18. November 2010

Reform des Gymnasiums

BLLV-Petition

Die Forderungen im Überblick:

  • Neuer Lern- und Leistungsbegriff
  • Unterrichten in leistungsheterogenen Gruppen
  • Ausbau der Diagnose- und Fördermöglichkeiten
  • Kompetenzorientierte Fächerstruktur
  • Verbesserung der Arbeitsbedingungen
  • Ausbau der Ganztagsschulen
  • Neue Lehrerrolle und Lehrerselbstverständnis
  • Lehrerbildung und -einsatz

 

Gymnasium neu denken

Die Demonstrationen gegen das G8 und die Hochschulsituation zeigen vor allem eines: Unsere Jugend, die lange als unpolitisch und karriereorientiert charakterisiert wurde, fühlt sich von diesem Bildungssystem im Stich gelassen. Die Einführung des G8 hat die Menschen, die an diesen Bildungseinrichtungen lernen und arbeiten, aus den Augen verloren. Die Demonstra­tionen der Schüler und Studenten sind der GAU der Bildungspolitik. Es ist alarmierend, wenn Zehntausende von jungen Menschen sich gegen ihre eigenen Bildungseinrichtungen wenden. Im Kern ist es ein Verzweiflungsschrei geboren aus Überforderung und existentieller Zukunftsangst.

Selbstkritisch müssen wir feststellen: Wir schrauben beim Gymnasium an tausend kleinen Schräubchen ohne eine Vision für diese einst so stolze Schulart für die Zukunft zu haben. Vielmehr soll das leitmotivisch immer wieder durchscheinende überkommene Konzept der sog. „höheren Bildung“ als Turboversion und als Massenveranstaltung im 21. Jahrhundert überleben. Das kann ebenso wenig funktionieren wie die Rückkehr zum elitären Gymnasium. Elitäre Privatschulen, auf die unsere gesellschaftliche Führungsschicht ihre Kinder schickt, orientieren sich längst an innovativen reformpädagogischen Ideen und haben sich vom traditionellen Prüfungslernen verabschiedet.

Mit vorliegendem Positionspapier will der BLLV eine überfällige Diskussion über die Zukunft des Gymnasiums in Bayern anstoßen, die über die Fragen der Umsetzung des G8 hinausgeht. Hierbei geht es um eine Überwindung weitverbreiteter „Denkverbote“ und um die Entwicklung eines Gymnasiums, in dessen Mittelpunkt ein neuer Lernbegriff und eine neue Rolle des Lehrers stehen. Dies schulden wir den Tausenden neuer Kolleginnen und Kollegen, die in den nächsten Jahren ihren Dienst am Gymnasium antreten.  Und das schulden wir unseren Schülern, die eine moderne, leistungsfähige und gerechte Gesellschaft im 21. Jahrhundert gestalten müssen. Nur wenn wir Visionen haben, können wir uns auf den Weg machen und unsere Schulen neu gestalten.

Die Reform des Gymnasiums und die aktuelle Bildungsdiskussion

Form und Inhalt der Diskussion um die Zukunft des deutschen Bildungswesens haben sich in der Folge der internationalen Vergleichsuntersuchungen PISA und IGLU grundlegend verändert. Noch bis weit in die Neunzigerjahre führte die Frage, ob integrierte oder teilintegrierte Schulangebote nicht sinnvoller seien, zu hoch ideologisierten Konflikten. Die kulturkampfartige Auseinandersetzung in den Siebzigerjahren zwischen linkem und bürgerlichem Lager um die Gesamtschule hat tiefe Spuren in der bildungspolitischen Meinungsbildung und dem dazugehörigen öffentlichen Diskurs hinterlassen. Nicht zufällig wird bis heute die Terminologie dieser Auseinandersetzung bemüht. Man greift hierzu sogar zurück auf Begrifflichkeiten des Schulkampfs der Weimarer Republik, wie z. B. die sozialistische Einheitsschule, mit denen die Deutsche Volkspartei und der Deutsche Philologenverband 1920 die Einführung einer gemeinsamen Grundschule für alle verhindern wollte. 

Der PISA-Schock und die Neuausrichtung der Bildungspolitik

Dennoch: Der PISA-Schock des Jahres 2001, als die erste internationale Vergleichsstudie mit desaströsen Ergebnissen für Deutschland veröffentlicht wurde, hat ein Umdenken ausgelöst und die ideologisierte Diskussion verändert. Heute wird in den meisten Bundesländern pragmatisch nach effektiven Schulformen und sinnvollen Schulstrukturen gesucht. Die Entkrampfung der Diskussion hängt auch damit zusammen, dass die neuen Bundesländer mit teilintegrierten, also zweigliedrigen Systemen sehr erfolgreich arbeiten. So überholte im Ranking des letzten PISA-Ländervergleichs der Freistaat Sachsen, der ein zweigliedriges Schulsystem hat, völlig überraschend den Freistaat Bayern.

