16. September 2015

Inklusion braucht Schulsozialarbeit

Petition des "Forum Bildungspolitik in Bayern" an Landtagspräsidentin Barbara Stamm am 16.9.2015


 

Nachfolgend senden wir Ihnen namens des Forum Bildungspolitik in Bayern und seiner Mitgliedsorganisationen eine Petition mit der Bitte um Weiterleitung an den zuständigen Fachausschuss. Bitte informieren Sie uns vorab über den geplanten Termin der Behandlung und nennen uns die Namen der Berichterstatter/innen. Bitte teilen Sie uns mit dem Beschluss auch die Voten der einzelnen Fraktionen mit.

 

Problem

Inklusion im weitergefassten Sinne bezieht sich nicht nur auf die in der UN-Behindertenrechts-konvention (UN-BRK) besonders angesprochene Gruppe der Menschen mit Behinderung, sondern bedeutet gemeinsame Beschulung von Menschen mit und ohne Behinderung, Schüler/innen mit und ohne Migrationshintergrund, Schüler/innen der unterschiedlichen Milieus, unabhängig davon, ob sie vorübergehend in schwierigen familiären Situationen leben oder nicht. Dafür benötigen die Schulen multiprofessionelle Teams (sozialpädagogische Fachkräfte, Psycholog/innen, Sonderpädagog/innen, Heilpädagog/innen, Erzieher/innen).

Schulsozialarbeit trägt durch ihre zusätzlichen Unterstützungsmöglichkeiten dazu bei, chancengerechtere Bildung und Erziehung zu ermöglichen, insbesondere dann, wenn Lehrkräfte dies allein nicht schaffen können. Alle Schulen und Schularten werden nach wie vor nicht in ausreichendem Maße und ihrem Bedarf entsprechend mit Schulsozialarbeit versorgt. Gymnasien, die einen Bedarf sehen, behelfen sich vorläufig mit Schulsozialarbeiter/innenstellen aus dem Etat zur eigenen Bewirtschaftung. Aber durch die so finanzierte Schulsozialarbeit entstehen befristete und oftmals prekäre Anstellungsverhältnisse. Nachhaltige Qualität der Schulsozialarbeit kann sich aber nur entfalten, wenn sie unabhängig von der Finanzkraft der Kommunen flächendeckend und kontinuierlich sichergestellt wird.

 

Petitum

Inklusion ist Aufgabe und damit Herausforderung für alle Schularten und die dafür Verantwortlichen. Das Forum Bildungspolitik fordert deshalb:

  •  Im Zuge der Umsetzung der Inklusion in Bayern sind ausreichend Planstellen für alle Schularten verbindlich zur Verfügung zu stellen, für alle Schulen, die dies wünschen – bei Bedarf auch mehrere Planstellen – orientiert an den Schülerzahlen.
    Aktuell wird wissenschaftlich von einem Bedarf von 1 Vollzeitstelle für 150 Schüler/innen ausgegangen, idealerweise männlich/weiblich im gleichen Verhältnis besetzt.

  • Schulsozialarbeit soll in Verantwortung des Kultusministeriums integriert und langfristig abgesichert sein. Im Kultusministerium wird eine Fachstelle mit dafür qualifizierten Fachkräften geschaffen, um die Schulsozialarbeit vor Ort zu unterstützen (z.B. bezüglich Fortbildung, Supervision, Schulentwicklung usw.) und um die Kooperation mit dem Sozialministerium auf ministerialer Ebene zu sichern.

  • Die Stundentafeln der Schulen enthalten feste Zeiten für soziales Lernen und zeitliche Freiräume für Kooperation zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Schulsozialarbeit.

  • Die Rolle und der rechtliche Status der Schulsozialarbeit bezüglich Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schulleitung wird unter Einbeziehung der in diesem Berufsfeld Tätigen definiert.

  • Schulsozialarbeiter/innen nehmen an Konferenzen und Schulentwicklungsprozessen teil und haben dort Stimmrecht.

  • Für alle Schularten ist eine stabile, finanzielle Basis für Schulsozialarbeit sicherzustellen. Verzichtet werden soll auf Projekte sowie Finanzierungsmodelle, die keine 100-%-Finanzierung sicherstellen, sowie an befristete Budgetierung gebundene Finanzierungen.

  • Schulsozialarbeiter/innen werden unbefristet angestellt (mit Ausnahme von Krankheits- oder Schwangerschaftsvertretungen). Bestehende, befristete Verträge werden in unbefristete Planstellen umgewandelt.

