15. Mai 2005

Exercitium Paedagogicum

Petition des BLLV

Kurzdarstellung

Das Exercitium Paedagogicum ist ein Projekt der Stiftung Bildungspakt Bayern und des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, dessen Ziele sind, dass die Ausbildung des Lehramtsstudierenden den Zugewinn der Theorie-Praxis-Verbindung, die Lehrkraft Unterstützung in ihrer täglichen Unterrichtsarbeit erhält.

Das Exercitium Paedagogicum besteht aus zwei Teilen. Im theoretischen Teil (1. und 2. Semester) erhalten die Studierenden aller Lehrämter die notwendigen erziehungswissenschaftlichen Grundlagen durch ein verbindliches Kerncurriculum in den Fächern Allgemeine Pädagogik, Schulpädagogik und Psychologie. Im schulpraktischen Teil (3. und 4. Semester) leisten die Studierenden an einer Schule ihrer Wahl 250 Lehrerstunden ab.

Im Wintersemester 2004/2005 wurde der Modellversuch an den Universitäten Augsburg und Regensburg mit der Theoriephase gestartet, an der Universität Passau mit der Praxisphase. Nun soll zum kommenden Schuljahr das Exercitium Paedagogicum an allen Universitäten eingeführt werden.

Position des BLLV

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) begrüßt an dem Exercitium Paedagogicum, dass von Beginn an des Studiums die Grundlagen der Berufswissenschaften für alle Lehramtsstudierenden verbindlich werden. Dies dient schon früh der Entwicklung eines Berufsverständnisses und einer Berufsidentifikation.

Des Weiteren erhalten die Berufswissenschaften für alle Lehrämter durch die verbindliche theoretische Phase eine dringend notwendige Aufwertung. Das Kerncurriculum sorgt für ein solides Fundament statt der bisherigen Beliebigkeit und "Freiwilligkeit".

Auch der Ansatz, die Studierenden am realen Schulalltag regelmäßig teilhaben zu lassen, ist der richtige Weg zu einer stärkeren Praxisorientierung im Studium. Im Gegensatz zu herkömmlichen Praktika werden die Studierenden Teil der Schule und lernen den ganzen Komplex Schule kennen. Dadurch erleben sie die Umsetzung von Theorie in Praxis.

Problematisch ist aus der Sicht des BLLV jedoch, dass hier erneut ein – gut finanzierter – Modellversuch nicht zu Ende geführt wird und eine saubere Evaluation nicht abgewartet wird, bevor der optimierte Modellversuch in den Regelbetrieb übernommen wird. Der Vorschlag einer bayernweiten Einführung stammt aus der Zeit, in der an den Schulen der Lehrermangel und der Stundenausfall massiv öffentliches Gehör fand. Ein guter hochschuldidaktischer Ansatz zur Verzahnung von Theorie und Praxis in der Lehrerbildung darf nicht aus finanzpolitischen Gründen zu einem unreflektierten Hintereinander führen.

Folgende Bedingungen müssen daher unabdingbar bei der Einführung des Exercitium Paedagogicum erfüllt werden:

Bedingungen

Das Exercitium Paedagogicum muss Theorie und Praxis der Lehrerbildung verzahnen. Dies kann nur durch die ständige Rückkopplung der Praxiserfahrungen an eine theoriegeleitete Reflexion erreicht werden.

Dies bedeutet für das Exercitium Paedagogicum:

1. Intensive Betreuung

Während der Praxisphase ist eine intensive Betreuung der Studierenden durch die Universität unabdingbar. Die Universität darf sich in der Praxisphase nicht aus der Pflicht nehmen. Das Exercitium Paedagogicum bietet bei entsprechender Gestaltung auch eine wichtige Hilfe für die Praxisorientierung der theoretischen Lehren der Universitäten: Das breite Feedback aus der Schulpraxis gibt Aufschluss über die Bewährung pädagogisch-didaktischer Theorien.

Durchschnittlich 6000 Studierende werden im Rahmen des Exercitium Paedagogicum in einem Schuljahr zu betreuen sein. Bei der derzeitigen personellen Ausstattung sind die erziehungswissenschaftlichen Lehrstühle nicht in der Lage, die Studierenden in gebotenem Maß professionell zu begleiten.

Daher fordert der BLLV:

  • effektive Betreuung der Studierenden in der Praxisphase durch die Universität
  • ausreichendes Personal für die bayernweite Umsetzung

2. Mentorentätigkeit

Die Lehrer/innen, denen "Unterrichtsassistenten" zur Seite gestellt werden, müssen gezielt ausgewählt, vorbereitet und evaluiert werden. Sie stellen die Mentoren für die Studierenden dar und prägen maßgeblich deren Praxiserfahrung. Die Mentorentätigkeit setzt daher bestimmte Qualifikationen voraus.

