7. Oktober 2015

Ausreichende Leistungen für die (Aus-)Bildung von Flüchtlingskindern

Petition des "Forum Bildungspolitik in Bayern" an Landtagspräsidentin Barbara Stamm am 7.10.2015

 

Nachfolgend senden wir Ihnen eine Petition des Forum Bildungspolitik in Bayern zur
(Aus-)Bildung von Flüchtlingen. Bitte leiten Sie diese an den Ausschuss für Bildung und
Kultus zur Beratung weiter und informieren uns vorab über den Termin der geplanten Beratung mit Nennung der Namen der Berichterstatter/innen. Bitte teilen Sie uns das Ergebnis der Beratungen unter Angabe der Voten der einzelnen Fraktionen ebenfalls mit.

 

 

Aktuelle Situation

Das "Forum Bildungspolitik in Bayern" erkennt die Anstrengungen des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst zum Ausbau gerade der
zweijährigen
Berufsintegrationsklassen für berufsschulpflichtige Flüchtlinge in Bayern ausdrücklich an, besonders im Vergleich zu anderen Bundesländern.

 

Das Forum Bildungspolitik kritisiert angesichts der aktuellen Entwicklung jedoch den Umgang mit ausbildungswilligen Flüchtlingen. Es ist nicht akzeptabel, wie in der Mehrheit sehr wissenshungrigen und arbeitswilligen jungen Menschen eine Teilhabe an (Aus-)Bildung und damit eine Integration in unsere Gesellschaft vorenthalten wird. Dies betrifft vor allem die gravierende Unterversorgung mit Berufsschulplätzen für Flüchtlinge.

 

Viel zu wenige der in Bayern lebenden schulpflichtigen Flüchtlingskinder sind aus Sicht des Forum Bildungspolitik in Bayern zufriedenstellend mit Deutschlernkursen und/oder Schulbildung versorgt. Ohne die ehrenamtliche Mithilfe der Zivilbevölkerung wäre das Angebot noch viel geringer.

 

Um die Beschulung der Flüchtlingskinder im Regelschulbetrieb zu ermöglichen, müssen schnellstmöglich ausreichend zusätzliche finanzielle Mittel und Personal bereitgestellt werden. Eine „Mitversorgung“ aus der vorhandenen Substanz wäre Illusion.

 

Das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst teilte am 20.7.2015 auf eine Anfrage des Abgeordneten Günther Felbinger mit, von 18.137 berufsschulpflichtigen Jugendlichen mit Fluchthintergrund würden lediglich „ca. 4.500“ beschult (Stand 31.5.15 – vgl. Drs. 17/7754). Das ist noch nicht einmal jeder Vierte!

 

Die Situation für zu diesem Zeitpunkt 11.275 vollzeitschulpflichtige Schüler/innen (allgemeinbildende Schulen) ist aus Sicht des Forum Bildungspolitik in Bayern ebenfalls noch keinesfalls ausreichend.

 

Das Forum Bildungspolitik fordert eine unserer Gesellschaft angemessene Willkommenskultur. Viele freiwillige Helfer/innen haben hier Vorbildliches geleistet. Wir fordern vom Bayerischen Landtag und der Bayerischen Staatsregierung eine Aufstockung aller, für eine Schul- und Berufsausbildung der Flüchtlingskinder notwendigen, Ressourcen.

 

Der Studie von Prof. Dr. Bonin[1] folgend erwirtschaften Ausländer/innen unserem Sozialhaushalt einen Überschuss von durchschnittlich ca. 3.300 Euro pro Person und Jahr. Das heißt: Ausländer zahlen mehr in unseren Sozialhaushalt ein, als sie daraus beziehen. Allein schon deshalb ist es angeraten, Flüchtlingen baldmöglichst den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Wir benötigen umgehend einen Kurswechsel in der Asylpolitik und ausreichende Mittelzuweisung für diese große Herausforderung.

 

 

Petitum

Der Bayerische Landtag möge durch Umsetzung nachstehender Maßnahmen dafür Sorge tragen, dass alle schulpflichtigen Jugendlichen unverzüglich, d.h. unmittelbar nach der Erstaufnahme Deutschlernkurse erhalten. Derzeit erfolgt dies erst nach Wochen oder Monaten. Der Zugang zu allgemeiner Schul- oder Berufsausbildung soll sofort ermöglicht werden – nicht erst nach 3 Monaten.

 

Baldmöglichster richtiger Spracherwerb beugt Fossilierung[2] und daraus resultierenden langwierigen Korrekturen der erworbenen „falschen“ Sprachkenntnisse vor und beschleunigt den Integrationsprozess.

