8. Juli 2009

Resolution des BLLV-Landesvorstandes zu den „Mittelschulen“

Einstimmiger Beschluss des Landesvorstands vom 8. Juli 2009

Bisher hat keiner der zahlreichen Reformversuche dazu geführt, den dramatischen Schülerschwund und das massenhafte Schulsterben bayerischer Hauptschulen zu verhindern. Vielmehr haben die Übertritte in Realschulen und Gymnasien gerade in den letzten fünf Jahren drastisch zugenommen – ein eindeutiges Indiz für die nach wie vor mangelnde Akzeptanz der Hauptschule unter den bayerischen Eltern.

Der nun vorliegende Kabinettsbeschluss zur „Mittelschule“ ist aus Sicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) ein problematischer Versuch, die Hauptschule attraktiver zu machen. Die bisher veröffentlichten Umrisse der geplanten „Mittelschule“ lassen einzelne positive Ansätze erkennen, die auch vom BLLV seit vielen Jahren gefordert werden.

Allerdings ist der BLLV fest davon überzeugt, dass diese Ansätze nicht ausreichen werden, das gesteckte Ziel zu erreichen. Stattdessen wird wertvolle Zeit vergeudet, bis durch eine tiefgreifende Reform des bestehenden Schulsystems mit all seinen Widersprüchlichkeiten endlich eine zukunftsfähige Entwicklung der Bildungslandschaft in Bayern eingeleitet werden kann.

Der Wunsch der Eltern nach höheren Abschlüssen ist nicht nur legitim und nachvollziehbar, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Problematisch wird diese Entwicklung allein durch das Dogma der starren Trennung der Schüler nach der 4. Klasse. Nur deshalb kommt es zu tiefgreifenden Verschiebungen zwischen den Schularten, die dazu führen, dass immer mehr Hauptschulen vor dem Aus stehen, während zeitgleich Realschulen und Gymnasien aus allen Nähten platzen. Das heißt einerseits sterben trotz Schulverbünden die wohnortnahen Hauptschulen und andererseits werden zeitgleich zentrale Schulen neu gegründet und Gymnasien und Realschulen erweitert. Paradoxerweise werden Schulgründungen somit Antwort auf den demographischen Schülerrückgang, der in spätestens zehn Jahren alle Schularten treffen wird, vorangetrieben.

Die Schullandschaft ist mit der Mittelschule um einen neuen Schultyp reicher. Damit wird die Aufsplitterung der Schüler noch extremer. Es ist pädagogisch verhängnisvoll, wenn sich in der Hauptschule gleich welchen Namens eine immer stärker ausgelesene Schülerschaft konzentriert. Der BLLV ist der tiefen Überzeugung, dass mit einer weiteren Differenzierung der Hauptschule die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht bewältigt werden können. Dringend erforderlich sind integrative Modelle und eine längere gemeinsame Schulzeit.

Mittelschulen und Schulverbünde können die Probleme des demografischen Wandels und des Schulsterbens nicht lösen. Im Gegenteil, es werden viele neue geschaffen: Mittelschulen führen zu einer Beschleunigung des Schulsterbens, weil sie große Schulstandorte mit einer Mindestgröße von 300 bis 400 Schülern besser ausstatten als kleine. Dies führt zu einem nicht akzeptablen Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Hauptschulen.

Auch der freiwillige Zusammenschluss von Hauptschulen zu Schulverbünden ist keine geeignete Lösung, da sie organisatorisch an den meisten Schulstandorten nicht realisierbar ist und die Gemeinden in eine äußerst schwierige Konkurrenzsituation bringt. Außerdem ist das Modell mit erheblichen Fahrwegen und Kosten verbunden und zerstört die innere Einheit der Schule.

Jede größere Kommune wird eine Mittelschule wollen, was dazu führt, dass hunderte kleine Schulstandorte keine Wettbewerbschance haben und von der Landkarte verschwinden werden. Außerdem werden die Eltern von Schülern an kleineren Hauptschulen mit aller Macht versuchen, ihre Kinder in die Mittelschule mit breiteren Förderangeboten zu schicken. Das beschleunigt das Schulsterben der kleinen Hauptschulen. Konkurrenzdenken und Überlebensdruck unter Hauptschulen wirkt kontraproduktiv zur bestmöglichen Förderung aller Hauptschüler. Bei der Umsetzung des Mittelschulkonzeptes und der Schulverbünde werden mit hoher Wahrscheinlichkeit organisatorische Zwänge über pädagogische Motive gestellt.

Weder mit der Mittelschule noch mit Schulverbünden kann das Übertrittsverhalten geändert werden - die Hauptschulen werden weiter ausbluten. Die Folge daraus ist die Entschulung des ländlichen Raumes mit katastrophalen Folgen für die betroffenen Gemeinden und erheblichen Nachteilen für die Schüler, die weite Wege in Kauf nehmen müssen und sich in großen und anonymen Schulen wiederfinden.

Die Alternative zu den rein kosmetischen Korrekturen kann nur eine Regionale Schulentwicklung (RSE) ohne dogmatisches Festhalten an der überkommenen Sortiermentalität sein. Kern der regionalen Schulentwicklung sind

  • kleinere wohnortnahe Schuleinheiten
  • mit dem Angebot höherer Abschlüsse, insbesondere dem Realschulabschluss und
  • keine frühzeitige Aufteilung der Schüler.

Dieser Weg erhält Schulstandorte und erlaubt eine optimale Förderung aller Schüler. Er lässt eine Höherqualifizierung aller Schüler zu, ohne unerträglichen Übertrittsdruck, ohne Entschulung des ländlichen Raums und ohne schulische Ghettobildung in den Städten.

Der BLLV fordert das Staatsministerium erneut mit allem Nachdruck auf, die Anträge der zahlreichen Gemeinden, die ein tragfähiges pädagogisches und schulorganisatorisches Konzept entwickelt haben, zum Schuljahr 2010/2011 zu genehmigen, auch wenn sie schulartübergreifend sind. Das irrationale Festhalten an der Schulstruktur beschneidet die Bildungschancen der Kinder und schadet den Gemeinden.


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