28. April 2004

Schulversuch "Reform der Notengebung in der Grundschule"

Stellungnahme des BLLV

Hinter dem Schulversuch zur Reform der Notengebung in der Grundschule steht aus Sicht des BLLV eine positive Absicht zur Veränderung von Schule. So zeugt die Aufgliederung der Fächer in verschiedene Teilbereiche und die Einbeziehung des Lern-, Arbeits- und Sozialverhaltens in die Schülerbeurteilung von einer Differenzierung und Erweiterung des Lern- und Leistungsverständnisses. Diese könnte Ausgangspunkt sein für eine wirksame Förderung je nach individuellen Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler. Nicht mehr das Aufstellen von Ranglisten und die Vergabe von Leistungsberechtigungen stünde im Mittelpunkt des Unterrichts, sondern die Leistungssteigerung jedes einzelnen Schülers ausgehend von seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Schließlich eröffnet die angestrebte Zusammenarbeit mit den Eltern auch eine neue Dimension von Schule. Nach diesem Ideal ergänzen sich Elternhaus und Lehrkraft im gemeinsamen Bemühen um die bestmögliche individuelle Förderung des Kindes.

Allerdings stößt dieser positive Ansatz sehr schnell an seine Grenzen, sowohl in der praktischen Umsetzung als auch in der prinzipiellen Konstruktion.

Grenzen der praktischen Umsetzung

Die augenblicklichen Rahmenbedingungen von Schule erlauben keine sinnvolle Anwendung der durch die Reform gewünschten Methoden.

  • Permanente Schülerbeobachtung und das Erstellen hochdifferenzierter Noten überfordern angesichts unserer Klassengrößen und Unterrichtsverpflichtung die Arbeitskraft der Lehrerinnen und Lehrer. Wie soll eine einzelne Lehrkraft in einer Klasse mit 25 bis 30 Schülern für jeden dieser Schüler ausführliche und differenzierte Portfolios anlegen, permanent justiziable Prüfungen abhalten und dabei das eigentliche Kerngeschäft, nämlich den Unterricht, noch zufriedenstellend bewältigen?
  • Was geschieht in diesem System mit einem ermittelten Förderbedarf? Hat die einzelne Lehrkraft die Zeit, dem einzelnen Schüler individuell maßgeschneiderte Förderung zukommen zu lassen?
  • Und wo in der bisherigen Aus-, Fort-, und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer wird echte diagnostische Kompetenz grundgelegt?

Der BLLV stellt fest: Wer will, dass Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler noch differenzierter und individueller beurteilen, daraus geeignete Fördermaßnahmen ableiten und diese dann umsetzen, muss auch die entsprechenden Rahmenbedingungen bereitstellen!

Prinzipielle Systemwidrigkeit der reformierten Notengebung

Die Grundschule bekommt im heutigen Schulsystem immer stärker die Aufgabe zugewiesen, die Schülerschaft für die weitere Schullaufbahn zu sortieren. Spätestens mit dem Beginn der dritten Klasse setzt der Wettlauf um den Übertritt ein. Noten dienen nicht als Ausweis individueller Leistungsfähigkeit oder gar als Grundlage für gezielte Förderung, sondern als Ausleseinstrument. Dies bestimmt das Verhalten von Eltern, Lehrern und Schülern.

  • Lehrer/innen sehen sich in die Rolle des Schiedsrichters über die weitere Schullaufbahn gedrängt.
  • Eltern versuchen als Anwalt ihres Kindes, notfalls im Konflikt mit der Lehrkraft möglichst gute Zensuren auszuhandeln. Deshalb kontrollieren sie Lehrkräfte und versuchen diese mit allen Mitteln zu möglichst guten Noten für ihre Kinder zu bewegen.
  • Die Schüler/innen lernen sehr schnell, wann sich Leistung in der Schule lohnt und wann nicht. Sie werden auf das Lernen für Prüfungen konditioniert und definieren nicht Lernerfolg, sondern gute Noten als Leistung.

Zu einem solchen System steht eine individualisierte Leistungsbewertung quer, die Stärken und Schwächen von Schülern offen legt und Grundlage für deren gezielte Förderung darstellen soll. Schüler und Eltern, die das bestehende System verinnerlicht haben, versuchen möglichst, den Förderbedarf zu verschleiern, da jede eingestandene Schwäche eine Herabstufung in der normierten Leistungsbewertung bedeutet.