Jede Mentoren- und Ausbildertätigkeit beansprucht zusätzliche Zeit, in der den Lernenden Rückmeldung über ihre Fortschritte und ihre Leistungen mitzuteilen sind. Damit wird durch das Exercitium Paedagogicum den betreuenden Lehrkräften eine zusätzliche (zeitliche) Belastung zugemutet, wenn sie ihre Aufgabe als Mentor/innen ernst nehmen. Diese Belastung kann nicht durch die "Arbeitsleistung" des Unterrichtsassistenten kompensiert werden. Dies sei am Beispiel von Korrekturen aufgezeigt: Probearbeiten müssen von den verantwortlichen Lehrer/innen korrigiert und bewertet werden. Die Vorarbeit durch Unterrichtsassistenten verzögert dies, da die Lehrer/innen neben der eigenen Korrektur die Leistung der Studierenden beurteilen sollen.

Die Studierenden profitieren nur dann vom Exercitium Paedagogicum, wenn die Lehrer/innen ihnen ein konstruktives Feedback zu ihren Unterrichtsversuchen und ihrem weiteren Wirken im Schulalltag geben.

Ohne entsprechende Rahmenbedingungen gibt es nur zwei Alternativen: Entweder erhalten die Studierenden ein effektives Mentoring. Dies würde zu einer deutlichen Arbeitsbelastung, also Selbstausbeutung der Lehrkraft führen. Oder die Studierenden sorgen für eine Arbeitsentlastung der Lehrkräfte durch Kopierdienste, Materialbeschaffung, eigene Unterrichtsbeispiele, Beaufsichtigung und Unterweisung von Schüler/innen mit Verhaltens- und Lernschwierigkeiten, ohne dabei professionelles pädagogisches Handlungswissen erwerben zu können. In diesem Fall ginge es nicht mehr um bessere Ausbildung, sondern lediglich um Ausbeutung. Letztlich bleibt also nur die Wahl zwischen Ausbeutung der betreuenden Lehrkräfte oder der Studierenden.

Daher fordert der BLLV:

  • voller Ausgleich für die zeitliche Mehrbelastung einer effektiven Mentorentätigkeit

3. Unterrichtsassistenz

Die Studierenden sollen 250 Stunden ableisten. Dazu gehören neben Hospitationen und Lehrversuchen Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit, Materialbeschaffung und -erstellung, Teilnahme an Schulveranstaltungen und -ausflügen, Elterngesprächen, Schulentwicklung u.a.

Sowohl für die Theorie- als auch für die Praxisphase sind bayernweite Standards unabdingbar, um die Qualität und die Vergleichbarkeit des Exercitium Paedagogicum zu wahren. Darin müsste u.a. festgelegt sein, wie viel Prozent dieser 250 Stunden die Unterrichtsassistenten wirklich im Unterricht ableisten, wie viel Prozent für Vor- und Nachbereitung angerechnet werden dürfen und wie viel für Schulausflüge. Dieser Prozentsatz sollte die reale Verteilung der Lehrerarbeitszeit widerspiegeln.

Ferner müssen die Unterrichtsassistent/innen für die Schule eine verlässliche Größe darstellen. Eine beliebige Präsenzzeit darf es nicht geben. Ein kombiniertes Modell (Blockpraktikum zu Schuljahresbeginn, studienbegleitend während des Semesters) ist aus Sicht des BLLV zu bevorzugen. Den Studierenden muss es aber möglich sein, ihre Anwesenheit in der Schule an die Gegebenheiten des jeweiligen Semesters anzupassen. Die vereinbarte Anwesenheit ist einzuhalten.

Daher fordert der BLLV:

  • inhaltliche und strukturelle Standards für die Theorie- und Praxisphase
  • qualifizierte Auswahl, Vorbereitung und Evaluation der Praktikumslehrer/innen, um die Professionalität der Ausbildung zu sichern
  • Planungssicherheit für die Schule / die Lehrer/innen

4. Kein Ersatz für Lehrer/innen

Es ist vorgesehen, die Unterrichtsassistenten gezielt zur individuellen Förderung von Schüler/innen und zur Differenzierung (u.a. in großen Klassen) einzusetzen. Prinzipiell ist eine größere individuelle Förderung von Schülern begrüßenswert. Jedoch muss auch beachtet werden, dass für die gezielte Förderung von Schülern mit Lern- und Verhaltensdefiziten methodisches und didaktisches Wissen notwendig ist, über das Studierende im 3. Semester noch nicht verfügen. Die Unterrichtsassistenten sind keine kostenloser Förderlehrer/innen, die der Staat aus Einspargründen zu einem einjährigen unbezahlten Unterricht (legitimiert durch ein Praktikum) zwingt. Einen Lehrermangel mit Unterrichtsassistenten zu kaschieren, ist unehrlich und löst die Probleme nicht.

Daher fordert der BLLV:

  • keine Planstellenrelevanz der Unterrichtsassistent/innen
  • Exercitium Paedagogicum als Teil der Lehrerbildung, nicht als Medizin gegen Lehrermangel an den Schulen

Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesvorstands vom 11. Mai 2005

Eingabe des BLLV an den Bayerischen Landtag vom 15.05.2005


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