15. Dezember 2000

Einführung von Orientierungsarbeiten am Ende der 3. Jahrgangsstufe

Mit Antrag vom 7. November 2000 (Drs. 14/4747) soll die Staatsregierung vom Bayerischen Landtag aufgefordert werden, Ende der 3. Jahrgangsstufe "Orientierungsarbeiten" in den Fächern Deutsch und Mathematik einzuführen.

Der Antrag lautet:

    "Der Landtag wolle beschließen:

    Die Staatsregierung wird aufgefordert, Ende der 3. Jahrgangsstufe Orientierungsarbeiten in den Fächern Deutsch und Mathematik einzuführen, um den Lehrkräften eine verbreiterte Grundlage für die Schullaufbahnberatung und den Eltern für die Schullaufbahnentscheidung zu geben.
    Die Orientierungsarbeiten werden landesweit vorgegeben und mit einem einheitlichen Maßstab bewertet. Diese Bewertung fließt nicht in die Notengebung ein.

    Begründung: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich durch die unterschiedliche Leistungskraft der jeweiligen Klassen starke Unterschiede in der Benotung gleicher oder vergleichbarer Leistungen ergeben.
    Mit der Einführung der Orientierungsarbeiten wird die Beratung der Eltern auf eine objektivere Grundlage gestellt.
    Auch die Lehrkräfte können dadurch ihr Anforderungsniveau in der Klasse besser evaluieren."

Dem Antrag und insbesondere der Begründung ist die sicher gut gemeinte Absicht zu entnehmen, den Eltern und Lehrkräften eine Orientierungshilfe zu geben und für den Zweifelsfall eine "objektivere Grundlage" zur Verfügung zu stellen.

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) anerkennt zwar das Bemühen des Landtags, Lehrkräften und Eltern Hilfen für die Schullaufbahnberatung beziehungsweise für die Schullaufbahnentscheidung zur Verfügung stellen zu wollen.
Andererseits ist allen Experten die Problematik eines solchen Unterfangens bewusst.

Sowohl durch die Lern- als auch durch die Entwicklungspsychologie ist belegt, dass "die unterschiedliche Leistungskraft" der jeweiligen Klassen bzw. der Schüler/innen innerhalb der jeweiligen Klassen ein hinreichend bekanntes und normales Phänomen ist. Es ist bekannt, dass "starke Unterschiede" innerhalb einer Jahrgangspopulation die Folge eines Entwicklungsprozesses sind, der bei Grundschüler/innen noch in vollem Gange ist und unterschiedlich schnell verläuft.

Aus diesem guten Grund werden die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen zu Recht nicht auf einen standardisierten Bewertungsmodus festgelegt. Die bei den "Orientierungsarbeiten" vorgesehene kriteriale Norm, also die Auswahl fester Sachkriterien als Bezugsgrößen, wird in der 3. Jahrgangsstufe aus pädagogischen und psychologischen Gründen erst langsam eingeführt. Um den Entwicklungsfortschritt der einzelnen Kinder und der jeweiligen Klassen pädagogisch angemessener bewerten zu können, wird in der Grundschule zu Recht häufig eine Bewertung nach sozialer bzw. individueller Norm vorgenommen.

Der neue Grundschullehrplan, der vom BLLV u. a. wegen seines überzeugenden pädagogischen Ansatzes sehr positiv bewertet wird, definiert die Grundschule als kindgerechten "Lern- und Lebensort". Es bestünde die große Gefahr, dass mit der Einführung der "Orientierungsarbeiten" die hohen pädagogischen Ansprüche und wertvollen Anliegen des neuen Grundschullehrplans konterkariert würden.

Im Übrigen sieht der BLLV auch einen konkreten Widerspruch:
In Punkt 1.5 des Kapitel I (Grundlagen und Leitlinien) des neuen Lehrplans für die bayerischen Grundschulen heißt es:

    "Zur Erleichterung der Übertrittsentscheidung am Ende der Grundschulzeit berät der Lehrer die Eltern eingehend".

Der BLLV ist in großer Sorge, dass durch die Einführung der "Orientierungsarbeiten" die Übertrittsentscheidung nicht erst "am Ende der Grundschulzeit" gefällt würde. Für manche Eltern könnte die Terminierung der "Orientierungsarbeiten" als Signal verstanden werden, die Vorentscheidung in die dritte Jahrgangsstufe vor zu verlagern. Dieses einerseits verständliche und andererseits bedenkliche Verhalten könnte sich in fataler Weise auf eine zusätzliche Steigerung des Entscheidungsdrucks auswirken.

Der BLLV fordert deshalb das Kultusministerium als das zuständige Fachministerium auf, den Landtagsantrag kritisch und kompetent zu würdigen. Bei Einführung der "Orientierungsarbeiten" bestünde die große Gefahr, dass sich die gut gemeinte Absicht des Bayerischen Landtags gegen die Ziele des Grundschullehrplans und gegen die Interessen und Bedürfnisse der Kinder richten könnte.

aus der Eingabe des BLLV an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus


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