28. Januar 2009

Bessere Bedingungen für gebundene Ganztagsschulen

Petition an den Bayerischen Landtag Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesvorstands vom 28. Januar 2009

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) begrüßt den Ausbau des Angebots an Ganztagsschulen in Bayern an allen Schularten. Neben offenen Ganztagsschulen werden gebundene Ganztagsschulen geschaffen. Laut Koalitionsvereinbarung vom Oktober 2008 sind „gebundene Ganztagszüge für 540 Grundschulen, 600 Hauptschulen und alle Förderzentren grundsätzlich über alle Jahrgangsstufen, ebenso für alls Realschulen und alle Gymnasien in den Jahrgansstufen 5 und 6 vorgesehen. (…) Auf Wunsch können in den Gymnasien und Realschulen auch die Jahrgangsstufen 7 und 8 als gebundene Züge fortgeführt werden.“

Die nachfolgende Petition befasst sich speziell mit den Rahmenbedingungen gebundener Ganztagsschulen.

Die derzeitige Ausstattung der Hauptschulen als Ganztagsschulen in gebundener Form mit  12 Lehrerstunden/Woche sowie 6000 €/per annum für jede Ganztagsklasse ist aus Sicht des BLLV unzureichend. Die derzeitge Ausstattung der Grundschulen als Ganztagsschulen in gebundener Form mit zehn Lehrerstunden/Woche und 3000 €/per annum für jede Ganztags­klasse gilt aus Sicht des BLLV ebenfalls als unzureichend.
 

Notwendige Standards:

Soll eine Ganztagsschule die pädagogischen, sozialen und regionalen Vorteile wirklich aufweisen und nicht nur Beaufsichtigung für Kinder sein, muss sie ein spezifisches pädagogisches Profil aufweisen und hohen Qualitätsstandards genügen. Deshalb ist aus Sicht des BLLV die Einführung der Ganztagsschule mit der Erfüllung bestimmter Bedingungen verknüpft.

Eine Ganztagsklasse/-schule ist auf rhythmisierten Unterricht angewiesen, in dem sich kognitive und praktische Fächer abwechseln. Kulturelle Bildung darf keine Abwertung dadurch erfahren, dass sie in den Nachmittag abgedrängt wird. Die Einführung von Ganztagsschulen und die Einrichtung von Mittagstischen eröffnet die Chance einer Entkoppelung schichtspezifischer Ungleichheit der Bildungschancen und zu einer nachhaltigen Ernährungswende im Alltag von Schülerinnen und Schülern. Die veränderte Lebenswelt unserer Kinder aus unterschiedlichen Kulturen erfordert die Umsetzung eines ganzheitlichen Bildungsauftrages zur Gesunderhaltung.
 

Grundsätzliches

  1. Vor Einführung der Ganztagsschulen müssen ausreichendeRahmenbedingungen sichergestellt sein.

  2. Die Finanzierung der Ganztagsschule muss gesichert und transparent   sein.
  3. Die Umwandlung in eine Ganztagsschule muss für die Schulen freiwillig sein.
  4. Anträge von Schulen auf Einführung einer gebundenen Ganztagesschule sind zu genehmigen.
  5. Die Ganztagsschule wird als Schule in erweiterter Verantwortung (ScheV) mit einem hohen Grad an Selbstgestaltungsmöglichkeiten organisiert.
  6. Die Klassengrößen werden dem pädagogischen und organisatorischen Konzept entsprechend gesenkt.

 

Angebot

  1. Ganztagsschulen dürfen nicht den Charakter von Beaufsichtigungsstätten entwickeln. Ihr pädagogischer Auftrag ist in erster Linie durch Unterricht und differenzierenden Förderangeboten definiert, die von Lehrkräften erteilt werden. Deren gesamte Arbeitszeit an der Schule wird als Unterricht gewertet.
  2. Das über den Pflichtunterricht hinausgehende Angebot wird sowohl von Lehrkräften durch Wahl- und Förderunterricht innerhalb ihrer Unterrichtspflichtzeit als auch von pädagogisch ausgebildetem Fachpersonal durch zusätzliche Angebote gedeckt.
  3. Der Schulalltag wird rhythmisiert. Bei der Gestaltung des Stundenplans wird auf die Belastbarkeit der Schülerinnen und Schüler geachtet.

