3. Februar 2006

Unterrichtsversorgung und Lehrerbedarf

Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2006/2007

Zur Klassen- und Gruppenbildung im Schuljahr 2006/2007 richtet der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) folgende Forderungen rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres an Sie:

Für das Schuljahr 2006/2007 wird ein Schülerrückgang in den Grund- und Hauptschulen erwartet. Es ist aus Sicht des BLLV sehr wichtig, dass die dadurch frei werdenden Planstellen für eine Verbesserung der Lern- und Förderbedingungen an diesen Schularten genutzt werden.
Gerade in den Grund- und Hauptschulen ist es im Interesse eines nachhaltigen Lernerfolgs dringend erforderlich, dass alle Schülerinnen und Schüler individuell und intensiv gefördert werden können.

Die qualitative Arbeitsbelastung der Lehrkräfte aller Schularten hat sich nicht zuletzt durch die demotivierende Arbeitszeiterhöhung im Schuljahr 2004/2005 erneut erhöht, obwohl sie bereits in den vergangenen Jahren außerordentlich stark und auch zeitlich ausgedehnt worden war. Die Mobile Lehrerreserve wurde zwar insgesamt in erfreulichem Maße erhöht. Im Grund-, Haupt- und Förderschulbereich war sie trotzdem zum großen Teil bereits in den ersten Schulwochen verplant. So kann auch in diesem Schuljahr der stundenplanmäßige Unterrichtsbetrieb an vielen Schulen nur durch unbezahlte Mehrarbeit aufrechterhalten werden.

Dennoch werden von der Schule weiterhin neue anerkannte und politisch gewünschte Aufgaben verlangt:

  • Der weitere Anstieg der Schülerzahl, die eine M-, bzw. P- Klasse besucht, erfordert im Schuljahr 2006/2007 den Einsatz weiterer Lehrerstunden. Außerdem erachten wir die angebotene Zusatzförderung als zu gering und erwarten deshalb deren Ausbau auf mindestens neun Wochenstunden je M-Gruppe bzw. M-Klasse. Der BLLV hält hierbei die Einrichtung von M-Gruppen für wünschenswert. M-Klassen sollten lediglich an großen Hauptschulen aus deren eigenem Bestand gebildet werden. Bei P-Klassen bzw. P-Gruppen muss gewährleistet sein, dass genügend Fachpersonal (also z.B. auch Sozialpädagogen) zur Verfügung steht.
  • Die geplante Stärkung und Profilierung der Hauptschule (z.B. Schulentwicklungsarbeit, interne und externe Evaluation, MODUS 21) erfordert dringend eine klare Verlagerung von Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Planstellen.
  • Schulentwicklung und Qualitätssicherung binden weitere Kräfte von Lehrer/innen sowie Mitglieder der Schulleitungen.
  • Auch die kind- und familiengerechte Grundschule sowie ganztägige Angebote an der Hauptschule erfordern dringend eine klare Verlagerung von Kompetenzen an die Einzelschule und die Bereitstellung von zusätzlichen Planstellen. Die Betreuung von Schülern außerhalb des Unterrichts darf nicht ohne Anrechnung auf die Unterrichtspflichtzeit der betroffenen Lehrkräfte erfolgen.
  • Neue Aufgaben für die Schulleitungen, hier besonders die dienstliche Beurteilung der Lehrer, aber auch die oben bereits angedeuteten Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Schulentwicklung erfordern eine neue Berechnung der Arbeitszeit in den Schulleitungen. Es geht dem BLLV inzwischen nicht mehr um die Gewährung einiger zusätzlicher "Anrechnungsstunden", sondern um eine neu Definition der Arbeitszeit. Insbesondere muss gewährleistet sein, dass den Schulleitungen genügend Leitungszeit und Verwaltungszeit zur Verfügung steht.
  • Mehr unterrichtliche und außerunterrichtliche Aufgaben kommen trotz Erhöhung der Arbeitsbelastung auch auf die Lehrkräfte zu (siehe z.B. Unterrichtsentwicklung, Einsammeln von Büchergeld, aufwändige Schülerbeobachtung und Schülerbeurteilung)
  • Viele Eltern stellen heute erhöhte Ansprüche an die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder und damit an Lehrer/innen und Schule.
  • Auch die Ergebnisse der PISA-Studie II haben einen erhöhten Förderbedarf erkennen lassen. Insbesondere der Frühförderung in der Grundschule und einer individualisierten Förderung in allen Jahrgangsstufen kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Eine solch intensivierte Förderung, besonders auch lernschwacher Schüler/innen sowie von Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen, macht sich in allen schulischen Bereichen bezahlt.
    Erfreulich ist, dass die CSU-Landtagsfraktion am 13. Januar 2006 angekündigt hat, zusätzliche Fördermöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Der BLLV erwartet, dass genügend Planstellen für die Grund- und Hauptschulen zur Verfügung gestellt werden, damit die bei PISA I und PISA II festgestellten Defizite (14 Prozent der bayerischen Schüler sind beim Lesen in oder unterhalb der 1. Kompetenzstufe und befinden sich damit in der Risikogruppe; Migrantenkinder haben einen Lernrückstand von 1,5 bis 3 Jahren; zehn Prozent der Hauptschüler verlassen die Schule ohne Abschluss).
    Erforderlich ist u.a.
    • die Ausweitung der Vorkurse und Sprachlernklassen
    • eine solide (bedarfsdeckende) Finanzierung dieser Fördermaßnahmen
    • besondere Sprachkurse für den Primar- und Sekundarbereich