  • Die tarifliche Eingruppierung ist entsprechend dem Aufgabenprofil und der qualitativ hochwertigen Arbeit zu überarbeiten und mit den Gewerkschaften adäquat zu verhandeln. Im Zuge der Inklusion kommen zusätzliche Aufgaben und Verantwortungen hinzu, die von enormem gesellschaftlichem Wert sind.

  • Schulsozialarbeit wird im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) verankert.

 

Begründung

Seit der Unterzeichnung des Artikel 24 der UN-Konvention und dem zum 1. August 2011 in Kraft getreten Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (Art. 2 BayEUG) zur Umsetzung der Inklusion in Bayern ist mit Art. 2 Inklusion Aufgabe aller Schularten. Damit erweitern sich die Begründungsmuster für Schulsozialarbeit neben der sozialisationstheoretischen[1], rollen- und professionstheoretischen[2] bzw. der schultheoretischen Perspektive[3] heute um die inklusionstheoretische Perspektive: Schulsozialarbeit unterstützt und berät Lehrkräfte und Eltern, wenn Ängste und Probleme im Zusammenhang mit (dem Aufbau von) Inklusion entstehen und leistet damit eine Voraussetzung, um chancengerechte Bildung und Berufsfindung gelingen zu lassen.

 

Dabei ist von einem Inklusionsbegriff auszugehen, der alle Schüler/innen mit einschließt und nicht in „Normale“ bzw. in Benachteiligte und Beeinträchtigte einteilt. „Wenn wir innerhalb des Regelschulsystems wirksame Lernsituationen für Menschen mit Behinderung schaffen können, so bereiten wir auch eine für alle Schüler ideale Lernsituation.“ (UNESCO Konsultation 1988 „Getting there“).

Die spezifische Profession der Schulsozialarbeit trägt zur inklusiven Schule bei, weil sie – auf Partizipation und Teilhabe ausgerichtet – den gegenseitigen psychosozialen Annäherungs- und Lernprozess unterstützt, um eine solidarische Kultur des Miteinanders für alle zu verwirklichen.

Weil sie ressourcenorientiert mit den Stärken der Schüler/innen arbeitet und durch einen präventiven Ansatz die Schüler/innen von Anfang an im Blick hat, agiert sie nicht nur als „nachgereichte Spezialhilfe“. Schulsozialarbeit hat neben der Schule auch die Lebenswelt der Schüler/innen im Blick, ist örtlich vernetzt und unterstützt ganzheitlich. Zusammen mit sozialpädagogischem Personal trägt sie, integriert in Ganztagsschulkonzepte, zum Gelingen von Ganztagskonzepten bei. Durch einen weiteren professionellen Blickwinkel gibt Schulsozialarbeit wichtige Impulse zum Schulentwicklungsprozess (eine ausführliche Erläuterung folgt im Anhang).

Die Lösung des Problems sehen wir daher darin, eine tragfähige und zukunftsfähige Lösung zu erarbeiten, die zeitnah umzusetzen ist. Nur so wird es gelingen, die spezifische Professionalität der Schulsozialarbeit so einzusetzen, dass sie ihren Beitrag adäquat erbringen kann, um vorhandene Inklusionsbarrieren abzubauen und inklusive Schulen zu ermöglichen.

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[1]  Sozialisationstheoretische Perspektive:

Veränderte und teilweise problematische Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen tragen einen erhöhten Erziehungsbedarf in Schulen hinein. Hilfen zur Vermittlung von Lebens- und Lernkompetenzen ergeben eine tragfähige Ausgangslage für Schulsozialarbeit.

[2]  Rollen- und professionstheoretische Perspektive:

Lehrkräfte haben aufgrund ihrer begrenzten zeitlichen Ressourcen, durch fehlende sozialpädagogische Kenntnisse und durch ihren Lehrauftrag kaum Möglichkeiten für sozialpädagogisches Handeln. Dies bedarf eines zweiten und komplementären pädagogischen Segments in der personellen Ausstattung von Schulen.

[3]  Schultheoretische Perspektive:

Angesichts wachsender schulischer Anforderungen sowie steigender sozialer Probleme benötigt die Institution Schule Unterstützung zur Bewältigung ihrer Aufgaben. Gleichzeitig gewinnt die Vermittlung von sozialen Kompetenzen als wichtige Qualifikation für nachfolgende Berufe immer mehr an Bedeutung. Schulsozialarbeit bietet für beide Aspekte hilfreiche Handlungsansätze.