In den meisten Ländern der Bundesrepublik Deutschland besteht inzwischen Konsens, dass die Zukunft des gegliederten deutschen Schulsystems mittelfristig auf Zweigliedrigkeit hinausläuft. Die Diskussion um die voll integrierte Schule in Form einer Gesamtschule steht hierbei nicht auf der Agenda der bildungspolitischen Diskussion. Selbst die Einführung der „Gemeinschafts­schule“ in Schleswig-Holstein, die in kleinen ländlichen Schuleinheiten ein wohnortnahes Bildungsangebot mit Gymnasialstandards vorhält, richtet sich nicht gegen das Gymnasium, sondern ist eine pragmatische Antwort auf die demografische Entwicklung in ländlich geprägten Regionen.

Ursprünge des Gymnasiums

Das heutige Schulsystem und die kontroverse Diskussion um eine Neugestaltung sind nicht ohne einen Blick in die Geschichte zu verstehen. Das gegliederte Schulsystem spiegelt bis heute die Funktion der Bildung in der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts wider. Das Gymnasium, das in Preußen 1812 eingeführt wurde, ist unlösbar verbunden mit der Emanzipation des Bürgertums gegenüber den traditionellen Eliten, dem Adel und dem Klerus. Es war zentrales Instrument seines sozialen Aufstiegs. Die durch Gymnasium und Universität gebildete neue Bürgerschicht übernahm Führungsaufgaben in der Gesellschaft. Gleichzeitig stellte die gymnasiale Bildung aber auch ein äußerst wirksames Instrument der Abgrenzung der neuen Bürgerschicht gegenüber den sogenannten niederen Ständen dar. Während die gymnasiale Bildung zum zentralen Element der neuen sozialen Identität des aufstrebenden Bürgertums wurde, war die Volksschule dem „einfachen Volk“ vorbehalten, dessen Nationalbewusstsein es im Zuge der Schaffung des Nationalstaates erst zu konstituieren galt.

Das Gymnasium sicherte und legitimierte den sozialen Status des Bürgertums, indem es den Zugang zur Universität regelte, die wiederum die professionelle Qualifikation für die Führungs­aufgaben des neuen Bürgertums vermittelte. Das Gymnasium verstand sich deshalb immer als wissenschaftspropädeutische Schule und zwar von der ersten Jahrgangsstufe an. Es orientierte sich konsequenterweise am Fächerkanon der deutschen Universität des 19. Jahrhunderts – ein Grund, warum sich das Gymnasium bis heute schwer tut mit neuen Fächerkombinationen, mit Kompetenzorientierung und neuen Unterrichts- und Lernmethoden.

Ein ideologischer Begabungsbegriff

Das gegliederte, in der Ständegesellschaft begründete, Schulsystem wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusätzlich durch eine populärwissenschaftliche Begabungstheorie gerecht­fertigt, die zwar empirisch nie verifiziert wurde, aber bis heute hartnäckig durch die bildungs­politischen Diskussionen geistert. Nach dieser Theorie ist das Gymnasium die Schule der „theoretisch Begabten“, die Volksschule die Schule für die „praktisch Begabten“ und die erst in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstehende Realschule schließlich die Schule für die „anwendungsorientiert Begabten“.

Die Begabungstheorie wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts durch eine berufs­ständische Begründung erweitert. Nach Heinrich Weinstock sind die Oberschüler die Schüler, die die Maschinen „erfinden und verbessern“, während die Mittelschüler sie „beaufsichtigen und flicken“ und die Volksschüler sie schließlich „bedienen und in Gang halten“.

Diese theoretischen Legitimationskonstrukte sind heute nicht mehr haltbar. Die Entwicklungs­psychologie, ebenso wie die moderne Gehirnforschung, hat zweifelsfrei nachgewiesen, dass es keine vorwiegend theoretisch oder praktisch begabten Kinder gibt. Ebenso ist die berufs­ständische Begründung überholt. Auch sind die Anforderungsprofile moderner Berufe mit der Unterscheidung von gestaltenden, kontrollierenden und ausführenden Berufen nicht mehr abzubilden.

Diese historische Tradition steht aber auch im direkten Widerspruch zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland im 21. Jahrhundert. Bildung kann in einer Demokratie und einer hochkomplexen Berufswelt nicht mehr als Privileg einer kleinen Bürgerschicht definiert werden. Sie ist unverzichtbares Bürgerrecht (Ralf Dahren­dorf) aller Menschen und Voraussetzung für die globale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft geworden. In dieser Situation darf auch die Bildungspolitik nicht mehr auf einen antiquierten falschen Begabungsbegriff aufbauen.

Eine neue Perspektive entwickeln

Um eine Perspektive für ein modernes Gymnasium zu entwickeln, das den Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler gerecht werden kann, müssen wir die Veränderungen und die Erwartungen an das Gymnasium analysieren und Lösungen aufzeigen und wir müssen uns freimachen von lieb gewonnenen Klischees und Vorurteilen – ohne wertvolle Erfahrungen und Kompetenzen vorschnell über Bord zu werfen. Heute geht es um langfristige Orientierungen, die dem aktuellen bildungspolitischen Handeln eine tragfähige und zukunftsorientierte Perspektive geben und die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen mit berücksichtigen.

