8. Mai 2012

Schulleitung heute - Mängelverwaltung statt Schulmanagement

Petition an den Bayerischen Landtag am 8. Mai 2012

Namens des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) richte ich die nachfolgende Petition an Sie. Diese Petition wurde von 1505 bayerischen Schulleiterinnen und Schulleitern unterstützt. Zu Ihrer Information lege ich einen Ausdruck der Website, auf der sich die Unterstützer eintragen konnten, bei. Aus dienstrechtlichen Gründen haben wir von einer namentlichen Unterzeichnung abgesehen. 

Ich bitte Sie, diese Petition an den zuständigen Fachausschuss zur Beratung weiterzuleiten. Bitte informieren Sie mich im Vorfeld der Beratungen in diesem Ausschuss über den Termin.




Petition vom 9. März 2012

Schulleitung heute - Mängelverwaltung statt Schulmanagement

Schulleiter/innen wollen nicht mehr so weitermachen!

Die Situation der Schulleitungen in Bayern ist untragbar geworden. Die Forderungen nach einem innovativen Schulmanagement und einer professionellen Schulentwicklung haben sich zum schulpolitischen Bumerang entwickelt. Sie lösen bei Schulleitern und Schulleiterinnen inzwischen in erster Linie Ärger, Unverständnis und Wut aus. Die tägliche Wirklichkeit für Schulleiterinnen und Schulleiter heißt heute Mängelverwaltung. Sie müssen die Unterfinanzierung unserer Schule bei zunehmenden Aufgaben managen – am besten so, dass niemand von den Problemen etwas merkt.

Was ist passiert?

  • Art und Umfang der Aufgaben der Schulleitungen haben drastisch zugenommen. Neben unzähligen alltäglichen Tätigkeiten müssen Schulleiterinnen und Schulleiter vielfältige Aufgaben der inneren Schulentwicklung übernehmen.
  • Verwaltung und Organisation von Unterricht und Schulleben haben enorm an Komplexität gewonnen. Die Verwaltungsabläufe sind äußerst zeitintensiv und bürokratisch geworden.
  • Die Verantwortung und die Kommunikationsaufgaben der Schulleitungen gegenüber der Schulverwaltung, den Eltern, den externen Partnern und der Öffentlichkeit sind stark gewachsen. Immer mehr zusätzliche Aufgabenbereiche werden an die Schulleitungen delegiert.
  • Die Schulen sind unterfinanziert. Angesichts der ständig neuen Aufgaben wie Ganztagsbetreuung, individuelle Förderung, Inklusion fehlt es überall an finanziellen und personellen Ressourcen.
  • Die Situation an den Schulen wird schöngeredet. Die Politik leugnet die Probleme der Schulleitungen und erschöpft sich in belanglosen Verständnisbeschwörungen.
  • Für Schulleitungen sind in den letzten Jahren keine spürbaren Verbesserungen der Arbeitsbedingungen geschaffen worden. Sie müssen unter immer schwierigeren Bedingungen immer mehr arbeiten. Arbeitszeiten von bis zu sechzig Stunden sind keine Ausnahme.

Schulleiterinnen und Schulleiter sind sich sehr wohl bewusst: Schulleitung ist der Motor der inneren Schulentwicklung. Die zentrale Herausforderung für die Schulen in den nächsten Jahren ist ein kompetentes und effizientes Schulmanagement und eine professionelle Schulentwicklung. Dagegen steht aber die schulische Realität. Die aktuelle Mängelverwaltung erfolgt auf dem Rücken der Schulleiter, der Lehrer und der Schüler/innen. Schulleitungen tragen hierbei eine besondere Last, da sie vor Ort für die Mängel verantwortlich gemacht werden. Die bayerischen Schulleiterinnen und Schulleiter an Grund- und Mittelschulen, an Realschulen und Gymnasien, an Förder- und Berufsschulen sind es leid, Durchhalteparolen zu hören. Zu oft hat man uns vertröstet. Sie brauchen politische Taten – und zwar jetzt.

