17. Mai 2007

Interkulturellen Herausforderungen pädagogisch begegnen

Beschluss der Landesdelegiertenversammlung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) in Würzburg, 17. – 19. Mai 2007

Ausgangslage

Die Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts ist gekennzeichnet von großen Gegensätzen zwischen armen und reichen Ländern, von Flüchtlingsströmen und zunehmenden Wanderungs­bewegungen und von erhöhter Mobilität. Diese globale Entwicklung führt teilweise zu erheblichen sozialen, politischen und kulturellen Spannungen. Auch Deutschland wird von ihnen erfasst, die heutige Gesellschaft steht vor völlig neuen Herausforderungen.

Die Wanderungsbewegungen von Süd nach Nord werden seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftssystems ergänzt durch Bewegungen von Ost nach West. Die Zahl der Einwanderer erhöht sich weiter durch den Zugang deutschstämmiger Aussiedler, die in der Regel nur spärliche oder keine deutschen Sprachkenntnisse besitzen. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Kontingentflüchtlingen; auch die prinzipielle freie Wahl des Wohnsitzes innerhalb der europäischen Gemeinschaften erhöht die Anzahl der Menschen mit Migrations­hintergrund in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Mikrozensus des Jahres 2005 zeigt, dass mehr als 15 Millionen Menschen der Gesamtbe­völkerung in Deutschland (82,5 Millionen) einen Migrationshintergrund besitzen, obwohl nur 7,3 Millionen Einwohner, also deutlich weit weniger als 10 Prozent, einen ausländischen Pass haben. In der Altersgruppe der bis zu Sechsjährigen stellen Kinder mit Migrationshintergrund heute einen Anteil von einem Drittel. In den alten Bundesländern wird, besonders in den Ballungszentren, dieser Wert oft stark überschritten. Quoten von 50 und mehr Prozent sind in vielen Stadtteilen bereits Realität oder zu erwarten. Für das Bildungssystem bedeutet diese Entwicklung, dass es heute und zukünftig zu einem Großteil von kultureller, sprachlicher und religiöser Vielfalt geprägt ist.

Diese Vielfalt wird noch verstärkt durch unterschiedliche soziale Bedingungen wobei besonders Familien aus den Entsendestaaten aufgrund der erwerbsorientierten Zuwanderung von Armut bedroht sind.
 

Interkulturelles Lernen als Prinzip in den Bildungseinrichtungen

Damit eine kulturell heterogene Gesellschaft sich möglichst konfliktfrei entwickelt, bedarf es vielfältiger politischer, soziologischer, städtebaulicher und pädagogischer Bemühungen. Der Schule kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, da sie durch Bildung und Erziehung an der Gestaltung der zukünftigen Gesellschaft entscheidend beteiligt ist. Durch eine interkulturelle Dimension soll das Bildungswesen Inhalte festlegen und Strategien entwickeln, die notwendig sind, damit alle im Bildungswesen möglichst konfliktfrei miteinander zusammenleben wollen, sich gegenseitig als Gewinn betrachten können und auf die kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft vorbereitet werden. Alle sollen lernen, sich gegenseitig zu achten und zu verstehen, alle sollen voneinander lernen und füreinander eintreten.
 

Zielvorstellungen

Oberstes Ziel ist die Förderung des friedlichen Zusammenlebens von Menschen unter­schiedlicher Herkunft, verschiedener Sprachen und Kulturen. Voraussetzung hierzu sind gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und interkultureller Dialog.

Durch das Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes zum 1. Januar 2005 kann man eindeutige Vorgaben für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund machen.

Menschen mit Migrationshintergrund sind heute in der Regel Bürger dieses Landes und sehen ihre Zukunftsperspektive in Deutschland.

Folgende Zielvorstellungen gelten für das Bildungssystem:

Der Wertekatalog ist festgesetzt im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und in den Länderverfassungen.

Der Schlüssel zu Integration und zur gesellschaftlichen Teilhabe sowie zur beruflichen Eingliederung ist die Beherrschung der deutschen Sprache.

Die Förderung der Herkunftssprachen ist für die Identitätsbildung und als Grundlage für den Zweitspracherwerb sinnvoll, wenn durch geeignete schulorganisatorische, didaktische und methodische Maßnahmen ein Zusammenhang zwischen Muttersprachen- und Zweitsprachenerwerb hergestellt ist. Mehrsprachigkeit ist in einem zusammenwachsenden Europa wertvoll und von Vorteil.

Die Frage des Religionsunterrichts für die große Gruppe der muslimischen Kinder muss im Sinne des Grundgesetzes Artikel 7, Absatz 3, geregelt werden, d.h. nur ein Religionsunterricht in deutscher Sprache mit von den jeweiligen Kultusministern genehmigten und islamischen Ansprechpartnern abgesprochenen Lehrplänen, erteilt von qualifizierten Lehrkräften mit staatlicher Lehrbefähigung und unter staatlicher Schulaufsicht vermeidet problematische Selbsthilfeversuche.

Für die Identitätsentwicklung sind Kenntnisse fremder Kulturen und Geschichte wichtig, die Zeugnis für schöpferische und weltoffene Gedanken bieten.

