19. Februar 2009

Unterrichtsversorgung und Lehrerbedarf

Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2009/2010

Zur Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2009/2010 richte ich namens des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) folgende Forderungen rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres an Sie: 

Für das Schuljahr 2009/2010 wird wieder ein Schülerrückgang in den Grund- und Hauptschulen erwartet. Es ist aus Sicht des BLLV sehr wichtig, dass die dadurch frei werdenden Planstellen nicht erneut gestrichen, sondern für eine Verbesserung der Lern- und Förderbedingungen an diesen Schularten genutzt werden.

Gerade in den Grund- und Hauptschulen ist es im Interesse eines nachhaltigen Lernerfolgs dringend erforderlich, dass alle Schülerinnen und Schüler individuell und intensiv gefördert werden können.

Die qualitative Arbeitsbelastung der Lehrkräfte aller Schularten hat sich durch viele Einzelmaßnahmen und nicht zuletzt durch die demotivierende Arbeitszeiterhöhung im Schuljahr 2004/2005 erhöht. Die Situation bei der Mobilen Lehrerreserve wurde zwar insgesamt verbessert. Im Grund-, Haupt- und Förderschulbereich ist die Mobile Reserve trotzdem oft zum großen Teil bereits nach wenigen Schulwochen verplant. So kann auch in diesem Schuljahr der stundenplanmäßige Unterrichtsbetrieb an vielen Schulen nur durch unbezahlte Mehrarbeit aufrechterhalten werden.

Dennoch werden von der Schule weiterhin neue anerkannte und politisch gewünschte Aufgaben verlangt:

  • Der weitere Anstieg der Schüler, die eine M- bzw. P-Klasse besuchen, erfordert im Schuljahr 2009/2010 den Einsatz weiterer Lehrerstunden. Außerdem erachten wir die angebotene Zusatzförderung als zu gering und erwarten deshalb deren Ausbau auf mindestens neun Wochenstunden je M-Gruppe bzw. M-Klasse. Der BLLV hält hierbei die Einrichtung von M-Gruppen für wünschenswert. M-Klassen sollten lediglich an großen Hauptschulen aus deren eigenem Bestand gebildet werden. Bei P-Klassen bzw. P-Gruppen muss gewährleistet sein, dass genügend Fachpersonal (also z.B. auch Sozialpädagogen) zur Verfügung steht. Außerdem sollen für P-Klassen zusätzlich mindestens 12 Lehrerwochenstunden zur Verfügung gestellt werden, um die individuelle Förderung vergleichbar einer Ganztagsklasse verbessern zu können.
  • Die geplante Stärkung und Profilierung der Hauptschule (z.B. Innere Schulentwicklung, interne und externe Evaluation, MODUS 21, MODUS F, Hauptschulinitiative) erfordert dringend eine Verlagerung von mehr Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Planstellen.
  • Die Schüler in den Regelklassen benötigen eine bessere individuelle Förderung. Die Modulare Förderung bedarf dringend einer besseren Lehrerstundenzuweisung.
  • Schulentwicklung und Qualitätssicherung binden weitere Kräfte von Lehrer/innen sowie Mitglieder der Schulleitungen.
  • Auch der Ausbau der Mittagsbetreuung und der Einrichtung von gebundenen Ganztagsklassen an den Grundschulen sowie die Schaffung von flächendeckenden Ganztagshauptschulen erfordern dringend eine Verlagerung von mehr Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Planstellen. Die Betreuung von Schülern außerhalb des Unterrichts (Unterstützung bei der Anfertigung der Hausaufgaben, individuelle Fördermaßnahmen) darf nicht ohne Anrechnung auf die Unterrichtspflichtzeit der betroffenen Lehrkräfte erfolgen.
  • Die Ausweitung der sonderpädagogische Förderung in den allgemeinen Schulen mit Unterstützung der Mobilen Sonderpädagogischen Dienste sowie das qualifizierte Beratungsangebot an Lehrkräfte, Erzieher, Eltern und Kinder von Seiten der Förderschulen erfordern dringend zusätzliche Planstellen sowie bessere materielle und räumliche Ressourcen an den Schulen.
  • Neue Aufgaben für die Schulleitungen, hier besonders die dienstliche Beurteilung der Lehrer/innen, aber auch die oben bereits angedeuteten Tätigkeiten im Zusammenhang mit der inneren Schulentwicklung erfordern eine neue Berechnung der Arbeitszeit in den Schulleitungen. Insbesondere muss gewährleistet sein, dass den Schulleitungen genügend Leitungs- und Verwaltungszeit zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang sind die derzeit geltenden Zuteilungsrichtlinien der Verwaltungsangestellten zu ändern und damit die Situation der Verwaltungsangestellten zu verbessern.
  • Mehr unterrichtliche und außerunterrichtliche Aufgaben erhöhen die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte (siehe z.B. Unterrichtsentwicklung, aufwendige Schülerbeobachtung und Schülerbeurteilung).
  • Viele Eltern stellen heute erhöhte Ansprüche an die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder und damit an Lehrer/innen und Schule.
  • Auch die Ergebnisse der PISA-Studie II haben einen erhöhten Förderbedarf erkennen lassen. Insbesondere dem frühkindlichen Lernen im Elementarbereich und in der Grundschule und einer besseren individuellen Förderung in allen Jahrgangsstufen kommen hierbei eine besondere Bedeutung zu. Eine bessere individuelle Förderung, besonders auch lernschwacher Schüler/innen sowie von Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen, würde sich in allen schulischen Bereichen auszahlen.
  • Für Übergangs- und Eingliederungsklassen ist eine Höchststärke von 15 Schüler/innen festzusetzen. Außerdem ist für diese Klassen zusätzliches Personal für eine intensive Förderung zur Verfügung zu stellen.

