2. November 2004

Bildungsstandards, Qualitätsagentur und Evaluation

Stellungnahme des BLLV

Vorbemerkungen

Unter der Voraussetzung, dass die nachfolgend beschriebenen Desiderate Berücksichtigung finden, erachtet der BLLV die Arbeit von Qualitätsagentur und Evaluationsteams zum Erreichen schulischer Qualitätsstandards als sinnvoll und hilfreich.

Sollten die Forderungen des BLLV nicht berücksichtigt werden, erscheint es fraglich, ob unter den aktuellen Rahmenbedingungen aus externer Evaluation dauerhafte positive innere Schulentwicklungsprozesse entstehen können. Ein durch viele neue Begriffe umschriebenes Messen ersetzt keine qualitativ hochwertige innere Schulentwicklung. Externe Evaluation ohne Unterstützung wird zu keiner positiven Qualitätsentwicklung führen.

Die Qualität an bayerischen Schulen lässt sich nur durch eine bewusste Verbindung von innerer Schulentwicklung mit interner und externer Evaluation dauerhaft fördern.

Ausgangslage

Als Reaktion auf die Ergebnisse der PISA-Studie wird von der Kultusministerkonferenz (KMK) die Einführung und Evaluation von Bildungsstandards gewählt. Das Erreichen der Standards an den Schulen soll zukünftig über eine bundesweite Qualitätsagentur gesichert werden. Der BLLV bedauert, dass dies die bislang einzige schulpolitische Reaktion auf die ernüchternden Ergebnisse der Studie darstellt. Es ist zweifelhaft, ob sich über das Messen von Standards Bildungsqualität steigern lässt. Gezielte Förderprogramme müssen der Evaluation schulischer Innovations- und Bildungsarbeit vorangehen. Ein einseitiger Blick auf die Ergebnisse einer permanenten Messung von Standards birgt die Gefahr eines unreflektierten Machbarkeitsdenkens, das in der schulischen Realität seine Grenzen finden wird.

Die einseitige Reduktion notwendiger Reformbemühungen auf eine Erhebung von Bildungsstandards darf nicht zur Kontrolle von Lehrkräften und Schulen missbraucht werden. Den Evaluationsbestrebungen müssen konkrete Fördermaßnahmen folgen.

Bildungsstandards

Kurzbeschreibung

"Bildungsstandards legen fest, welche Kompetenzen die Kinder oder Jugendlichen bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe mindestens erworben haben müssen" (Deutsches Institut für internationale pädagogische Forschung - DIPF), 2003, S. 13.

Am 4. Dezember 2003 beschloss die KMK Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Deutsch, Mathematik und erster Fremdsprache (Englisch/Französisch). Als Gütekriterien der Standards gelten "Fachlichkeit", "Fokussierung", "Kumulativität", "Verbindlichkeit für alle", "Differenzierung", "Verständlichkeit" und "Realisierbarkeit". Weiterhin verpflichten sich die Länder, die verabschiedeten Standards zu Beginn des Schuljahres 2004/05 zu übernehmen. In Lehrplanarbeit, Schulentwicklung sowie Lehreraus- und Fortbildung sollen die Standards berücksichtigt werden. Die Einhaltung der Bildungsstandards soll ab 2006 länderübergreifend durch eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung überprüft werden. Im Jahr 2004 sollen Bildungsstandards für das Ende der Jahrgangsstufe 4 in Deutsch und Mathematik, den Hauptschulabschluss in Deutsch, Mathematik und erster Fremdsprache sowie den Mittleren Schulabschluss in Biologie, Chemie und Physik vorliegen.

Bayern will die Kompetenzen der Schüler pro Jahrgangsstufe über Bildungsstandards erfassen. Abschlussbezogene Standards sollen nur zu einem Drittel schulartübergreifend formuliert werden.

Zielsetzung

  • Maßstab zur individuellen Förderung sowie zur Vergleichbarkeit von Ergebnissen auf nationaler und regionaler Ebene
  • Standards zur Schul- und Unterrichtsentwicklung
  • Parameter zur internen und externen Evaluation

Stellungnahme des BLLV

  • Standards sind im Rahmen eines langjährigen Prozesses, der zur Verbesserung der Schulqualität führen soll, zu begrüßen
  • Standards sind als Steuerinstrument für die Erhöhung der Chancengleichheit einzusetzen
  • Standards sollen abschlussbezogen und nicht schulartbezogen sein
  • Standards sind Regelstandards, deren Praxis zeigen muss, ob nicht Mindeststandards besser sind
  • Standards müssen auch pädagogisch-psychologische Begründungen der Kompetenzstufen beinhalten
  • Standards bezüglich des Erreichens von Basiskompetenzen sind noch zu formulieren
  • Standards dürfen schulische Bildungsarbeit nicht im Sinne eines einseitigen Lernens zum Erreichen kognitiv geprägter Kompetenzen reduzieren
  • Standards dürfen nicht zur Notengebung und Selektion der Schüler verwendet werden
  • Standards müssen Kriterien für Rahmenbedingungen an Schulen beinhalten
  • Standards müssen als Inhalte der Lehreraus- und Lehrerfortbildung aufgegriffen werden
  • Standards müssen in den Lehrplänen enthalten sein
  • Standards, die abschlussbezogen formuliert werden, widersprechen dem Prozesscharakter innerer Schulentwicklung
  • der Leistungsfeststellung muss permanente Förderdiagnose und Schulentwicklung folgen
  • förderdiagnostische Instrumente sind nötig, um den individuellen Leitungsstand eines Schülers festzustellen

Qualitätsagentur

Kurzbeschreibung

Auf der Grundlage des "Bayerischen Qualitätsmemorandums" des Kultusministeriums vom Juni 2003 wird ab dem Schuljahr 2003/04 eine "Qualitätsagentur" zur Einführung und Evaluation von Bildungsstandards im umbenannten "Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung" eingerichtet.