 

Der Bayerische Landtag wird gebeten, das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst aufzufordern, sowohl die an der „Befreiung“ von der Berufsschulpflicht beteiligten Stellen, als auch die konkret dabei zugrunde gelegten Rechtsvorschriften mit dem genauen hierfür angewendeten Verwaltungsablauf zu nennen und zu erläutern. Es kann nicht angehen, dass das Kultusministerium anmerkt: „Eine Beschulung aller berufsschulpflichtigen Asylbewerberinnen und -bewerber und Flüchtlinge ist weder personell noch räumlich darstellbar.“ [3] Dies ist aus Sicht des "Forum Bildungspolitik in Bayern" mit
Artikel 129 der Bayerischen Verfassung nicht vereinbar.

 

Darüber hinaus fordert das "Forum Bildungspolitik in Bayern":

 

Maßnahmenkatalog

 

1.      Mehr Übergangsklassen mit professioneller Alphabetisierung – alle schulpflichtigen Flüchtlingskinder sollen an der Schulart beschult werden, die ihrem Bildungsstand entspricht. Realschulen und Gymnasien sind wesentlich stärker als bisher einzubeziehen.

2.      Flexible Einrichtung von zusätzlichen Übergangsklassen bei steigendem Bedarf binnen kürzester Frist.

3.      Pro Übergangsklasse mit maximal 12 Flüchtlingskindern sollen zwei ausgebildete Fachkräfte (z.B. eine Lehrkraft und eine pädagogische Fachkraft) zur Verfügung stehen.

4.      Lehreraus- und -fortbildungen werden verstärkt auf die Anforderungen Deutsch als Zweitsprache bzw. Deutsch als Fremdsprache ausgerichtet.

5.      Wurden ausreichende Sprachkenntnisse erworben, wechseln schulpflichtige Flüchtlingskinder zur rascheren Integration auch während des Schuljahres in den Regelschulbetrieb oder in eine Berufsausbildung.

6.      Bereitstellung von kurzfristig verfügbaren Dolmetscher/innen für Gespräche zwischen Lehrer/innen, Eltern und Schüler/innen.

7.      Ausreichend Betreuung von Flüchtlingskindern durch qualifizierte Sozialarbeiter/innen und Trauma-Therapeut/innen sicherstellen.

8.      Für eine baldmöglichste Integration muss in den Regelschulklassen durch qualifizierte Sozialarbeit die positive Aufnahme der schulpflichtigen Flüchtlingskinder vorbereitet werden. Dadurch werden Vielfaltskompetenz auf- und Vorurteile abgebaut.

9.      Sicherstellen, dass der durch die Betreuung entstehende Verwaltungsmehraufwand in den Schulverwaltungen ausgeglichen wird.

10.  Der enorme zusätzliche Personalbedarf an Lehrkräften soll vorrangig aus den derzeit rund 5.000 bayerischen Lehrkräften gedeckt werden, die eine Anstellung suchen. Bevorzugt einzustellen sind Lehrer/innen mit den Ausbildungen DaZ und DaF.

11.  Alle Lehrkräfte müssen zukünftig befähigt sein, die Wissensvermittlung sprachsensibel zu betreiben. Das Thema muss in allen Phasen der Lehrerbildung verankert werden.

12.  Ganztags-Übergangsklassen für Flüchtlingskinder, die in ihrer Freizeit kein geeignetes Lernumfeld, Hausaufgabenunterstützung oder pädagogisch anregende Freizeitgestaltung haben.

 

Die Willkommenskultur bei der unmittelbaren Linderung der Not von Flüchtlingen muss durch großzügige staatliche Bildungsmaßnahmen unterstützt werden, um die Chancen für Integration zu gewährleisten.

 

 


[1] Deutschland profitiert von Zuwanderung, Prof. Dr. Holger Bonin, ZEW – Zentrum für Europäische   Wirtschaftsforschung GmbH, Mannheim. Veröffentlichung: Bertelsmann Stiftung

[2] Die Sprachkenntnisse nur bis zu einem unzulänglichen Stand zu entwickeln und dort dann sozusagen einzufrieren. Siehe auch Selinker 2004, S. 14

[3]   Antwort des Kultusministeriums auf die Anfrage des Abgeordneten Thomas Gehring vom 20.7.15,                   Drs. 17/ 7754

 

 

 


Suche

Im Blickpunkt

Reformkonzept

Kinderhaus Casadeni