 

Der BLLV fordert

1. eine zeitliche Neubewertung der Schulleitungstätigkeit

Zur Schulleitungstätigkeit gehören inzwischen zusätzlich zu den traditionellen Aufgaben der Schulorganisation, u. a. die Organisation der Ganztagsangebote, der jahrgangsübergreifenden Klassen und der Schulverbünde, die verpflichtende Kooperation mit Partnern außerhalb der Schule, die Bildung von Schulprofilen, die Ausarbeitung von Schulprogrammen, die Begleitung der Inklusion, die Organisation der Klassenbildung nach Maßgabe der Budgetierung der Lehrerstunden, die Verwaltung des Schuletats, die Abwicklung des Bildungs- und Teilhabepakets, die Führung regelmäßiger Mitarbeitergespräche und die zusätzlichen dienstlichen Beurteilungen in Folge des neuen Dienstrechts. Außerdem stellt der immer stärker überbordende Bürokratismus durch Dutzende von Statistiken und Erhebungen sowie die Bewältigung der täglichen E-Mail-Flut eine erhebliche Belastung der Schulleitungen dar. Hinzu kommt, dass immer mehr Schulleitungen für mehrere Schulhäuser an verschiedenen Standorten zuständig sind, was eine erheblich Zusatzbelastung bedeutet.

Der BLLV fordert, dass sofort das für die Schulleitung notwendige Zeitbudget so stark ausgeweitet wird, dass die umfangreichen Aufgaben einer modernen Schulleitung auch angemessen und nachhaltig erledigt werden können. Des Weiteren muss eine unabhängige Forschungseinrichtung umgehend eine realistische und transparente Analyse der Zeitbelastung der Schulleitungen erstellen. Die Aufgabenfelder sind verbindlich festzulegen.

 

2. eine Entlastung und Unterstützung der Schulleitungen in juristischen Fragen

Schulleiterinnen und Schulleiter sind auch Behördenleiter. In dieser Aufgabe sind sie verantwortlich für alle Verwaltungsentscheidungen der Schule. Zusätzlich tragen sie die Verantwortung für die Sicherheit an ihrer Schule. Gleichzeitig sind sie Ansprechpartner für die übergeordneten Dienststellen, das Kultusministerium, den Sachaufwandsträger und die Eltern. Sie sind dafür verantwortlich, dass im Schulbetrieb alle Gesetze, Verordnungen, diverse Verwaltungsvorschriften, Erlasse, Verfügungen und kultusministerielle Schreiben von ihnen und ihren Mitarbeitern beachtet und umgesetzt werden. Dazu gehört auch die Rechenschaftspflicht gegenüber den übergeordneten Dienststellen. Die stark steigende Zahl an Beschwerden, Anfechtungen, Widersprüchen bis hin zu Klagen vor dem Verwaltungsgericht, zeigen die rechtliche Dimension schulischen Handelns drastisch auf. In einem hoch selektiven Schulsystem wie in Bayern, wird die Verrechtlichung notwendigerweise weiter zunehmen. Deshalb müssen die Schulleitungen noch stärker juristisch qualifiziert werden.

Darüber hinaus ist der Schulleiter/die Schulleiterin auch zuständig für die Einstellung und Beaufsichtigung zusätzlichen Personals z. B. im Zusammenhang mit der Ganztagsbetreuung oder zur Reduzierung von Unterrichtsausfall. Zunehmend übertragen Sachaufwandsträger insbesondere in Städten Verwaltungsaufgaben an die Schulen, damit die kommunale Verwaltung entlastet wird.

Der BLLV fordert mehr Zeit, mehr Mittel und mehr qualifizierte Angebote für die rechtliche Qualifizierung der Schulleiter/innen. Wir fordern zusätzlich eine fachliche Unterstützung und Entlastung in allen rechtlichen Fragen, die nicht zum Kerngebiet der Schulleitung gehören, und dass bestehende rechtliche Unterstützungssysteme weiter ausgebaut werden.

 

3. eine Verbesserung der Situation des Verwaltungspersonals

Die Verwaltungstätigkeiten haben an allen Schulen deutlich zugenommen. Insbesondere immer wieder neueingeführte und höherwertige Tätigkeiten erfordern zusätzliche Arbeitskraft. Die Verwaltungsangestellten sind Teil des Schulleitungsteams. Sie entlasten die Schulleitungen von Verwaltungsaufgaben. Qualifizierte Schulleitung ist darauf angewiesen, durch kompetentes und vor allem während der Unterrichtszeit anwesendes Verwaltungspersonal unterstützt zu werden. Um kompetentes Verwaltungspersonal gewinnen zu können, ist eine angemessene Bezahlung Voraussetzung. Es ist ein Skandal, dass es an vielen Schulen bis heute während der Unterrichtszeit keine Ansprechpartner im Sekretariat gibt, besonders bei der Umsetzung des Sicherheitskonzepts an Schulen. Im Haushalt der Bayerischen Staatsregierung sind keine Mittel für Fortbildungen im Bereich des Verwaltungspersonals an Grund-, Förder-, Haupt-, und Mittelschulen eingestellt. Dieser Mangel ist auszugleichen und entsprechende Angebote sind analog zu anderen Schularten und auch den Kolleginnen an Grund-, Förder-, Haupt-, und Mittelschulen anzubieten.

