7. Januar 2016

LehrplanPLUS Mittelschule

hier: Anhörung der Verbände - Schreiben an das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) am 7.1.2016

 

Der BLLV dankt für die Übermittlung des Entwurfs für den LehrplanPLUS Mittelschule und äußert sich im Rahmen der Verbandsanhörung wie folgt:

 

Wie schon bei den Stellungnahmen zum GrundschullehrplanPLUS, zum neuen Lehrplan des Gymnasiums sowie zum LehrplanPLUS der Realschule wird der BLLV keine Detailanalyse der einzelnen Fächerprofile vornehmen. Die Fachkommissionen haben diese Fachinhalte mit viel Expertise ausgearbeitet. Wir wollen diese Expert/innen in ihrer Kompetenz achten und mischen uns nicht in die Detailinhalte der einzelnen Fächer ein.

 

Wir beziehen unsere Ausführungen auf die grundlegende Ausrichtung des neuen LehrplanPLUS für die Mittelschule, auf dessen Bedeutung für einen modernen Lern- und Leistungsbegriff und die Implementierung des Lehrplans.

 

 

1.  Grundlegende Ausrichtung

Der BLLV vertritt den Lernbegriff des Verständnisintensiven Lernens nach Prof. Dr. Peter Fauser und kann im Ko-Konstruktivismus der neuen Lehrpläne eine generelle Entsprechung feststellen. Das begrüßen wir sehr, denn die neue Lernforschung zeigt eindeutig, dass das verständnisintensive Lernen eine hohe Effektivität für den Lernprozess hat.

Für den BLLV ist die zentrale Neuerung der Lehrplankonstruktionen der einzelnen Schularten, dass in allen Schularten der gleiche Lern- und Leistungsbegriff zugrunde gelegt wird. Uns sind die Übergänge zwischen den einzelnen Schularten sehr wichtig. Dies betrifft einerseits die Übergänge zwischen den weiterführenden Schularten in alle Richtungen. Andererseits betrifft es den Übertritt von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen. Beide Übergänge können von einem einheitlichen kompetenzorientierten Lehrplan profitieren.

 

2.  Der neue LehrplanPLUS : Eine Herausforderung für die Mittelschulen!?

 

2.1.      Herausforderung: Kompetenzorientierung

 

Kompetenzorientierter Unterricht verlangt nach einem Umdenken, einem sich Einlassen auf neue Unterrichtsstrukturen. Hierzu brauchen unsere Kolleginnen und Kollegen Zeit – Motivation und Zeit, um sich neben den vielfältigen, weiteren Aufgaben wie die der Inklusion, der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, der individuellen Förderung und dem Anspruch, auch verhaltensauffälligen und vernachlässigten Kindern gerecht zu werden, zu stellen.

 

Im Kapitel „Bildungs- und Erziehungsauftrag der Mittelschule“ werden explizit die profilbildenden Elemente der Mittelschule benannt: „Die Mittelschule… stärkt die Schülerinnen und Schüler in fachlichen, methodischen, personalen und sozialen Kompetenzen sowie im Bereich der Berufsorientierung.“

Diesen Auftrag – in all seinen Facetten – nimmt der BLLV als Herausforderung und Chance gerne an.

 

Inwieweit diese Herausforderungen – die Breite der Kompetenzen in den einzelnen Fächern – im „engen Korsett“ der gleichbleibenden Stundentafel anzunehmen sind, muss die Zukunft zeigen und wird vom BLLV kritisch begleitet werden. Als Beispiel sei hier das breite Feld der Berufsorientierung genannt. Ein Lernfeld, in dem alle Kompetenzbereiche in besonders ausgeprägter Form angesprochen werden und das im Kompetenz-Strukturmodell des Fachprofils „Wirtschaft und Beruf“ eine zentrale Rolle einnimmt. Berufsorientierung stellt an den meisten Mittelschulen eine der tragenden Säulen des Schulprofils dar und gilt als großes PLUS dieser Schulform. Neben den vielen weiteren inhaltlichen Vorgaben dieses Fachprofils ist es nach Auffassung des BLLV gelungen, diesen Bereich weiter zu stärken. Jetzt gilt es, den Kolleginnen und Kollegen die Bedeutung der Inhalte und Methoden in allen Jahrgangsstufen für die Abschlussprüfungen und für die berufliche Zukunft der Schülerinnen und Schüler bewusst zu machen.

 

Der BLLV begrüßt, dass in den Fachlehrplänen ein pädagogischer Freiraum im Umfang von bis zu 12 Wochen eingeräumt ist. Die Möglichkeit, Inhalte schwerpunktmäßig zu behandeln und somit das Schulprofil zu stärken, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Eigenverantwortung. Dem BLLV ist es hierbei wichtig, dass die Einführung des neuen LehrplanPLUS an den einzelnen Schulen als Teil der eigenen Schulentwicklung genutzt werden kann und jeder Schule größtmöglicher Gestaltungsfreiraum bei der Implementierung gewährt wird.

Es gilt nach Auffassung des BLLV, die Kolleginnen und Kollegen nachhaltig darin zu stärken, zu ermutigen und zu unterstützen, die Möglichkeiten und Freiräume für sich zu nutzen, die der Lehrplan einräumt.

 

Das Ziel des neuen LehrplanPLUS, nämlich die passgenaue Verknüpfung von Wissen und Können als Grundlage eines modernen Lernbegriffs, in dem die Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt ihres Kompetenzerwerbs stehen und die Lehrerinnen und Lehrer als Expert/innen die Lernprozesse begleiten, hat somit eine echte Chance auf etwas wirklich Bahnbrechendes. Dies wird aber nur zu nutzen sein, wenn auch die Rahmenbedingungen diesen Neuerungen schnellstmöglich angepasst werden.