Vordringliche Forderungen

  1. Statt durch Planstellenabbau sind durch Planstellenmehrung, durch Ausweitung nebenberuflicher Tätigkeit von Lehrer/innen, durch Einsatz beschäftigungsloser Grundschullehrer sowie durch Anfragen an beurlaubte Lehrkräfte weitere Lehrer zur Verfügung zu stellen. Es muss garantiert sein, dass der Schülerrückgang an Grund- und Hauptschulen nicht dazu führt, dass Lehrerplanstellen aus diesen Schularten abgezogen werden. Gerade an Grund- und Hauptschulen ist eine qualifizierte und intensive zusätzliche Förderung dringend erforderlich; dazu bedarf es übersichtlicher Klassen und kleiner Lerngruppen. Der BLLV hält in diesem Zusammenhang einen Zehnjahresplan zur Schaffung und Bewirtschaftung von Lehrerplanstellen für dringend erforderlich.
  2. Die für eine sachgerechte Verwirklichung der M-Kurse in der siebten und achten Jahrgangsstufe und der M9 und M10 an Hauptschulen erforderlichen Lehrerstunden (Doppelzählung) sind zur Verfügung zu stellen und das Differenzierungsangebot durch M-Kurse ist zeitlich auszuweiten. Außerdem ist auf eine Mindestschülerzahl zur Bildung von M Kursen zu verzichten.
  3. Die wohnortnahe Hauptschule ist aufgrund der demographischen Entwicklung und wegen der Einführung der sechsstufigen Realschule akut gefährdet. Der Beschluss des Bayerischen Landtags, alle über 500 Teilhauptschulen zu schließen (Drs. 15/1562), ist aus Sicht des BLLV und der betroffenen Kommunen pädagogisch und sozial verantwortungslos. Die Staatsregierung steht in der Pflicht, konsequent in Hauptschulen zu investieren, und diese als Alternative im gegliederten Schulsystem aufrechtzuerhalten. Andernfalls droht der Hauptschule eine langjährige und schmerzliche Agonie.
  4. Der BLLV fordert, dass in den Grund- und Hauptschulen die Klassenstärke deutlich unter 30 gesenkt werden muss. Dies ist aus pädagogischen Gründen geboten. Neue Klassen an Grund- und Hauptschulen sollen höchstens 25 Schüler/innen haben.
  5. Große Bedeutung haben für den BLLV die Einrichtung eines Stundenpools an Grund- und Förderschulen sowie der Ausbau des Stundenpools an Hauptschulen.
  6. Der BLLV fordert zum Schuljahr 2006/2007 die Klassen- und Gruppenbildung auf der Grundlage der Lehrerstundenzuweisung vollständig in die Zuständigkeit der jeweiligen Schule zu geben.
  7. Im Sinne einer "Deregulierung", d. h. Verlagerung der Entscheidungskompetenz auf die Schule sowie aufgrund der neuen Belastungen sind die Schulleitungen durch deutlich mehr Anrechnungsstunden zu entlasten. Der BLLV erkennt ausdrücklich die unternommenen Anstrengungen auf diesem Gebiet an, verweist jedoch darauf, dass die bereitgestellten Mittel nur einen Anfang für einen dringend notwendigen Ausgleich der Mehrbelastung der Schulleitungen bedeuten.
  8. Die volle Altersermäßigung der über 55-jährigen bzw. über 60-jährigen Lehrerinnen und Lehrer soll wieder hergestellt werden.
  9. Es ist sicherzustellen, dass die Mobile Reserve mindestens wieder auf den ursprünglichen Stand aufgestockt wird und die Lehrer/innen nicht zur Klassenbildung verwendet oder sonst für das ganze Schuljahr auf einer festen Stelle eingesetzt, sondern zur Deckung des kurzfristigen Aushilfsbedarfs bereitgehalten werden.
  10. Aus Gründen der Organisation der Kurse ist darauf zu achten, dass Hauptschulen gemäß Abs. 3, Art. 3 (Gliederung der Volksschulen) möglichst in allen Jahrgangsstufen mehrzügig geführt werden, nach Ansicht des BLLV mindestens zweizügig. Bei einzügigen Hauptschulen muss durch die Bereitstellung zusätzlicher Lehrerplanstellen garantiert werden, dass von Differenzierungsmöglichkeiten (Wahrnehmen vieler Angebote aus dem Wahlpflichtbereich) Gebrauch gemacht werden kann. Eine Zusammenfassung von zwei Jahrgangsstufen ist in der Hauptschule unzulässig.

Den einzelnen Schulen soll im Rahmen einer gerechten Zuweisung von Lehrerstunden ein Höchstmaß an Selbstständigkeit bei der Bildung von Klassen und Gruppen eingeräumt werden.

Im Übrigen verweist der BLLV auf die anliegende Zusammenstellung von pädagogisch erforderlichen und sachlich wie organisatorisch erstrebenswerten Forderungen:

aus einem Schreiben des BLLV-Präsidenten, Dr. h.c. Albin Dannhäuser, an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 03.02.2006


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