Evaluationsteams sollen die Anliegen der Qualitätsagentur an der einzelnen Schule umsetzen. Sie setzen sich aus drei bis vier Personen aus dem schulischen sowie zwei Personen aus dem außerschulischen Bereich zusammen. Die Teams evaluieren nicht im eigenen Bezirk.

Die Teams verfassen nach einer mit sieben Tagen veranschlagten Evaluierung der einzelnen Schule einen Bericht, welcher der betreffenden Schule übermittelt und über das zuständige Schulamt an die Qualitätsagentur weiter geleitet wird. Das Veröffentlichungsrecht hinsichtlich des Berichts liegt bei der Einzelschule. Auf Basis des Berichts trifft die Schulaufsicht mit der Schule Vereinbarungen zur Entwicklung. Hierbei soll schulaufsichtliche und gegebenenfalls landesweite Unterstützung der Entwicklungsarbeit angeboten werden. Die einzelne Schule soll hinsichtlich des Erreichens der Vereinbarungen erneut evaluiert werden.

Die Pilotphase soll bis einschließlich 2004/05 dauern.

Zielsetzung

  • Ermöglichung eines flächendeckenden und fortlaufenden Bildungsmonitoring
  • Prüfung der fachlichen und pädagogischen Qualität der Schulen durch ausgebildete und ausgewiesene Evaluatoren
  • empirische Bildungsberichterstattung für politische Weichenstellungen
  • Evaluation als Beitrag zur Qualitätsverbesserung
  • Evaluation nicht zur Überwachung der Schulen
  • Vorreiterrolle für Bund und Länder

Stellungnahme des BLLV

  • externe Evaluation darf nicht zum Ranking oder zur Selektion missbraucht werden
  • Ressourcen für solide Datenerhebung und Rückmeldung müssen zur Verfügung stehen
  • externe Evaluation muss über die gezielte Bereitstellung von Ressourcen zu einer Verminderung regionaler Ungleichheiten führen
  • externe Evaluation darf nicht nur Unterrichtsentwicklung erfassen, denn ohne solide Organisations- und Personalentwicklung lässt sich an der Einzelschule nur schwer Schulentwicklung betreiben
  • Ergebnisse der Evaluation müssen bereits während der Pilotphase hinsichtlich ihrer Relevanz für eine flächendeckende Einführung sorgfältig ausgewertet werden
  • Instrumente der Evaluation müssen empirischen Gütekriterien entsprechen
  • mittels eines zuverlässigen Instrumentariums müssen alle Bereiche innerer Schulentwicklung erfasst werden
  • externe Evaluation kann den Prozess der inneren Schulentwicklung nicht ersetzen, sondern muss ihn unterstützen
  • zunächst sollte die innere Entwicklung an der Einzelschule unterstützt und anschließend durch interne Evaluation abgesichert werden
  • eine an innere Evaluation anschließende externe Evaluation hat im Rahmen von Schulentwicklung einen höheren Wirkungsgrad
  • für die Einzelschule müssen neben Sachaufwandskosten auch personelle Ressourcen für das Erreichen der angestrebten Zielsetzungen zur Verfügung stehen
  • Detailvorschriften dürfen den Entwicklungsprozess der einzelnen Schule nicht blockieren
  • das Verhältnis von externer und interner Evaluation muss präzisiert werden
  • innere Schulentwicklung bedarf einer Prozesssteuerung durch Moderatoren, die von der einzelnen Schule als "kritischer Freund" in Anspruch genommen werden können
  • die Finanzierung der Moderatoren muss gewährleistet sein
  • die Auswahl und der Einsatz der Evaluationsteams müssen transparent sein und bedürfen der Mitwirkung der Personalvertretung
  • eine solide Aus- und Weiterbildung der Evaluatoren ist unabdingbar
  • an der Einzelschule muss die Arbeit der Evaluationsteams mit der Arbeit von Moderationsteams verknüpft werden
  • Mitarbeitende der Evaluationsteams müssen zur Verwirklichung ihrer Aufgaben entsprechend ausgestattet werden
  • die Tätigkeitsbeschreibung der Evaluationsteams muss präzisiert werden
  • die Fortbildung der Teams muss gesichert sein
  • die Notwendigkeit eines Konsens zwischen Schule, Schulleitung, Lehrkräften, Team und Schulamt muss hervorgehoben werden
  • die Rolle der Schulaufsicht im Entwicklungs- und Evaluationsprozess muss vor allem hinsichtlich ihrer Beurteilungsfunktion geklärt werden
  • Sachaufwandsträger müssen an der Evaluation beteiligt werden

Eingabe des BLLV vom 02.11.2004 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus sowie an den Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport des Bayerischen Landtages

 


Suche

Im Blickpunkt

Reformkonzept

Kinderhaus Casadeni