18. Oktober 2004

Zukunft der Hauptschule

Schreiben an alle Landtagsabgeordneten

Heute wende ich mich an Sie, um die große Sorge des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) um die Zukunft der bayerischen Hauptschulen zum Ausdruck zu bringen. Es geht dem BLLV darum, angesichts der alarmierenden Entwicklung der Hauptschule und teilweise auch der Grundschule sowie der Realschule gemeinsam Lösungen zu suchen, die den Schüler/innen, aber auch den Lehrer/innen an Hauptschulen Perspektiven eröffnen. Dazu benötigen diese dringend Ihre Unterstützung!

Die objektive Situation in unseren Hauptschulen stellt sich wie folgt dar:

Die Schülerzahlen an den Hauptschulen brechen ein

Die Hauptschule verliert erheblich an Schülern. Aus den 4. und 5. Jahrgangsstufen traten 2003 rd. 35 % in das Gymnasium und 30 % in die 6-stufige Realschule über. Für das laufende Schuljahr 2004/05 hat sich die Gesamtschülerzahl am Gymnasium um rd. 5800 bzw. um 2,1 % erhöht. Die Entlastung des Gymnasiums von "Parkschülern", konnte mit der 6-stufigen Realschule nicht realisiert werden. Besuchten vor Einführung der 6-stufigen Realschule zwei Drittel der Schüler die 5. und 6. Jahrgangsstufe der Hauptschule, sind es jetzt nur mehr rd. ein Drittel.

Die Folge ist, dass seit Beginn des Schulversuchs mit der 6-stufigen Realschule an 169 (Teil-)Hauptschulen keine 5. und 6. Klassen mehr gebildet werden konnten. Diese Schulen mussten zum größten Teil bereits geschlossen werden. An weiteren 62 Schulen konnten zum Schuljahr 2004/05 entweder keine 5. oder keine 6. Klasse mehr gebildet werden. Zum Schuljahr 2005/06 sind diese Schulen bestandgefährdet.

Vorschläge, an Hauptschulen mindestens 500 Lehrerplanstellen in den nächsten zwei Jahren abzubauen, sind strikt abzulehnen. Diese Lehrerinnen und Lehrer sind dringend erforderlich, um das pädagogische Profil der Hauptschule zu stärken und den spezifischen Bildungs- und Erziehungsbedürfnissen der Schülerschaft zu entsprechen.

Imagekrise der Hauptschule hält an

Trotz der – auch vom BLLV unterstützten – Hauptschulreform ist es nicht gelungen, das Image der Hauptschule zu verbessern. Das Gegenteil ist der Fall. Eltern und Medien sehen in der Hauptschule, trotz M-Klassen und Mittlerem Abschluss, keine echte Alternative zu Realschule und Gymnasium. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Hauptschule von vielen Eltern als soziale Deklassierung ihres Kindes empfunden wird.

Nach dreißig Jahren Imagekampagne für die einstmals "tragende Säule des gegliederten bayerischen Schulwesens" müssen wir nüchtern feststellen: Das Image der Hauptschule als Schulart ist heute so schlecht wie nie – wobei es sicherlich an einzelnen Schulen vor allem im ländlichen Raum Ausnahmen gibt. Zahlreiche unserer Kolleginnen und Kollegen an der Hauptschule versuchen gegen dieses öffentliche Negativimage anzukämpfen und stellen den Eltern dar, dass auch diese Schulart attraktiv sein kann. Dies gelingt jedoch nur in wenigen Fällen. Der Besuch einer Hauptschule ist für viele zum Stigma geworden.

Hauptschüler werden zu Verlierern auf dem Arbeitsmarkt

Auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den letzten Jahren der Verdrängungswettbewerb zu Lasten der Hauptschüler/innen, auch jener mit Schulabschluss, weiter verschärft. Für sie wird es immer schwieriger einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Die bisher für Hauptschüler/innen typischen Ausbildungsberufe nehmen ab. In den neu geschaffenen kaufmännischen und informationstechnischen Ausbildungsberufen haben Hauptschüler/innen kaum eine Chance, wie der Berufsbildungsbericht ausweist.

Die beruflichen Zukunftsperspektiven der Hauptschüler/innen werden schmäler und unsicherer. Das Risiko der Arbeitslosigkeit für Hauptschüler/innen ist schon heute am höchsten.