Vordringliche Forderungen

  1. Statt durch Planstellenabbau sind durch Planstellenmehrung, durch Ausweitung nebenberuflicher Tätigkeit von Lehrer/innen, durch Einsatz beschäftigungsloser Grundschullehrer/innen sowie durch Anfragen an beurlaubte Lehrkräfte weitere Lehrer zur Verfügung zu stellen. Es muss garantiert sein, dass der Schülerrückgang an Grund- und Hauptschulen nicht dazu führt, dass Lehrerplanstellen aus diesen Schularten abgezogen werden. Gerade an Grund- und Hauptschulen ist eine qualifizierte und intensive zusätzliche Förderung dringend erforderlich; dazu bedarf es übersichtlicher Klassen und kleiner Lerngruppen. Der BLLV hält in diesem Zusammenhang einen Zehnjahresplan zur Schaffung und Bewirtschaftung von Lehrerplanstellen für dringend erforderlich.
  2. Die für eine sachgerechte Verwirklichung der M-Kurse in der siebten und achten Jahrgangsstufe und der M9 und M10 an Hauptschulen erforderlichen Lehrerstunden (Doppelzählung) sind zur Verfügung zu stellen und das Differenzierungsangebot durch
    M-Kurse ist zeitlich auszuweiten. Außerdem ist auf eine Mindestschülerzahl zur Bildung von M-Kursen zu verzichten.
  3. An vielen Standorten ist die wohnortnahe Hauptschule aufgrund der demographischen Entwicklung, wegen der Einführung der sechsstufigen Realschule und des Übertrittsverhaltens der Eltern akut gefährdet. Auch die Entscheidung, alle über 500 Teilhauptschulen zu schließen, hat die Schulprobleme besonders im ländlichen Raum schrittweise dramatisch verschärft. Weitere Schulschließungen werden folgen. Die Staatsregierung steht in der Pflicht, regional angepasste Schulkonzepte zuzulassen und entsprechend personell, materiell und finanziell auszustatten. Der BLLV hat hierzu das Konzept der Regionalen Schulentwicklung (RSE) vorgelegt. Der Koalitionsvertrag ist offensiv umzusetzen.
    Beim Schulversuch Kooperationsschulen sind alle Anträge, die die notwendigen Qualitätskriterien erfüllen, zu genehmigen, auch wenn sie Schulartgrenzen überschreiten. Die angedachten Dialogforen, die diese regionalen Entwicklungen begleiten, sind mit echten Entscheidungskompetenzen auszustatten.
  4. Der BLLV fordert, dass in allen Klassen der Grund- und Hauptschulen die Klassenstärke unter 25 Schüler/innen liegen muss. Dies ist aus pädagogischen Gründen geboten. Der BLLV erkennt die Bemühungen der letzten Jahre in diesem Bereich ausdrücklich an.
    Für die Förderschulen ist die Absenkung der Klassenstärken für alle Förderschwerpunkte um mindestens 25 % dringend geboten. Klassen im Förderschwerpunkt Lernen mit 17 oder im Bereich geistige Entwicklung mit 12 Schüler/innen sind aus sonderpädagogischen Gesichtspunkten nicht tragbar. 
