Schule hat ihr eigenes Profil – jede Schule hat andere Entwicklungspotentiale.

Das Stärken-Schwächen-Profil einer Schule muss durch kompetente Schulentwicklungs­begleiter weiterentwickelt werden. Ein Schulleiter, ein Schulentwicklungsteam allein kann das nicht leisten! Evaluation muss der Schule vor Ort eine Hilfe sein und keine Belastung!

Der Aufwand der zu erhebenden Daten muss deutlich reduziert werden. Die vorhandenen Schulverwaltungsprogramme müssen die entsprechenden Daten für die Externe Evaluation zur Verfügung stellen können.

Die Instrumente der Externen Evaluation müssen auf die vor Ort vereinbarten Ziele abgestimmt werden. Standardisierte Verfahren sind die Grundlage, Abweichungen aber je nach Situation der jeweiligen Schule möglich.

Die fehlende Unterstützung ist das größte Problem. Für die Umsetzung der gemeinsam vereinbarten Ziele fordert der BLLV: mehr Zeit für pädagogisches Führungshandeln der Schulleitung, großzügigere finanzielle Budgets für die Schulleitung, mehr personelle Ressourcen, schulhausinterne Schulentwicklungsteams mit extra Stunden und eine Schulaufsicht, die die Begleitung von Schulentwicklungsprozessen als zentrale Aufgabe definiert.

Externe Evaluation braucht eine grundlegende Vertrauenskultur und Zeit, sich im Schulsystem zu etablieren. Die Externe Evaluation wurde zu schnell und top-down eingeführt, die Kollegen an den Schulen vor Ort wurden nicht mitgenommen. Sie aber sind es, die die Empfehlungen von EVA eigenverantwortlich und engagiert im Rahmen von Schulentwicklungsprozessen umsetzen sollen.

Externe Evaluation lebt von der Kompetenz und der Akzeptanz der handelnden Personen. Das Team der Externen Evaluation ist ganz entscheidend für die Effektivität und Akzeptanz der Empfehlungen. Der BLLV fordert auch hier eine standardisierte Besetzung und Ausbildung dieses Teams. Die Aus- und Fortbildung des Teams braucht einen noch größeren Stellenwert. Vor allem die Prozesse im Rahmen der Internen Evaluation muss das Team sensibel aufnehmen und beachten.

Innere Schulentwicklung gelingt nur über Vertrauen, Freiwilligkeit, kollegialer Zusammen­arbeit und erlebter Selbstwirksamkeit. Druck, Fremdbestimmung und eine intransparente Öffentlichkeit fördern negative Ausweichmechanismen und Umgehungstaktiken in den Kollegien. Ergebnisse der Externen Evaluation müssen in der Einzelschule bleiben. Ein Ranking ist deshalb in jeder Form schädlich und abzulehnen.

 

Fazit:

Bei der Evaluation der Externen Evaluation dürfen wir nicht wegschauen: was sich so nicht bewährt hat, muss verändert und optimiert werden!

„Evaluation und Unterstützung gehören untrennbar zusammen. Unterstützung muss aber individuell gezielt erfolgen – und sie muss die Selbsttätigkeit der Schule voraussetzen.“ (ISB)

Wenn Schule selbsttätig sein soll, dann muss sie selbstständig und in erweiterter Verantwortung agieren dürfen. Der BLLV setzt sich für eine Schule mit mehr Freiraum zur Gestaltung der Schul­entwicklung vor Ort ein. Der BLLV kritisiert einen Schul-TÜV, der nur kontrolliert und überprüft und so die Qualitätsentwicklung der Schule vor Ort eher behindert. Nach dem Reinschauen kommt bisher häufig ein kollektives Wegschauen: ein Alleingelassenwerden, ein Fehlen eines Betreuungs- und Coachingteams und eben auch ein frustriertes, aber verständliches Weg­schauen der Schule selbst.

Evaluation ja, aber unter anderen Bedingungen und mit echten unterstützenden Konsequenzen. Die echten Nöte der Einzelschule (z.B. LRS-Stunden, Förderstunden für Migranten, Möglichkei­ten zum Team-Teaching, MSD- und/oder AsA-Stunden, Arbeitsgemeinschaften im musischen oder künstlerischen Bereich, Differenzierungs­stunden in den Bereichen, in denen die Kinder dieser Schule Defizite haben, Co-Lehrer für Ganztags-, Kombi- und Praxisklassen) müssen durch die Externe Evaluation behoben werden können.

Die Anschaffung neuer Fenster – als ein Ergebnis der Externen Evaluation - schafft zwar mehr Durchblick, aber über die echten Nöte einer Schule (z.B. mehr LRS-Stunden, Möglichkeiten zum Team-Teaching, Kollegiale Hospitationsangebote, SchiLF-Mittel für Externe Referenten, kleinere Klassen, MSD- und ASA-Stunden, Arbeitsgemeinschaften im musischen Bereich, mehr Lehrer­stunden für die Ganztagsklassen, einen Co-Lehrer für die Kombi- oder Praxisklasse…) wird hinweg geschaut!


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