Die Zahl der Hauptschulabgänger ohne Abschluss steigt

1985 haben 7,1 % der Schüler eines Jahrgangs die bayerischen Schulen ohne einen Schulabschluss verlassen. 2002 ist der Anteil dieser Schüler auf 10,1 % (einschließlich Schüler/innen von Förderschulen) gestiegen. Dies sind knapp 13.500 Schüler, mehr als 8.500 davon kamen aus der Hauptschule. D.h. 16 % der Hauptschulabgänger erhielten keinen Hauptschulabschluss. Praxisklassen sind angesichts dieser Problemdimensionen eine unzureichende und lediglich nachsorgende Maßnahme.

Die Aussichten der Schüler ohne Schulabschluss auf eine berufliche Integration und ihre Möglichkeiten, den eigenen Lebensunterhalt später selbst zu bestreiten, sind sehr gering. Hohe Folgekosten für die sozialen Sicherungssysteme sind zu befürchten, die sich die öffentliche Hand gar nicht leisten kann. Die Gefahr ist groß, dass sich diese jungen Menschen zu sozialem Sprengstoff in unserer Gesellschaft entwickeln.

Disziplinprobleme wachsen dramatisch

Die Disziplinprobleme an vielen Hauptschulen eskalieren. Die Hauptschule wird zum Auffangbecken sozialer Probleme – mit schwierigeren Schülern, größeren Klassen und schlechteren Präventions- und Fördermöglichkeiten als in der Förderschule. Gewalt gegen Mitschüler und Bedrohungen gegen Lehrer greifen immer stärker um sich. Eine entwürdigende und gewaltvolle Sprache ist an der Tagesordnung. Lehrerinnen und Lehrer sind ständig Beschimpfungen ausgesetzt und werden von Schülern angepöbelt. Übrigens nehmen die Disziplinprobleme auch an den Realschulen deutlich zu.

Die Zusammenballung von sozialen Problemen in der Hauptschule und die Massierung von Schülern mit dissozialem Verhalten gibt dieser Schulart keine Chance, der Abwärtsspirale des schlechten Images zu entkommen. Sie kann auch durch Imagekampagnen nicht aufgehalten werden. Wir müssen damit rechnen, dass ein großer Teil der jetzigen Hauptschüler die sozialen Problemgruppen und Subkulturen der Zukunft bilden werden.

Hohe Schülerfluktuation in die Hauptschule

Wir beobachten an den Hauptschulen, dass die Zahl der Schüler in den Jahrgangsstufen 7, 8 und 9 wieder zunimmt, da Schüler aus Gymnasien und Realschulen, die den Ansprüchen dieser Schularten nicht gewachsen sind, zurückversetzt werden. Die erhoffte Ruhe tritt in der Hauptschule nicht ein. Im Gegenteil: Es ist äußerst schwierig, diese Schüler in die Klassen zu integrieren, da sie als Schulversager und -abbrecher häufig mit großen persönlichen Problemen an die Hauptschule wechseln. Die Vorstellung, man könne in der 4. Jahrgangsstufe der Grundschule abschließend die Schullaufbahn festlegen, bleibt eine Illusion.

Hauptschullehrer in der inneren Emigration

Immer weniger Hauptschullehrer/innen sind mit einem Pflichtdeputat von 29 Unterrichtsstunden (inkl. Arbeitszeitkonto) in der Lage, die schwierige Erziehungssituation in Hauptschulen im Interesse ihrer Schüler/innen zu bewältigen. Die Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen ist sehr hoch. Das Burn-out-Syndrom greift unter den Lehrer/innen um sich. Immer mehr Kolleg/innen sind gefährdet, nach Jahren mit hohem Idealismus in die innere Emigration zu gehen. Sie fühlen sich und ihre Schüler/innen von den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen. Sie sind wütend darüber, dass die kritische Situation der Hauptschule nicht thematisiert, sondern schön geredet wird.

