19. Januar 2001

Unterrichtsversorgung und Lehrerbedarf

Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2001/2002

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband richtet zur Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2001/2002 folgende Eingabe rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus:

Zum Schuljahr 2000/2001

Das letzte Schuljahr brachte eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen für die Klassen- und Gruppenbildung. Die qualitative berufliche Belastung der Lehrkräfte aller Schularten hat sich damit im Schuljahr 2000/2001 erneut erhöht, obwohl sie bereits in den vergangenen Jahren außerordentlich stark war und auch zeitlich ausgedehnt worden war. Die Mobile Lehrerreserve im Grund-, Haupt- und Förderschulbereich war zum großen Teil bereits in den ersten Schulwochen verplant. Im Moment kann der stundenplanmäßige Unterrichtsbetrieb an vielen Schulen nur durch unbezahlte Mehrarbeit aufrechterhalten werden.

Neue Aufgaben in den kommenden Schuljahren

Dennoch werden von der Schule weiterhin neue anerkannte und politisch gewünschte Aufgaben verlangt:

  • Der weitere Anstieg der Schülerzahl, die eine M-10 Klasse besucht, erfordert im Schuljahr 2001/2002 den Einsatz weiterer Lehrerstunden.
  • Die geplante Stärkung und Profilierung der Hauptschule erfordert dringend eine klare Verlagerung von Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Plan-stellen.
  • Schulentwicklung und Qualitätssicherung binden weitere Kräfte von Lehrerinnen und Lehrern sowie Mitglieder der Schulleitungen.
  • Auch die Einführung der kind- und familiengerechten Grundschule erfordert dringend eine klare Verlagerung von Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Planstellen. Die Betreuung von Schülern außerhalb des Unterrichts darf nicht ohne Anrechnung auf die Unterrichtspflichtzeit der betroffenen Lehrkräfte erfolgen.
  • Der Ausbau der Möglichkeiten, an der Hauptschule den mittleren Schulabschluss zu erwerben, wird begrüßt, geht jedoch mit einem erhöhten Bedarf an Lehrerstunden einher. Außerdem erachten wir die angebotene Zusatzförderung als zu gering und erwarten deshalb deren Ausbau auf mindestens neun Wochenstunden je M-Kurs bzw. M-Klasse. Der BLLV hält hierbei die Einrichtung von M-Kursen für wünschenswert. M-Klassen sollten lediglich an großen Hauptschulen aus deren eigenem Bestand gebildet werden.

Neue Aufgaben für die Schulleitungen erfordern zur Erhaltung des Status quo mehr Stundenanrechnungen für die Schulleitungen, z. B.:

  • "Sport nach 1" in Schule und Verein
  • Kooperation mit anderen Schularten
  • Gewaltprävention an Schulen
  • Mitwirkung bei der dienstlichen Beurteilung
  • Schulentwicklung
  • Mitarbeitergespräch
  • Schulentwicklung und Schulprofil
  • Ausbau der Mittagsbetreuung (einschließlich Komm-Phase und Ausweitung auf Nachmittagsbetreuung)
  • Kooperation mit anderen Schularten und mit (außer-)schulischen Einrichtungen
  • Öffnung der Schule und vermehrte Elternarbeit
  • Budgetierung des Haushalts
  • Technisierung der Schulen (einschl. EDV)

Mehr unterrichtliche Aufgaben kommen trotz Erhöhung der Arbeitsbelastung auch auf die Lehrkräfte zu:

  • Suchtprävention
  • Öffnung des Unterrichts
  • Kooperation mit anderen Schularten
  • "Fortentwicklung der interkulturellen Erziehung an Grund- und Hauptschulen in Bayern", so der offizielle Titel eines auf fünf Jahre ausgelegten Modellversuchs
  • Werteerziehung, Wertevermittlung
  • die sich verändernde Situation der Kinder in Familie und Gesellschaft
  • Einführung des neuen Grundschullehrplans und der neuen Stundentafel
  • Fremdsprachenunterricht in der Grundschule

Ansprüche der Eltern an die Schule

Trotz der Zunahme der Schülerzahlen in der Hauptschule auch im kommenden Schuljahr, trotz der gestiegenen Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer, trotz der vermehrten unterrichtlichen und sonstiger schulischen Aufgaben stellen viele Eltern heute erhöhte Ansprüche an die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder und damit an Lehrer/innen und Schule.

