29. März 2006

Jahrgangsstufentests

BLLV zu Sinn und Durchführung

In einem Schreiben an die Regierungen, staatlichen Schulämter und Hauptschulen vom 18.01.2006 weisen Sie darauf hin, dass es sich in der Praxis bewährt habe, die Schülerinnen und Schüler mit den Jahrgangsstufentests vertraut zu machen. Daher wird von Ihnen empfohlen, am Ende des vorausgehenden Schuljahres beispielhaft einen früheren Test und zu Beginn des neuen Schuljahres den Test des Vorjahres zur Übung zu bearbeiten.

Dieser Vorschlag gibt mir Anlass, einige grundsätzliche Aussagen zu Sinn und Durchführung der Jahrgangsstufentests zu machen.

Sinn und Zweck der Jahrgangsstufentests ist es, den Kenntnisstand der Schülerinnen und Schüler objektiv zu evaluieren, um Auskunft über deren Stärken und Schwächen zu erhalten. Auf diesen Ergebnissen aufbauend sollen Defizite behoben und Stärken gefördert werden. Die landesweite Durchführung der Tests soll zudem eine Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Klassen und Schulen im ganzen Freistaat herstellen. Die Leistung der einzelnen Klasse soll so objektiver einzuordnen sein. Die Ergebnisse dienen sowohl der Orientierung der einzelnen Lehrkraft und der einzelnen Schule, die sich im landesweiten Leistungsspektrum besser verorten können, als auch der Bildungsplanung, die Anhaltspunkte für eine Steuerung von Bildungsprozessen gewinnt.

Soweit die Theorie! Allerdings kann diese Theorie nur unter zwei Bedingungen realisiert werden: Zum einen müssen die zugrunde gelegten Jahrgangsstufentests valide und wissenschaftlich abgesicherte Aufgaben enthalten, die eine verlässliche Basis für eine aussagekräftige Auswertung erlauben. Zum anderen muss der Test unter vergleichbaren Umständen stattfinden. Dies bedeutet, dass verzerrende Einflüsse vermieden werden müssen. Solche verzerrenden Einflüsse sind z. B. die zielgerichtete Vorbereitung auf den Test, Hilfestellungen während des Tests oder die Ausdehnung der Bearbeitungszeit. Außerdem muss die Auswertung der Ergebnisse nach exakt den gleichen Maßstäben erfolgen.

Für die Art und Weise, wie die Jahrgangsstufentests an den weiterführenden Schulen Bayerns durchgeführt werden, lässt sich klar erkennen, dass keine dieser Bedingungen wirklich erfüllt ist: Von Seiten des ISB werden keine hinreichend fundierten Arbeiten zur Verfügung gestellt und die Rahmenbedingungen der Durchführung laden zu einer Verzerrung der Ergebnisse geradezu ein. Die gezielte Vorbereitung auf den Test wird den Schulen nun sogar in einem Schreiben des Kultusministeriums dringend empfohlen. Durch die Veröffentlichung der Schulen, die jeweils am besten in den Tests abgeschnitten haben, werden die Ergebnisse nicht mehr als Orientierung für die weitere Arbeit verstanden, sondern als Kriterium für die Bewertung der eigenen Arbeit. Das Ranking der nicht allzu aussagekräftigen Tests wird zu einem Ranking der Qualität einzelner Schulen und Lehrer! Dadurch wird der Schiedsrichter zum Beurteilten. Es entsteht ein Wettbewerb unter den Schulen, bei dem die ungleichen Startbedingungen wie Zusammensetzung der Schülerschaft oder personelle wie sächliche Ausstattung der Schule unberücksichtigt bleiben. Offensichtlich geht es nicht um Leistung, die erzielt und verbessert werden soll, sondern um die Vorspiegelung von Leistung, um möglichst gutes Abschneiden im Ranking der Schulen, Klassen und Lehrer. Das ständige Schielen nach äußerlichen, veröffentlichbaren Scheinerfolgen demotiviert jede Lehrkraft, die sich ernsthaft um das Weiterkommen ihrer Schüler bemüht!

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat Verständnis für das Bestreben von Lehrerinnen und Lehrern sowie Schülerinnen und Schülern, in den Jahrgangsstufentests möglichst gute Ergebnisse zu erzielen. Dennoch muss man sich der Gefahr bewusst sein, dass ein gezieltes Vorbereiten auf den Test dessen Aussagekraft schmälert und letztlich dem Anliegen dieser Tests nicht gerecht wird. Wenn der Umgang mit zentralen Leistungsfeststellungen dazu führt, dass die Veräußerlichung und Reduktion schulischer Leistung auf punktuell erhobene und daher nur beschränkt aussagekräftige Prüfungen weiter auf die Spitze getrieben wird, tragen sie nicht zur Steigerung schulischer Qualität bei.

Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Ministerialdirigent, dieser schädlichen Entwicklung, die durch die Veröffentlichung der besten Absolventen weiter vorangetrieben wurde, entgegenzuwirken.

aus einem Schreiben des BLLV-Präsidenten, Dr. h.c. Albin Dannhäuser, an den Ministerialdirigenten im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Dr. Helmut Wittmann, vom 29.03.2006


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