Zentrales Anliegen einer individualisierten Leistungsbeurteilung ist die Förderung des Schülers. Diese steht jedoch im Gegensatz zu dem wichtigsten Systemauftrag von Schule, nämlich Auslese. Auslese beruht auf Normierung und Normierung widerspricht Individualisierung. Die Fixierung der Grundschule auf den Übertritt erfordert die Justiziabilität und Verrechenbarkeit von Schulleistungen, damit diese als Auslesekriterien dienen können. Eine Schule, die so agiert, steht systembedingt in Konfrontation zu den Eltern.

Forderungen des BLLV:

Damit die hinter den Reformen der Leistungsbewertung in der Grundschule stehende Absicht eines individualisierten und erweiterten Leistungsbegriffs mit dem Ziel der Förderung der einzelnen Schüler/innen wirklich tragfähig entwickelt werden kann, müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies bedeutet nach Überzeugung des BLLV vor allem

  • eine günstigere Schüler-Lehrer-Relation, um eine gezielte Beobachtung, Diagnose und Förderung des einzelnen Schülers, sowie eine umfassende Aus-, Fort-, und Weiterbildung für die hierzu erforderlichen Kompetenzen. Innere Differenzierung braucht Zeit. Ohne entsprechende Lehrerstunden, etwa für die Bildung von Kleingruppen oder eine zusätzliche Lehrkraft, fehlen jedoch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Förderung. Von den Lehrern aufwändige Diagnose zu fordern, ohne dann die Rahmenbedingungen für eine wirksame Förderung als Konsequenz dieser Diagnose bereitzustellen, ist nicht nur sinnlos, sondern zynisch!
  • Außerdem muss das Schulsystem allgemein und die Grundschule im Besonderen einen grundlegenden Systemwechsel erfahren. Wenn Förderung des einzelnen Schülers die Hauptaufgabe von Schule sein soll, muss sie von der Dominanz der Auslesefunktion befreit werden. Solange Leistungsbewertung in erster Linie Auslesekriterium ist, bleibt jeder Versuch eines erweiterten Lern- und Leistungsbegriffs vom System her zum Scheitern verurteilt.

Die Ergebnisse des Schulversuchs haben klar gezeigt, dass die dort erprobten Maßnahmen weder praktikabel noch sinnvoll sind. Deshalb fordert der BLLV, dass die vollen zwei Jahre des Schulversuchs bis Ende des Schuljahres 2004/05 genutzt werden und nicht bereits im kommenden Schuljahr unausgegorene Neuerungen verpflichtend eingeführt werden. Insbesondere folgende Erkenntnisse, die aus den bisherigen Erfahrungen resultieren, gilt es dabei umzusetzen:

  • Notensysteme dürfen weiterhin erst in den Zeugnissen der dritten Jahrgangsstufe angewendet werden.
  • Eine Beurteilung des Sozialverhaltens sowie des Lern- und Arbeitsverhaltens erfolgt lediglich in verbaler Form und in einer geringeren Anzahl an Kategorien.
  • Die Fächer Deutsch und Mathematik erfahren zwar in der verbalen Beurteilung eine Aufgliederung in die Teilbereiche, werden aber mit nur einer globalen Note bewertet.
  • Lehrer/innen mit nur wenigen Stunden in einer Klasse sind nicht zum Führen der Beurteilungsbögen zum Sozial-, Lern- und Arbeitsverhalten angehalten. Sie können ihre Beobachtungen formlos an die Klassenführung mitteilen.
  • Lehrer/innen muss für die Schülerbeobachtung geeignete, praktikable und ökonomisch einsetzbare Hilfe angeboten werden. Die im Schulversuch verwendeten Beobachtungsbögen sind viel zu umfangreich und damit unbrauchbar.

Da diese Voraussetzungen im Augenblick nicht erfüllt sind, bedeutet die angestrebte Reform ausschließlich eine weitere Mehrbelastung für Lehrerinnen und Lehrer ohne jeden Nutzen für Schule und Kinder. Sie wird deshalb vom BLLV in der vorliegenden Form abgelehnt.

Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesvorstands vom 28.4.2004


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