Lehrerversorgung ist nicht mehr gesichert

Die Zahl der Studenten für das Lehramt an Hauptschulen ist seit 1998 alarmierend gesunken. Studierten damals 3072 für das Lehramt Hauptschule, sind seit 2001 nur noch ca. 1800 bis 1900 (Stand WS 2003/04: 1883). Es ist damit zu rechnen, dass bereits in wenigen Jahren die ausscheidenden Hauptschullehrer nicht mehr zu ersetzen sind. Die entstehenden Personalengpässe können große Ausmaße annehmen. Der vom Kultusministerium ins Gespräch gebrachte Weg, auch junge Menschen ohne allgemeine Hochschulreife zum Studium des Lehramtes an Hauptschulen zuzulassen, ist grundlegend falsch. Er führt in die Sackgasse, weil er die Hauptschule noch weiter deklassieren würde.

Druck auf Grundschüler/innen

Aber auch außerhalb der Hauptschulen gefährden Probleme die Qualität bayerischer Schulen. Der Druck auf die Grundschüler hat angesichts der einmaligen Übertrittsentscheidung nach Jahrgangsstufe 4 der Grundschule drastisch zugenommen. Neben den teilweise verheerenden familiären Auswirkungen beobachten wir eine Teilprivatisierung der Schule durch eine intensive Nachfrage nach Nachhilfe. Nachhilfeeinrichtungen im Umfeld von Grundschulen haben Konjunktur. Sie erreichen inzwischen Umsätze in Millionenhöhe – natürlich auch in der Sekundarstufe. Verlierer sind die Schüler/innen, deren Eltern monatlich nicht 100 € bis 250 € für Nachhilfe zur Verfügung haben.

Situation von Realschule und Gymnasium

Die explodierenden Mehrkosten der sechsstufigen Realschule und des achtjährigen Gymnasiums, die Ausgaben für eine ausreichende Unterrichtsversorgung und die stetig steigenden Schülertransportkosten sind kaum noch finanzierbar. Es leidet vor allem die Unterrichtsversorgung. Die Realschulen haben mit durchschnittlich 28,7 Schüler/innen pro Klasse die größten und die Gymnasien mit 27,4 die zweitgrößten Klassen aller Schularten. An Realschulen werden teilweise 35 und mehr Schüler in einer Klasse unterrichtet – Verhältnisse wie vor 25 Jahren. Viele Kommunen sind kaum noch in der Lage, die enorm hohen Kosten für die Schaffung zusätzlicher Schulräume, die zunehmenden Schülertransporte an der R6 sowie die steigenden Sach- und Personalkosten am G8 für die erforderliche Mittagsbetreuung wegen des Nachmittagsunterrichts zu tragen.

Drängende Fragen

Wir wenden uns an Sie, weil wir sicher sind, dass wir gemeinsam ohne ideologische Scheuklappen Antworten auf diese drängenden Fragen suchen müssen. Angesichts der Brisanz der Entwicklung der Schulen in Bayern müssen wir einen offenen und konstruktiven Dialog führen. Wir möchten diesen Dialog beginnen und Sie auf Bezirksebene zum Gespräch einladen.

Davon unabhängig möchten wir Sie ermuntern und einladen, Grund- und Hauptschulen zu besuchen und mit den Lehrerinnen und Lehrern zu sprechen. Unsere BLLV-Kreisvorsitzenden vor Ort zeigen Ihnen gerne verschiedene Hauptschulen. Eine Bitte: Kommen Sie aber nicht im Rahmen einer "Roadshow", sondern nehmen Sie einfach nur an einem ganz normalen Schulvormittag teil. Seien Sie nicht Adressat einer Schulinszenierung, sondern schauen Sie sich die Schulwirklichkeit an.

Unser Fazit

Wir malen nicht schwarz und reden nicht schlecht: Die Realität selbst ist besorgniserregend; auch die Medien haben dies inzwischen erkannt. Dennoch halten wir fest, dass zahlreiche Kolleginnen und Kollegen trotz Arbeitszeitverlängerung, trotz Streichung von Anrechnungsstunden, trotz Verschlechterung der Unterrichtsversorgung und ihrer Arbeitsbedingungen, trotz objektiver Überbelastung und trotz massiver Bedrohungen in den Schulen immer noch für eine bessere Zukunft ihrer Schüler/innen kämpfen. Aber zu viele müssen beobachten, dass sie wie Sisyphos einen Kampf ohne durchgreifende Erfolge führen. Nichts aber ist schlimmer als eine tägliche Arbeit, die perspektivlos wird.

aus einem Schreiben des BLLV-Präsidenten, Dr. h.c. Albin Dannhäuser, an alle Bayerischen Landtagsabgeordneten vom 18.10.2004


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