  5. Der BLLV wendet sich mit Nachdruck gegen die Ausweitung jahrgangskombinierter Klassen. Sollte in Einzelfällen die Einrichtung solcher Klassen erforderlich sein, so muss zum Zwecke einer intensiven und individuellen Förderung ein zusätzliches Kontingent von 10 Lehrerwochenstunden pro Klasse zur Verfügung gestellt werden. Den Leiterinnen und Leitern dieser Klassen ist für die besonderen Belastungen eine Stundenanrechnung von 2 Wochenstunden zu geben. 
  6. Große Bedeutung hat für den BLLV die Einrichtung eines Stundenpools an Grund- und Förderschulen sowie der Ausbau des Stundenpools an Hauptschulen. 
  7. Der BLLV fordert zum Schuljahr 2009/2010 die Klassen- und Gruppenbildung auf der Grundlage der Lehrerstundenzuweisung möglichst vollständig in die Zuständigkeit der jeweiligen Schule zu geben. 
  8. Im Sinne einer "Deregulierung", d.h. Verlagerung der Entscheidungskompetenz auf die Schule sowie aufgrund der neuen Belastungen sind die Schulleitungen durch deutlich mehr Anrechnungsstunden zu entlasten. Der BLLV erkennt ausdrücklich die unternommenen Anstrengungen auf diesem Gebiet an, verweist jedoch darauf, dass die bereitgestellten Mittel nur einen Anfang für einen dringend notwendigen Ausgleich der Mehrbelastung der Schulleitungen bedeuten. 
  9. Die volle Altersermäßigung der über 55-jährigen bzw. über 60-jährigen Lehrerinnen und Lehrer soll wieder hergestellt werden. Für die auslaufende Altersteilzeitregelung muss ein Nachfolgemodell gefunden werden. 
  10. Die Verbesserungen im Bereich der Mobilen Reserven werden begrüßt. Es ist sicherzustellen, dass Lehrer/innen aus der Mobilen Reserve nicht zur Klassenbildung verwendet oder für das ganze Schuljahr auf einer festen Stelle eingesetzt werden. Sie müssen zur Deckung des kurzfristigen Aushilfsbedarfs bereitgehalten werden. 

Den einzelnen Schulen soll im Rahmen einer gerechten Zuweisung von Lehrerstunden ein Höchstmaß an Selbstständigkeit bei der Bildung von Klassen und Gruppen eingeräumt werden.

Im Übrigen verweist der BLLV auf die anliegende Zusammenstellung von pädagogisch erforderlichen und sachlich wie organisatorisch erstrebenswerten Forderungen.

Anlage: Unterrichtsversorgung und Lehrerbedarf

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Schreiben von BLLV-Präsident Klaus Wenzel an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 19.2.2009


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