Ausstattung

  1. Die Einstellung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften erfolgt nach dem tatsächlichen Bedarf. Vor der Einführung einer Ganztagsschule ist eine detaillierte Berechnung vorzulegen.
  2. Der zusätzliche Bedarf an Lehrerstunden darf nicht durch eine Erhöhung der Unterrichtspflichtzeit/Arbeitszeit, durch Kürzung von Anrechnungsstunden, durch den Rückgriff auf Arbeitszeitkonten o. Ä. gedeckt werden.
  3. Für Schulsozialarbeit und außerunterrichtliche Angebote stehen professionell ausgebildete Fachkräfte in ausreichendem Umfang zur Verfügung. Dieser personelle Bedarf wird nicht durch ehrenamtliches Personal gedeckt.
  4. Neueinstellungen dürfen nicht zu Lasten anderer Schularten gehen – wie insgesamt die Weiterentwicklung anderer Schularten nicht unter der Einführung und Entwicklung der Ganztagsschulen leiden darf.
  5. Die Schulleitung einer Ganztagsschule wird mit Leitungszeit so ausgestattet, dass sie die gesteigerten organisatorischen und pädagogischen Anforderungen erfüllen kann.
  6. Um dem vermehrten Organisations- und Koordinierungsbedarf einer Ganztagsschule zwischen Lehrkräften, Sozialpädagogen und anderen Beteiligten gerecht zu werden, wird ein ausreichender Stundenpool eingerichtet.
  7. Teambesprechungen des Personals werden als fester Bestandteil im Umfang mindestens einer Wochenstunde in die Unterrichtspflichtzeit aufgenommen.
  8. Ganztagsschulen werden bedarfsgerecht ausgebaut und ausgestattet. Für die Ganztagsgruppen der gebundenen Ganztagsschule müssen geeignete Räume in ausreichender Anzahl und mit angemessener Ausstattung für Lern-, Bewegungs- und Kreativangebote, für das Mittagessen sowie Ruheräume zur Verfügung gestellt werden.

 
Der BLLV stellt fest:

Die Rahmenbedingungen (Finanzausstattung, Lehrer- und Erzieherstunden, Verwaltungsstunden) dürfen nicht in einer Mogelpackung versteckt werden, die nur mit ehrenamtlichem Engagement und großzügigen Sponsoren umzusetzen ist. Der BLLV fordert die Rückführung der 19 Stunden für die Ganztagsklassen der Hauptschule sowie die Ausstattung der Ganztagsklassen der Grundschule mit ebenfalls 19 Stunden.

Schüler und Schülerinnen brauchen ganzheitliche, lebensweltbezogene und lebenslagenorientierte Förderung und Hilfe in den Ganztagsangeboten. Dadurch sollen die Förderung von Kindern und Jugendlichen nicht nur aus bildungsfernen Schichten optimiert, Schulabschlüsse und Ausbildungsreife erreicht und mittel- und langfristige gesellschaftliche Spätfolgen vermieden werden. Wir sehen in der Einführung von gebundenen und offenen Ganztagsschulen und der Einführung von Mittagstischen und der Vermittlung von Inhalten der ganzheitlichen Gesundheitserziehung die große Chance, auch das Gesundheitsbewusstsein junger Menschen nachhaltig zu stärken.

Das angebotene Mittagessen muss auch für Familien mit wirtschaftlich angespannten Verhältnissen finanzierbar sein.
 

Der BLLV hält fest:
 

  1. Ganztagsschulen müssen vielfältige Möglichkeiten der inneren und äußeren Differenzierung anbieten können.
  2. Ganztagsschulen ermöglichen umfassendes soziales Lernen.
  3. An Ganztagsschulen kann in besonderer Weise auf die spezifischen Lebenssituationen, Interessen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden.
  4. An Ganztagsschulen können Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung eingehend beobachtet werden.
  5. An Ganztagsschulen müssen Übung und Vertiefung des Lehrstoffes in die Schule verlagert werden können.
  6. An Ganztagsschulen müssen gezielte Hilfen für sozial-kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler angeboten werden können.
  7. An Ganztagsschulen können gezielte Hilfen für sozial-kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler angeboten werden.
  8. An Ganztagsschulen kann künstlerischer, sportlicher und spielerischer Betätigung ein breiter Raum eingeräumt werden.
  9. An Ganztagsschulen bieten sich vielfältige Möglichkeiten einer positiven Gestaltung des Schullebens

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Die Petition wurde am 28.5.09 im Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags beraten. Es wurde beschlossen, sie im Hinblick auf den Kommunalen Bildungsgipfel als "erledigt" zu betrachten (§ 80,4 der GeschO)


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