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Anhang
zur Petition „Inklusion braucht Schulsozialarbeit“
des Forum Bildungspolitik in Bayern vom 16.09.2015

Schulsozialarbeit und Inklusion im Detail

Die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) holt die Leistung der Jugendhilfe an Schulen, bezieht sich allerdings vornehmlich nur auf die Zielgruppe der sozial benachteiligten Schüler/innen bzw. Schulen mit entsprechend schwierigem Einzugsgebiet. Schulsozialarbeit hat hingegen alle Schüler/innen als Zielgruppe, um frühzeitig präventiv arbeiten zu können. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind durch ihr Studium auf den Themenbereich Inklusion mehr als Lehrkräfte ausgebildet. Die spezifische Profession der Schulsozialarbeit trägt zur Inklusion bei, denn:

  • Schulsozialarbeit ist auf Partizipation und Teilhabe ausgerichtet – eine wichtige Voraussetzung, um Ausgrenzung und Mobbing von Beginn an zu vermeiden. Inklusion markiert, frei von Diskriminierung, das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Einbeck /Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2011).

  • Schulsozialarbeit unterstützt den gegenseitigen psychosozialen Annäherungs- und Lernprozess, um eine solidarische Kultur des Miteinanders für alle zu verwirklichen. Wenn auch die UN-Behindertenrechtskonvention insbesondere auf die Rechte einer besonderen Gruppe von Menschen abstellt, so kann Inklusion nicht gelingen, wenn sie nur als Maßnahme für Menschen mit Behinderung gesehen wird (Eibeck/Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2011).

  • Schulsozialarbeit arbeitet ressourcenorientiert mit den Stärken, die jede/r Schüler/in sich trägt. Inklusion braucht Bildung. Kinder und Jugendliche brauchen Erfahrungsräume, um Vielfalt als Chance zu sehen. Sie brauchen Anregungen und Lernsituationen, in denen sie ihre eigenen Stärken und Begabungen einbringen können. Ebenso brauchen sie Anregungen und Lernsituationen, in denen sie den Umgang mit den eigenen Schwächen und Handicaps lernen. Und schließlich brauchen sie die Auseinandersetzung in Gruppen, mit Konflikten und Machtkämpfen (Eibeck/ Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2011).

  • Schulsozialarbeit hat durch den präventiven Charakter die Schüler/innen von Anfang an im Blick, agiert nicht nur als „nachgereichte Spezialhilfe“. Sie leistet präventive Arbeit, indem sie Kindern und Jugendlichen vielfältige Lernerfahrungen anbietet (Eibeck/ Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2011). Durch trägt sie zur individuellen Förderung bei und trifft sie im Sinne der UN-BRK „angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen“ (Art 24).

  • Schulsozialarbeit hat neben der Schule auch die Lebenswelt der Schüler/innen im Blick und unterstützt ganzheitlich. Den subjektiven Prozess junger Menschen in der Auseinandersetzung mit der Welt und der „Aneignung der Welt“ zu unterstützen und zu begleiten, ist der Bildungsauftrag von sozial-pädagogischen Fachkräften im Lebensraum Schule (Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2014). Dabei unterstützt die systemische Betrachtungsweise Schüler/innen und ihre Familien (in Beratungsgesprächen) mit ihrem Alltag zurechtzukommen.

  • Schulsozialarbeit leistet damit eine Voraussetzung, um chancengerechte Bildung und Berufsfindung gelingen zu lassen. Sie fördert und unterstützt Schülerinnen und Schülern mit Lern- und Verhaltensproblemen und ist „Anwältin“ für Benachteiligte. Sie eröffnet vor allem auch Kindern und Jugendlichen, die sich dem regelmäßigen Schulbesuch verweigern, Zugänge zu Bildung (Kooperationsverbund Schulsozialarbeit 2011). Eine ähnliche Situation ergibt sich für die zunehmende Anzahl der Schüler/innen, die bereits eine Schulangstproblematik entwickelt haben.

  • Schulsozialarbeit und sozialpädagogisches Personal, integriert im Ganztagsschulkonzept, tragen zum Gelingen von Ganztagskonzepten bei. Nonformale Bildungsangebote schaffen Ausgleich bzw. Balance zum Unterrichtsangebot und helfen ein positives Schulklima zu erreichen.

  • Schulsozialarbeit leistet wichtige Impulse zum Schulentwicklungsprozess – unterstützt Schulen mit einem weiteren professionellen Blickwinkel, um das Verändern von Strukturen zu ermöglichen.

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Der Bildungsausschuss hat die Petition am 10.3.2016 beraten. Die 3 Oppositionsfraktionen (SPD, FW und Grüne) stimmten für 80,3 "Würdigung" (bedeutet: Die Staatsregierung soll umsetzen) Die CSU-Mehrheit lehnte die Petition ab.

 

 


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