9. April 2009

Eckpunkte eines Gesamtkonzepts Fremdsprachenunterricht

Nicht zuletzt durch die Veröffentlichung einer Studie der Universität Eichstätt vom Januar 2009 sind die Schnittstellen zwischen dem Fremdsprachenunterricht an den verschiedenen Schularten und in den verschiedenen Schulstufen in die Kritik geraten. Für den Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) ist dies Anlass genug, nach unserem Vorstoß vom 14. Mai 2007 erneut das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus aufzufordern, ein Gesamtkonzept für den Fremdsprachenunterricht in allen Stufen des Bildungssystems zu entwickeln.

Ein solches Gesamtkonzept muss Aussagen über Fremdsprachenbegegnung und Fremdsprachenunterricht beginnend vom Kindergarten über die erste Jahrgangsstufe bis hin zum Abitur beinhalten. Dadurch soll das Erlernen von Fremdsprachen als ein Kontinuum konzipiert werden, in dem die Inhalte und Lernziele der einzelnen Jahrgangs- bzw. Klassenstufen aufeinander aufbauen. Basierend auf einem eigenständigen Profil des Fremdsprachenunterrichts der einzelnen Klassenstufen bzw. Schularten einschließlich der Förderschulen sollen darin Trittsteine (in Niveaustufen, Lernzielen, Standards o. ä.) definiert werden, die in einer klaren Reihenfolge aufeinander aufbauen. Im Einzelnen muss ein solches Konzept Aussagen darüber enthalten, welche Gewichtung den einzelnen Teilbereichen des Fremdsprachenunterrichts in den einzelnen Klassenstufen zukommt.

Dringend einer systematischen Klärung bedürfen z.B. folgende Fragen:

Wird die Fremdsprachenbegegnung in den Kindertagesstätten verpflichtend vorausgesetzt? Welche Personen erteilen dort dem Fremdsprachenunterricht? Wo und wie erfolgt deren Ausbildung? Welche Vorgaben werden dazu im Erziehungsplan gemacht? Welches Stundenkontingent umfasst die Fremdsprachenbegegnung in den Kindertagesstätten? Erfolgt die Begegnung mit der Fremdsprache im Kindergarten durch ausschließlich in der Fremdsprache sprechende Erzieherinnen?

Beginnt das Fremdsprachenlernen in der Grundschule bereits in der ersten und zweiten Klasse? Welche Regelungen werden einheitlich für den Fremdsprachenunterricht in den Klassen 3 und 4 der Grundschule vorausgesetzt? Zu klären ist vor allem, welche Personen mit welcher sprachlichen und fachdidaktisch-methodischen Ausbildung in den drei Phasen der Lehrerbildung den Fremdsprachenunterricht erteilen. Soll der Fremdsprachenunterricht in der Grundschule stärker erlebnisorientiert oder ergebnisorientiert vermittelt werden? In welchem Umfang erfolgt er und wird er integrativ in den Grundlegenden Unterricht eingebettet oder als Zusatzstunden in die Stundentafel aufgenommen?

Auch die Zusammenarbeit der Lehrkräfte der verschiedenen Schularten muss in einem Gesamtkonzept zum Fremdsprachenunterricht klarer definiert und verbindlich gemacht werden. Ein systematischer Austausch über Inhalte und Methoden des jeweiligen Fremdsprachenunterrichts muss dabei ebenso institutionell verankert werden wie gemeinsame Fortbildungen und Kooperationsveranstaltungen.

Ein Gesamtkonzept muss festlegen, wie der Englischunterricht in den Klassenstufen 5 und 6 aller Schularten auf den Fremdsprachenunterricht der Grundschule aufbaut, ob der Anteil der Fremdsprachen in der Stundentafel im Augenblick ausreicht und ob zusätzlicher Förderbedarf durch Förderangebote eröffnet wird. Ebenso muss die Stellung anderer Fremdsprachen als Englisch in den Klassen 5 und 6 in allen Schularten geklärt werden. Welche Fremdsprachen werden an welchen Schulen in welchem Umfang in welcher Form durch welche Lehrkräfte unterrichtet und angeboten? Für den Fremdsprachenunterricht an allen Schularten in den folgenden Jahrgangsstufen müssen in einem solchen Gesamtkonzept Mindeststundenumfänge festgelegt werden, die neben dem Halten des Lernstandes auch einen Lernzuwachs ermöglichen.

Für alle Schularten muss geklärt werden, welchen Stellenwert bilingualer Sachunterricht hat und inwieweit auch ein punktueller bilingualer Sachunterricht sinnvoll ist.

Ein Gesamtkonzept Fremdsprachenunterricht bedarf auch konkreter Aussagen über die Qualifikation der unterrichtenden Lehrkräfte in allen Schulstufen und Schularten. Es muss festgelegt werden, wie der erforderliche Praxisbezug erhöht und sichergestellt werden kann und wie insbesondere die methodisch-didaktische Ausbildung für Studierende des Lehramts Grund- und Hauptschule im Fremdsprachenunterricht verbessert werden kann. Auch Methodeninhalte und Umfang der Fremdsprachenausbildung in der zweiten und dritten Phase der Lehrerbildung müssen in einem solchen Konzept festgelegt werden.

Zur Koordination und Abstimmung der unterschiedlichsten Handlungsebenen und Teilaspekte muss ein schulartübergreifendes Referat Fremdsprachenunterricht am Kultusministerium geschaffen werden. Einem solchen Querschnittsreferat obliegt die Erstellung, Umsetzung und Weiterentwicklung des Gesamtkonzepts Fremdsprachenunterricht.

Der BLLV hofft, dass das Kultusministerium ebenso die Dringlichkeit und Notwendigkeit eines derartigen Gesamtkonzepts erkennt. In die Entwicklung dieses Konzepts können von den unterschiedlichsten beteiligten Personen, Gruppen und Institutionen wertvolle fachliche Beiträge geleistet werden, sodass der Entwicklungsprozess alleine bereits zahlreiche Früchte tragen würde. Der BLLV ist hierzu gerne bereit.


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