Diese Situation sowie die weiter steigenden Schülerzahlen in der Hauptschule unterstreichen die erneute Forderung des BLLV, im Haushalt sowie in einer mittelfristigen Vorausplanung die notwendigen Rahmenbedingungen für die Lehrerversorgung, die Klassen- und Gruppenbildung sowie für angestrebte Verbesserungen zu schaffen.

vordringliche Forderungen

  1. Durch Planstellenmehrung, durch Ausweitung nebenberuflicher Tätigkeit von Lehrerinnen und Lehrern, durch Einsatz beschäftigungsloser Grund- und Hauptschullehrer sowie durch Anfragen an beurlaubte Lehrkräfte sind weitere Lehrerstellen zu schaffen. Der BLLV hält in diesem Zusammenhang einen Zehnjahresplan zur Schaffung und Bewirtschaftung von Leh-rerplanstellen für dringend erforderlich.
  2. Die für eine sachgerechte Verwirklichung der M-Kurse in der siebten und achten Jahrgangsstufe und der M9 und M10 an Hauptschulen erforderlichen Lehrerstunden (Doppelzählung) sind zur Verfügung zu stellen und das Differenzierungsangebot durchM-Kurse ist zeitlich auszuweiten. Außerdem ist auf eine Mindestschülerzahl zur Bildung von M-Kursen zu verzichten.
  3. Der BLLV wiederholt seine Forderungen, dass keine Klassen mit über 30 Schülerinnen und Schülern gebildet werden. Dies ist aus pädagogischen Gründen geboten. Neue Klassen an Grund- und Hauptschulen sollen höchstens 25 Schüler/innen haben.
  4. Große Bedeutung hat für den BLLV die Einrichtung eines Stundenpools an Grund- und Förderschulen sowie der Ausbau des Stundenpools an Hauptschulen.
  5. Der BLLV fordert zum Schuljahr 2001/2002 die Klassen- und Gruppenbildung auf der Grundlage der Lehrerstundenzuweisung in die Zuständigkeit der jeweiligen Schule zu geben.
  6. Im Sinne einer "Deregulierung", d. h. Verlagerung der Entscheidungskompetenz auf die Schule sowie aufgrund der skizzierten neuen Belastungen sind die Schulleitungen durch mehr Anrechnungsstunden zu entlasten.
  7. Die zusätzliche Betreuung in der kind- und familiengerechten Halbtagsschule muss als pädagogisch wertvoll anerkannt und dementsprechend als Arbeitszeit angerechnet werden. Die hierfür notwendigen Lehrerwochenstunden müssen bereitgestellt werden.
  8. Die volle Altersermäßigung der über 55-jährigen bzw. über 60-jährigen Lehrerinnen und Lehrer soll wieder hergestellt werden.
  9. Es ist sicherzustellen, dass die Lehrer/innen aus der Mobilen Reserve nicht zur Klassenbildung verwendet oder sonst für das ganze Schuljahr auf einer festen Stelle eingesetzt, sondern zur Deckung des kurzfristigen Aushilfsbedarfs bereitgehalten werden. Lehrer/innen, die bereits in den ersten Schulwochen ganzjährig fest eingesetzt sind, dürfen nicht der Mobilen Lehrerreserve zugerechnet bzw. entnommen werden.
  10. Die besonderen unterrichtlichen Belastungen, die durch Kinder von Zuzüglern, Aussiedlern, Asylbewerbern und Asylanten entstehen, sind durch Doppelzählung zu berücksichtigen.
  11. Aus Gründen der Organisation der Kurse ist darauf zu achten, dass die Hauptschulen gemäß Abs. 3, Art. 3 (Gliederung der Volksschulen) möglichst in allen Jahrgangsstufen mehrzügig geführt werden, nach Ansicht des BLLV mindestens zweizügig. Bei einzügigen Hauptschulen muss durch die Bereitstellung zusätzlicher Lehrerplanstellen garantiert werden, dass von Differenzierungsmöglichkeiten (Wahrnehmen vieler Angebote aus dem Wahlpflichtbereich) Gebrauch gemacht werden kann. Eine Zusammenfassung von zwei Jahrgangsstufen ist in der Hauptschule unzulässig.
  12. Für Schulversuche, z. B. Versuche mit Ganztagsschulen sowie Formen einer ganztägigen schulischen Betreuung sind zusätzliche Lehrerstunden auszuweisen.

Flexibilität für die einzelne Schule

Den einzelnen Schulen soll im Rahmen einer gerechten Zuweisung von Lehrerstunden ein Höchstmaß an Selbständigkeit bei der Bildung von Klassen und Gruppen eingeräumt werden.

Eingabe des BLLV an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus


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