25. Februar 2011

"Das ist schon bitter"

ABJ-Vorsitzende Evelyn Westphal über das Angebot Berlins, Lehrer aus Bayern einzustellen

Das Land Berlin will heuer mehr als 1000 Lehrkräfte unbefristet einstellen und viele weitere Vertretungsstellen schaffen. In Bayern hingegen werden im Herbst wohl Tausende von Junglehrern auf der Straße stehen. Jetzt umwirbt der Stadtstaat die Referendare in Bayern. Evelyn Westphal, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Junglehrer (ABJ), kritisiert im Interview, dass die Lehrer mit bayerischen Steuergeldern ausgebildet worden sind und jetzt in Berlin eingesetzt werden.

Das Land Berlin will bayerische Junglehrer einstellen. Ist das nicht endlich einmal eine gute Nachricht?
Die Medaille hat eine Kehrseite. In Bayern bräuchten wir dringend Lehrer, um die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler zu intensivieren  und den Unterrichtsausfall zu kompensieren. So wären beispielsweise für  die Ganztagsklassen und die flexible Grundschule mehr Lehrerstunden  nötig, und die Zahl der Lehrkräfte der mobilen Reserve ist zu knapp bemessen. Dennoch werden viele qualifizierte Junglehrerinnen und -lehrer  keine Stelle bekommen, trotz sehr guter Examensnoten. Das ist schon  bitter.

Aber gut für Berlin.
Die Berliner werden sich über den Zuwachs aus Bayern sicher freuen. Ihr  Land spart dadurch viel Geld, weil Bayern die Investitionen für die Ausbildung übernommen hat.

Kann man in Bayern ausgebildete Pädagogen einfach so nach Berlin  schicken? Die Bildungssysteme und Lehrpläne sind doch verschieden.
Das stimmt, wir sind speziell für Bayern ausgebildet worden. Aber als  Akademiker sollte man in der Lage sein, sich mögliche neue Sachverhalte selbstständig zu erschließen. Das ist dann eine Frage der Flexibilität  des Einzelnen.

Glauben Sie, dass viele das Angebot aus Berlin annehmen werden?
Das bezweifle ich. Derzeit sind viele Fragen noch unklar: Unter welchen  Bedingungen arbeitet man dort? Steht man in Bayern weiterhin auf der Warteliste? Kann man ohne weiteres wieder zurück nach Bayern? Dennoch  glaube ich, dass das Angebot für den ein oder anderen ein Strohhalm ist.

Warum?
Viele Junglehrerinnen und -lehrer haben eine Menge Herzblut und Geld in  ihre Ausbildung investiert und wollen unbedingt unterrichten. Wer  ungebunden ist, für den kann Berlin durchaus eine Möglichkeit sein, den  Wunsch-Beruf auszuüben. In Bayern ist das zurzeit leider für die meisten  unmöglich.


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