26. Oktober 2009

Verbandsanhörung der Änderung der Volksschulordnung (VSO)

Ihr Zeichen: IV.4-S7610-4.59382, Ihr Schreiben vom 20.08.2009
 

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) bedankt sich für die Zusendung des Entwurfs der Verordnung zur Änderung der VSO. Insbesondere sind wir erfreut über die angemessene Frist von drei Monaten zur Stellungnahme, die trotz der dazwischen liegenden Urlaubszeit ausreichend Zeit für deren Erstellung und demokratische Legitimierung in den Gremien unseres Verbandes einräumte.

Zu den einzelnen Punkten nimmt der BLLV wie folgt Stellung:

Zu § 12a (1), Satz 2:  Überschulische Zusammenarbeit der Schülervertretungen

Aus Sicht des BLLV bedeutet das Verbot von Zusammenschlüssen von Schülervertretungen mehrerer Schulen eine systematische Schwächung der Schülervertretung in Bayern. Insbesondere Stadt-Schülervertretungen sind in Bayern in vielen Städten seit langer Zeit eine feste Tradition, die einen integralen Bestandteil der Schülervertretung auf Landesebene bildet. Sie sind das primäre Bindungsorgan zwischen der Schülervertretung auf Landesebene und den einzelnen Schülerinnen und Schülern an den Schulen. Durch sie wird ein Großteil der Aktiven für die Arbeit in der Schülervertretung gewonnen. Gerade für solche Schülerinnen und Schüler, die sich zwar über die eigene Schule hinaus engagieren wollen, sich jedoch noch nicht reif für eine Bezirks- oder Landesfunktion fühlen, bedeuten die lokalen Zusammenschlüsse die ideale Ausgangsbasis für ihr Engagement.

Deshalb bittet der BLLV, diese restriktive Aussage, deren Nutzen nicht offensichtlich wird, zu streichen.

Zu § 12a (3), Satz 2:  Dauer der Aussprachetagungen der Schülervertretungen

Der BLLV hält vier Unterrichtstage insgesamt für zu wenig, da sich diese Zeit sowohl auf Landkreisaussprache-Tagungen als auch Bezirksaussprache-Tagungen der Schülervertreter/innen der Hauptschule bezieht. So sind bei den Bezirksaussprache-Tagungen auf der Ebene des Gymnasiums bislang bereits vier Tage der Normalfall. Diese Zeit ist notwendig, um neben den formalen Akten wie Wahlen und Berichten auch Arbeitsgruppen, Antragsarbeit und den gegenseitigen Austausch ausreichend gewährleisten zu können. Durch die Zwischenstufe der Landkreisebene haben die Schülervertreterinnen und -vertreter der Hauptschule eine weitere Instanz. Um sinnvoll arbeiten zu können, nimmt diese aus unserer Sicht den gleichen Umfang in Anspruch. Es ist deshalb aus Sicht des BLLV nicht einzusehen, dass die Doppelung der Ebenen in der Hauptschule zu Lasten der Intensität der Arbeit auf jeder der Ebenen gehen soll.

 

Deshalb bittet der BLLV, sowohl die Landkreisaussprache-Tagungen als auch die Bezirksaussprache-Tagungen für die Hauptschule jeweils mit vier Arbeitstagen zu sehen.

Zur Streichung des § 35 Abs.4:  Muttersprachlicher Ergänzungsunterricht (MEU)

Der BLLV akzeptiert die Streichung des Muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts (MEU) und teilt die Ansicht der Staatsregierung, dass der Schlüssel zur Integration und zur gesellschaftlichen Teilhabe sowie zur beruflichen Eingliederung die Beherrschung der deutschen Sprache ist.

Diese Förderung der deutschen Sprache darf jedoch nicht zu einer Vernachlässigung oder gar Diskriminierung der Herkunftssprache führen. Dies würde den Erwerb der deutschen Sprache erschweren. Zahlreiche weltweite Studien haben nachgewiesen, dass das Niveau in der Zweitsprache nie höher sein kann als das Niveau in der Muttersprache. Wer Kindern die Muttersprache nimmt, macht sie sprachlos in allen Sprachen. Wer mit Kindern die Muttersprache und gleichzeitig den Erwerb der deutschen Sprache pflegt, macht sie fit in beiden Sprachen. Wer also gute Ergebnisse beim Deutschlernen erzielen will, muss auch die Muttersprache pflegen und davon ausgehen, dass zu Hause die Muttersprache gesprochen wird.

Die Förderung der Herkunftssprachen ist also für die Identitätsbildung und als Grundlage für den Zweitspracherwerb sinnvoll, wenn durch geeignete schulorganisatorische, didaktische und methodische Maßnahmen ein Zusammenhang zwischen Muttersprachen- und Zweitsprachenerwerb hergestellt ist. Mehrsprachigkeit ist in einem zusammenwachsenden Europa wertvoll und von Vorteil.

Wer in einer Sprache ein umfassendes Vokabular beherrscht und komplexe Grammatikstrukturen anwendet, kann diese Kompetenzen auf die Zweitsprache übertragen. Er entwickelt ein metasprachliches Bewusstsein. Umgekehrt gilt jedoch auch: Wer seine Muttersprache, z.B. Türkisch, nur auf einem einfachen, nicht schriftlichen Niveau beherrscht oder gar nur im Dialekt tangiert, überträgt diese schwachen Strukturen auf die Zweitsprache Deutsch. Das Erlernen einer Zweitsprache setzt also immer ein hohes Niveau der Muttersprache voraus. Auch aus diesem Grunde muss die Muttersprache des Kindes auch in der Schule gepflegt – und mit der Zweitsprache Deutsch verbunden werden. Diese Zweisprachigkeit, die allseits gefordert wird und z.B. in Norditalien verwirklicht ist, kann nur entstehen, wenn beide Sprachen das gleiche Image haben und parallel benutzt werden. Voraussetzungen dafür sind, dass die sprachliche Entwicklung in der Muttersprache nicht künstlich unterbrochen wird und die Kinder mit Migra-tionshintergrund fähig gemacht werden, je nach Situation und Umgebung beide Sprachen domänenspezifisch zu gebrauchen. Hierzu gehört eine positive Einstellung der Eltern und der Umgebung zu beiden Sprachen und Kulturen.

Deshalb schlagen wir im Einvernehmen mit den wissenschaftlichen Ergebnissen vor, dass neue Formen und Angebote zur Förderung der muttersprachlichen Kompetenz entwickelt und installiert werden.

Außerdem möchten wir uns dafür bedanken, dass das Anliegen unseres Schreibens vom 7.4.09 an Herrn Staatsminister Dr. Spaenle durch das Staatsministerium aufgegriffen und zu einer konstruktiven Lösung geführt wurde.

Alle weiteren Änderungen treffen auf keine Einwände durch den BLLV.

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Schreiben von BLLV-Präsident Klaus Wenzel an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 26.10.2009


Dateien:
VSO.pdf35 K

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