Der BLLV fordert eine grundlegende Überarbeitung der Zuteilungsrichtlinien sowie einen aktuellen Tätigkeitskatalog. Die Bezahlung des Verwaltungspersonals muss den Anforderungen gemäß deutlich erhöht werden.

 

4. die Aufhebung der Wiederbesetzungssperre für freiwerdende Funktionsstellen

Der Bayerische Landtag hat aus Spargründen für freiwerdende Funktionsstellen eine Wiederbesetzungssperre von bis zu 12 Monaten beschlossen, die sich im Bereich der Schulleitungen durch kultusministerielle Regelungen auf bis zu 23 Monate verlängert. Das heißt, dass in diesem Zeitraum Konrektoren die Arbeit des Schulleiters übernehmen müssen oder aber, dass neue Schulleiter/innen für diese Zeit nicht entsprechend ihrer Tätigkeit bezahlt werden. Dies widerspricht grundlegend der Idee einer leistungsorientierten Bezahlung und verursacht zusätzlich zur enormen Arbeitsbelastung während der Einarbeitungsphase erheblichen Ärger und verständliche Frustration. Die Sperre trägt nicht zur Motivation und Identifizierung mit der Aufgabe bei.

Der BLLV fordert die umgehende Abschaffung der Wiederbesetzungssperre, um so Funktionsstellen wieder attraktiver zu machen und die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen in Führungspositionen zu honorieren.

 

5. den Abbau der Disparitäten der Arbeitsbedingungen zwischen den Schularten

In wichtigen Teilen der Arbeitsbedingungen gibt es nicht begründbare Unterschiede zwischen den Schulleitungen verschiedener Schularten, so z. B. bei der Unterrichtsverpflichtung der Schulleiter/innen und ihrer Stellvertreter, beim Zuteilungsschlüssel und bei der Arbeitszeit der Verwaltungsangestellten. Das vom Bayerischen Kultusministerium im Jahr 1995 in Auftrag gegebene Kienbaum-Gutachten hat bereits auf die Ungleichbehandlung der Ausstattung der Schulleitung hingewiesen. Bis heute haben weder das Parlament, noch die Staatsregierung, noch das Kultusministerium ausreichende Schritte unternommen, die besonders unzureichenden Arbeitsbedingungen der Schulleitungen an Grund-, Haupt-, Mittel- und Förderschulen zu überwinden. Das ist ein Affront gegen Tausende von Schulleiterinnen und Schulleitern, Konrektoren und Verwaltungsangestellten an den Grund-, Haupt-, Mittel- und Förderschulen, die aus Sicht des BLLV vom Dienstherrn nach Gutsherrenart schlichtweg missbraucht und ausgebeutet werden.

Der BLLV fordert die Gleichbehandlung der Schulleitungen aller Schularten inArbeitsbedingungen und Ressourcenausstattung.

 

6. ein effektiveres Schulmanagement durch eine Erweiterung der Schulleitung

Erfolgreiches Schulmanagement und nachhaltige Schulentwicklung funktionieren nur mit einer modernen Führungskultur. Die Vielfalt und die Qualität der unterschiedlichen Schulleitungsaufgaben erfordern die Verteilung dieser auf mehrere Schultern. Moderne Führungskultur braucht insbesondere an größeren Schulen Leitung im Team.

Der BLLV fordert einen Pool an Anrechnungsstunden zur Erweiterung des Schulleitungsteams.

 

Link: http://www.bllv.de/Schulleitung.1718.0.html

 

 

Stellungnahme des KM zur Beratung der Petition im Landtag s. Anhang.

 

Die BLLV-Petition wurde im Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport des Bayerischen Landtags am 27.9.12 beraten. Die Petition wurde mehrheitlich mit den Stimmen von CSU und FDP der Staatsregierung als "Material überwiesen" (§ 80 Nr. 3 GschO). SPD, Freie Wähle und Grüne stimmten für die Petition ("Berücksichtigung")



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