20. Juni 2001

Die Ganztagsschule als bedarfsgerechtes Angebot

Steigender Bedarf an Ganztagsschulen

Der Ruf nach einer deutlichen Ausweitung des Angebots einer ganztägigen Betreuung für Kinder und Schüler wird immer lauter. Zahlreiche gesellschaftliche Institutionen und alle politischen Parteien räumen dieser Aufgabe hohe politische Priorität ein.

Hierzu nimmt der BLLV wie folgt Stellung

  1. Es besteht eine Gemengelage aus unterschiedlichen Motiven für eine Ausweitung von ganztägigen Betreuungsangeboten, die ebenfalls unterschiedliche Lösungsmodelle nach sich ziehen. Es kann hierbei grob unterschieden werden zwischen
    • dem Motiv der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wer lediglich dieses Problem lösen will, kann sich im Prinzip mit einer Aufsicht für die Kinder außerhalb der schulischen Betreuungszeiten zufrieden geben.
    • dem Motiv einer pädagogischen Antwort auf das Phänomen einer veränderten Kindheit. Hierunter sind Erscheinungen wie die Zunahme von Einzelkindern, schwindende Primärerfahrungen, Reizüberflutung, steigende soziale Gewaltbereitschaft usw. zu verstehen. Wer solche Herausforderungen bewältigen will, muss pädagogische Konzepte für außerunterrichtliche Angebote entwickeln und umsetzen.
    • dem Motiv, den veränderten Ansprüchen an das Lernen gerecht zu werden. Eine Lösung dieses Problems liegt u. a. in einem größeren zeitlichen Angebot für schulisches Lernen, das eine Rhythmisierung des Unterrichts und zeitintensivere Lernformen erlaubt.
  2. Aus diesen unterschiedlichen Motiven resultieren unterschiedliche Lösungsmodelle. Häufig wird der Begriff der Ganztagsschule undifferenziert für verschiedene dieser Modelle wie z. B. Tagesschulen, Horte, Schulen mit ganztägiger Betreuung, Mittagsbetreuungen, Hausaufgabenhilfen usw. gebraucht. Diese Begriffsverwirrung wird noch zusätzlich verstärkt durch die Verknüpfung der Ganztagsschule mit der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit durch den Modellversuch eines achtjährigen Ganztagsgymnasiums. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen Schulen mit angegliederten außerunterrichtlichen Angeboten und Ganztagsschulen, bei denen der Unterricht in den ganzen Tag integriert ist.

 

Ganztagsschulen als Tagesschulen

Von den unterschiedlichen Modellen zur Deckung des Bedarfs nach außerunterrichtlichen Betreuung von Schülern ist die Ganztagsschule als Tagesschule, die ihr Unterrichtsangebot auf den ganzen Tag verteilt, das pädagogisch und didaktisch ambitionierteste Modell. Sie bündelt alle drei oben genannten Motive. Die Schüler sind den ganzen Tag über betreut, werden durch pädagogisch konzipierte außerunterrichtliche Angebote erzieherisch in ihrer Sozialkompetenz gefördert und können durch rhythmisierte Unterrichtsangebote bessere Lernleistungen erzielen. Dies ergibt sich aus einer Vielzahl pädagogischer Vorteile von Ganztagsschulen, die daraus resultieren, dass für Unterricht und Erziehung wesentlich mehr Zeit

  1. Ganztagsschulen bieten vielfältige Möglichkeiten der inneren und äußeren Differenzierung.
  2. Ganztagsschulen ermöglichen umfassendes soziales Lernen.
  3. An Ganztagsschulen kann in besonderer Weise auf die spezifischen Lebenssituationen, Interessen und Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingegangen werden.
  4. An Ganztagsschulen können Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung eingehend beobachtet werden.
  5. An Ganztagsschulen können Übung und Vertiefung des Lehrstoffes in die Schule verlagert werden.
  6. An Ganztagsschulen können gezielte Hilfen für sozial-kulturell benachteiligte Schülerinnen und Schüler angeboten werden.
  7. An Ganztagsschulen kann künstlerischer, sportlicher und spielerischer Betätigung ein breiter Raum eingeräumt werden.
  8. An Ganztagsschulen bieten sich vielfältige Möglichkeiten einer positiven Gestaltung des Schullebens.

 

Vielfalt des Angebots garantieren

Der BLLV orientiert sich an der Vielfalt der Motive und plädiert deshalb für vielfältige Lösungen. Die Entscheidung für ein konkretes Lösungsmodell muss so getroffen werden, dass sie dem jeweiligen pädagogischen, sozialen und örtlichen Bedarf gerecht wird.

Die Ganztagsschule als Tagesschule mit verpflichtendem ganztägigem Unterrichtsangebot stellt eine Ergänzung sowohl zur traditionellen Halbtagsschule als auch zu bestehenden Angeboten wie z. B. Hort an der Schule, Mittagsbetreuung oder Schulen mit anderweitigem ganztägigen Angebot dar.