 

Maßnahmen

Interkulturelle Frühförderung

Da bereits im frühkindlichen Alter, also bereits vor Eintritt in den Kindergarten, in großem Umfang die Weichen für die Bildungskarrieren von Kindern gestellt werden, da z.B. das Entwicklungsfenster für die Sprachentwicklung bis zum dritten Lebensjahr besonders weit geöffnet ist und nach den Erkenntnissen der Gehirnforschung das Kleinkind entsprechende Lernanreize braucht, kommt der Förderung dieser Altersgruppe eine besondere Bedeutung zu.

Der Lernerfolg beim Kleinkind ist besonders nachhaltig, wenn er durch die positiven Gefühle einer engen Eltern-Kind-Beziehung unterstützt wird. Hier ist die Bildungsqualität des Elternhauses gefordert. Kinder mit Migrationshintergrund entstammen jedoch sehr oft bildungsfernen Elternhäusern. So muss mit besonderen Maßnahmen die Bildungsqualität der Familien verbessert werden, d.h. Eltern müssen fit und verantwortlich für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder gemacht werden. Viele Elternhäuser müssen lernen, dass sie durch ihr Verhalten den entsprechenden Einfluss auf die Sprachentwicklung ihrer Kinder haben.

Die für Eltern von Kleinkindern vorhandenen Programme zur Stärkung der Erziehungs­kompetenz (Family learning) sind bedarfsgerecht auszubauen und zu finanzieren.
 

Sprachförderung im Kindergarten

Die PISA-Studie sieht die bewusste Sprachförderung im Kindergarten insbesondere die Herausbildung der phonologischen Bewusstheit als die zentrale Vorläuferkompetenz für den Schriftspracherwerb in der Grundschule. Alle Bemühungen des Kindergartens dienen auch und besonders den Kindern mit Migrationshintergrund.

Eine gezielte Sprachförderung in Kooperation mit den zuständigen Grundschulen sollen alle Kinder erhalten, denen, über ein Sprachscreening festgestellt, ein besonderer Förderbedarf zusteht. Hierfür sind die personellen, räumlichen und sächlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Bildungskarieren werden bekanntlich nicht nur von den Institutionen beeinflusst, sie sind auch stark vom Engagement der Familie abhängig. Besondere Förderprogramme für bildungsferne Familien sind im Sinne einer Erziehungspartnerschaft bedarfsgerecht zu finanzieren. Hierzu gehört auch das Projekt „Mama lernt deutsch im Kindergarten“.
 

Übergang Kindergarten/Grundschule

Damit kein Kind bereits mit Schuleintritt scheitert, muss auf diese Nahtstelle besonderer Wert gelegt werden. Modelle für einen flexiblen Übergang vom Kindergarten zur Grundschule sind besonders zu fördern. So soll im Sinne eines head-start-programmes erreicht werden, dass bei Schuleintritt Chancengleichheit hergestellt ist. Alle Bemühungen einer Verzahnung von Schuleingangsphase und Kindertagesstätten sind auch im Hinblick auf die besondere Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund zu gestalten.
 

Schulische Maßnahmen

Ziel aller schulischen Maßnahmen ist, Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in deutschen Regelklassen auszubilden und zu erziehen. Notwendige Separierungen von den Regelklassen für Spät- und Seiteneinsteiger, also Sonderformen, die dem Übergang in die Regelklasse dienen, sind auf maximal zwei Jahre zu begrenzen. Diese besonderen Einrichtungen z.B. Übergangs- bzw. Vorbereitungsklassen sollen maximal 12 Schüler haben und mit einer besonderen Stundentafel die sprachliche und soziale Integration fördern. Sie dienen primär der Vorbereitung auf die Regelklasse oder der Eingliederung in das berufliche Bildungssystem.

Die Regelklassen sollen bedarfsweise besondere Förderstunden parallel oder zusätzlich zum Regelunterricht zur Sprachförderung anbieten.

Die frühe Verteilung der Schüler in unserem gegliederten Schulwesen benachteiligt insbesondere Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten. Dies trifft auf Kinder mit Migrationshintergrund besonders häufig zu. Zudem geraten die Hauptschulen in sozialen Brennpunkten zunehmend in Gefahr, zu Ghettoschulen zu werden. Deshalb ist die Überwindung der frühen Auslese und der starren Trennung der Schüler in verschiedenen Bildungsgängen eine wesentliche Voraussetzung für gelungene Integration.

Den Schulen wird das Recht zugestanden, Modelle zur Migrantenförderung zu entwickeln und durchzuführen. Die notwendigen personellen Ressourcen sind hierfür bereitzustellen, dies gilt auch für Hausaufgabenbetreuung, Förderunterricht oder berufliche Vorbereitungskurse neben dem Regelunterricht. Programme zur Verbesserung der Bildungskompetenz der Elternhäuser, z.B. Mama lernt deutsch in der Schule, sind von den Schulbehörden zu finanzieren. Diese Programme dürfen nicht abhängig von zufällig vorhandenen Fördertöpfen gemacht werden.

Damit „Ghettoschulen“ vermieden werden können, sind Schulen mit sprengelbedingtem hohen Migrationsanteil im Sinne eines Magnetschulkonzepts so auszustatten, dass sie auch für Nichtmigranten attraktiv sind.


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