 

2.2       Herausforderung: Flexiblere Leistungsbeurteilung

 

Im Kapitel „Pädagogische Leistungskultur und Wertschätzung“ sind die positiven Ansätze in Richtung schüler- und stärkenorientierte sowie prozessbegleitende Lernstanderhebungen – wie etwa die Erstellung von Lerntagebüchern und Portfolios – zu begrüßen. Allerdings steht dem modernen und innovativen Lernbegriff ein nicht angemessener Leistungsbegriff gegenüber: Noten- und Zeitdruck widersprechen dem Geist einer erfolgreichen Kompetenzförderung.

 

2.3       Herausforderung: Neue Medien

 

Der Bereich Medienbildung nimmt unter den Schulart- und fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungszielen nur einen recht kleinen Bereich ein, findet aber genauere Ausführungen im Fachlehrplan Wirtschaft und Kommunikation mit Querverweis auf mediale Nutzung auch in den anderen Fächern. Dem kritischen, selbstbestimmten Umgang der Schülerinnen und Schüler mit den sozialen Netzwerken (s. Lernbereich 7: Internetanwendung) sollte nach Meinung des BLLV noch mehr Rechnung getragen werden.

Kommunikation, Vernetzung und der verantwortungsvolle Umgang mit den sozialen Netzwerken sind heute wichtiger denn je. Dennoch wird dieses Fach im neuen LehrplanPLUS weiterhin im Fächerkanon der BO-Fächer angeboten. Die Unterrichtszeit zum Beispiel im Fach Wirtschaft in der 7. Klasse wird nicht ausreichen, um den Schülerinnen und Schülern echte Medienkompetenz zu vermitteln. Dies könnte nach Ansicht des BLLV in einem eigenständigen Fach „Medienkompetenz“ besser realisiert werden.

Selbstverständlich bedarf es hier der Unterstützung der Sachaufwandsträger, um eine zeitgemäße, sichere und angemessene Nutzung der neuen Medien zu gewährleisten.

 

 

2.4       Herausforderung: Interkulturelle Kompetenzen

 

Die Verankerung des DaZ-Lehrplans im LehrplanPLUS der Mittelschule stärkt diesen Aufgabenbereich der Mittelschulen. Die zunehmende Interkulturalität, gerade auch in Zeiten zunehmender Zahlen von Flüchtlingskindern an diesem Schultyp, verlangt nach fachspezifischen Hilfen.

 

Dem Bereich der interkulturellen Bildung kommt im Entwurf des LehrplanPLUS nach Ansicht des BLLV gesellschaftspolitisch positive Bedeutung zu. Die Ausrichtung auf die „gegenseitige Bereicherung“ im Vergleich zum vorherigen reinen „Verständnis des Anderen“ in den multikulturellen Klassen öffnet einen ganz anderen Blickwinkel.

 

2.5       Herausforderung: Inklusion

 

Die Aufgaben des Bildungs- und Erziehungsauftrags nennen im Punkt 1.4 die Aufgaben im Bereich der Inklusion. Der BLLV begrüßt die besondere Berücksichtigung der Inklusion in den Fachprofilen, wenngleich konkrete Hilfen fehlen. Querverweise auf den Rahmenlehrplan für den Förderschwerpunkt Lernen fehlen.

Ein neuer Lehrplan sollte sich hier breiter aufstellen, Ansätze der Inklusion in die einzelnen Kapitel aufnehmen und Querschnittsaufgaben anbieten. Zur gelungenen Umsetzung des Inklusionsgedankens bedarf es neben der Implementierung im Lehrplan natürlich weiterer politischer und finanzieller Unterstützung sowohl im personellen Bereich als auch in der räumlichen Ausstattung.

 

2.6       Herausforderung: Implementierung

 

Der neue LehrplanPLUS für Mittelschulen muss gelebt werden! Dann hat er nach Ansicht des BLLV Chancen, ein Quantensprung zu werden.

Hierzu muss er alle Beteiligten hinreichend neugierig machen sowie Motivation wecken und erhalten. Um dies zu erreichen bedarf es einer bedarfsgerechten Implementierung an jeder einzelnen Schule. Damit der neue Lehrplan gelebt werden kann, sollte er Teil des Schulentwicklungsprozesses jeder einzelnen Schule werden.

 

Der BLLV wünscht sich eine passgenaue Verankerung des neuen Lehrplans in jeder Schulfamilie. Hierbei sollte es unbedingt gelingen, die Kompetenzorientierung als oberste Priorität so lebendig wie möglich zu etablieren, Freiräume zu nutzten und den Kompetenzbegriff mithilfe der vorgegeben Inhalte lebendig werden zu lassen.

Hierzu muss größtmögliches Vertrauen in die Kompetenzen und das Verantwortungsbewusstsein unserer Kolleginnen und Kollegen gesetzt werden.

Der BLLV geht davon aus, dass die Bewältigung der momentan dringlichsten Herausforderung – der Integration der Flüchtlingskinder an Mittelschulen – für alle Beteiligten gut gelingt. Wir bitten jedoch um „flexible Lösungen“ bei der Implementierung, sollten sich besonders betroffene Mittelschulen nicht in der Lage sehen, den LehrplanPLUS zum kommenden Schuljahr einzuführen.

 

Mehr Infos zum LehrplanPLUS

LehrplanPLUS beim ISB online

Bayerns Kultusminister genehmigt LehrplanPLUS für die Mittelschule - Pressemitteilung des Kultusministerium vom 9.6.2016

 

 

 


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