Einige der oben aufgeführten pädagogischen und didaktischen Vorteile lassen sich bei entsprechender Ausstattung auch an Halbtagsschulen realisieren. Nicht alle Kinder bedürfen der spezifischen pädagogischen Möglichkeiten der Ganztagsschule. Deshalb muss es in der freien Entscheidung der Eltern liegen, welches der Angebote sie für ihre Kinder wählen.

Unabdingbare Qualitätsstandards

Soll eine Ganztagsschule die pädagogischen, sozialen und regionalen Vorteile wirklich aufweisen und nicht nur Verwahranstalt für Kinder sein, muss sie ein spezifisches pädagogisches Profil aufweisen und hohen Qualitätsstandards genügen. Deshalb ist aus Sicht des BLLV die Einführung der Ganztagsschule mit der Erfüllung bestimmter Bedingungen geknüpft.

Grundsätzliches

  1. Vor Einführung der Ganztagsschulen müssen ausreichende Rahmenbedingungen sicher gestellt sein.
  2. Die Finanzierung der Ganztagsschule muss gesichert und transparent sein.
  3. Die Umwandlung in eine Ganztagsschule muss für die Schulen freiwillig sein.
  4. Der Einsatz einer Lehrkraft an der Ganztagsschule beruht auf Freiwilligkeit.
  5. Die Anmeldung an eine Ganztagsschule erfolgt unabhängig vom Schulsprengel.
  6. Die Ganztagsschule wird als Schule in erweiterter Verantwortung (ScheV) mit einem hohem Grad an Selbstgestaltungsmöglichkeiten organisiert.
  7. Die Klassengrößen werden entsprechend des pädagogischen und organisatorischen Konzepts gesenkt.

Angebot

  1. Ganztagsschulen dürfen nicht den Charakter von Verwahranstalten entwickeln. Ihr pädagogischer Auftrag ist in erster Linie durch Unterricht definiert, der von Lehrkräften erteilt wird. Deren gesamte Arbeitszeit an der Schule wird als Unterricht gewertet.
  2. Außerschulische Angebote sind als Zusatzangebote zu organisieren. Sie können Unterricht nicht ersetzen. Die Kompetenz für deren Durchführung liegt bei der jeweiligen Schule.
  3. Das über den Pflichtunterricht hinausgehende Angebot wird sowohl von Lehrkräften durch Wahl- und Förderunterricht innerhalb ihrer Unterrichtspflichtzeit als auch von pädagogisch ausgebildetem Fachpersonal durch zusätzliche Angebote gedeckt.
  4. Im Schulalltag werden Lern- und andere Angebote rhythmisiert. Über Art und Umfang entscheidet jede Ganztagsschule in eigener Verantwortung.
  5. Bei der Gestaltung des Stundenplans wird auf die Belastbarkeit der Schülerinnen und Schüler geachtet. Der Kernunterricht in der Grundschule findet daher am Vormittag statt.

Ausstattung

  1. Die Einstellung von Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften erfolgt nach dem tatsächlichen Bedarf. Je Klasse einer Ganztagsschule macht dieser mindestens sieben zusätzliche Lehrerstunden aus. Vor der Einführung einer Ganztagsschule ist eine detaillierte Berechnung vorzulegen.
  2. Der zusätzliche Bedarf an Lehrerstunden darf nicht durch eine Erhöhung der Unterrichtspflichtzeit/Arbeitszeit, durch Kürzung von Anrechnungsstunden, durch den Rückgriff auf Arbeitszeitkonten o. Ä. gedeckt werden.
  3. Für Schulsozialarbeit und außerunterrichtliche Angebote stehen professionell ausgebildete Fachkräfte in ausreichendem Umfang zur Verfügung. Dieser personelle Bedarf wird nicht durch ehrenamtliches Personal gedeckt.
  4. Neueinstellungen dürfen nicht zu Lasten anderer Schularten gehen - wie insgesamt die Weiterentwicklung anderer Schularten nicht unter der Einführung und Entwicklung der Ganztagsschulen leiden darf.
  5. Die Schulleitung einer Ganztagsschule wird so ausgestattet, dass sie die gesteigerten organisatorischen und pädagogischen Anforderungen erfüllen kann.
  6. Um dem vermehrten Organisations- und Koordinierungsbedarf einer Ganztagsschule zwischen Lehrkräften, Sozialpädagogen und anderen Beteiligten gerecht zu werden wird ein ausreichender Stundenpool eingerichtet.
  7. Teambesprechungen des Personals werden als fester Bestandteil im Umfang einer Wochenstunde in die Unterrichtspflichtzeit aufgenommen.
  8. Ganztagsschulen werden bedarfsgerecht ausgebaut und ausgestattet.

 

Konsequenzen für die Bildungsplanung

  1. Der BLLV fordert die zügige Ausweitung entsprechender Modellversuche an allen Schularten mit dem Ziel eines bedarfsgerechten Angebots an Ganztagsschulen in ganz Bayern. Ziel ist nicht eine gleichmäßige Verteilung der Standorte, sondern die Schaffung von gut erreichbaren Insellösungen.
  2. Die didaktischen, methodischen und pädagogischen Erkenntnisse der Modellversuche werden auch auf die Halbtagsschule übertragen.

Beschluss des Landesvorstands am 20. Juni 2001


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