Herausforderungen an das Gymnasium im 21. Jahrhundert

Die Schülerzahlen sind drastisch gestiegen

Während 1965/66 in Bayern nur 18,3 % der Schüler der Jahrgangsstufe 4 der Grundschule und der Jahrgangsstufe 5 der Hauptschule auf das Gymnasium wechselten, wurde 1985 bereits die 30 %-Marke überschritten. Nach einer längeren Phase konstanter Übertrittsquoten um die 34 %, steigt sie seit 2004/05 wieder kontinuierlich an und überschritt im Jahr 2009 in Bayern die 40 %-Marke. Journalisten sprechen vom Gymnasium als der neuen „Volksschule“. Diese Entwicklung wird sich verstärken, da der Bedarf an hochqualifizierten Schulabgängern steigt und Bayern mit einer Quote von 22,9 % bei den Absolventen mit Hochschulreife 8,2 % hinter dem Bundes­durchschnitt von 31,1 % hinterher hinkt und Deutschland mit dieser Quote nochmals deutlich unter dem Durchschnitt der Länder der Europäischen Union und der OECD liegt. Das Gymna­sium gilt als der Königsweg zur Hochschulreife, das die meisten Optionen für die attraktivsten Berufe bietet. Eltern wählen für ihre Kinder die Schule mit den besten Berufs­chancen.

Faktum ist, dass die meisten Kinder eines Jahrgangs das Gymnasium besuchen und Faktum ist auch, dass das Gymnasium die Schulart ist, die immer mehr Eltern für ihre Kinder wünschen. Hauptschule und zunehmend auch die Realschule stellen für sie keine erstrebenswerte Option dar. Als Folge leidet die Grundschule massiv unter dem Auslesedruck. Kinder, die den Übertritt an das Gymnasium nicht schaffen, werden dadurch teilweise traumatisiert und stigmatisiert.

Der letzte Versuch in Bayern, das traditionelle Konzept des Gymnasiums als stark selektive Eliteschule zu erhalten, wurde im Jahr 1998 von Kultusminister Hans Zehetmair zusammen mit dem damaligen Vorsitzenden des Bayerischen Philologenverbandes mit der Einführung der sechsstufigen Realschule unternommen. Ihr erklärtes Ziel war es, die Zahl der Übertritte an das Gymnasium zu verringern und die Realschule als Alternative zum wissenschaftspropädeutischen Gymnasium zu etablieren. Dieser Versuch ist auf ganzer Linie gescheitert. Die Übertrittszahlen ans Gymnasium stiegen drastisch an. Im gleichen Atemzug erlitt die Hauptschule einen drama­tischen Ansehens- und Schülerverlust und die Realschule muss seitdem ihre Leistungsträger an das Gymnasium abgeben.

Die Schülerschaft des Gymnasiums hat sich verändert

Das klassische Gymnasium als Schule des Bildungsbürgertums hat sich überholt. Der Ansturm auf das Gymnasium führt dazu, dass seine Schülerschaft hinsichtlich ihrer Vorbildung, ihrer Lernmotivation und ihres familiären Hintergrundes heterogener geworden ist. Gesellschafts­strukturen, Familienstrukturen und Wertesysteme verändern sich in der heutigen Gesellschaft nachhaltig. Das wirkt sich unmittelbar auf die Schulen aus.

Das Freizeitverhalten der Jugendlichen hat sich verändert. Medienkonsum nimmt heute eine breite Rolle ein, auch bei den Schülern am Gymnasium. Abstraktionsfähigkeit, Konzentrations­fähigkeit und Nachhaltigkeit im Lernen müssen oft mühsam aufgebaut werden. Sozialkompe­tenzen und Sekundärtugenden können nicht mehr automatisch vorausgesetzt, sondern müssen erst in der Schule gelernt werden.

Heute besuchen viele Schüler mit persönlichen Problemen wie den Folgen von Trennung und Scheidung der Eltern, Vereinsamung oder finanziellen Nöten das Gymnasium. Auch Themen wie Gewaltbereitschaft und Mobbing sind an den Gymnasien zu einem Problem geworden. Zwar unterstützen viele Eltern ihre Kinder, verbunden mit persönlichen Opfern durch kostspielige Nachhilfe, gleichzeitig aber nimmt die Zahl der Schüler, die emotional verarmt sind, zu. Oft überdecken Lebensprobleme Lernprobleme.

Das Gymnasium ist pädagogisch mehr denn je gefordert. Die Wissensvermittlung reicht nicht mehr aus. Am Gymnasium muss ebenso wie an allen anderen Schulen eine Kultur der Kommunikation und der Unterstützung entstehen. Kinder und Jugendliche benötigen sehr viel häufiger die persönliche Zuwendung des Lehrers und eine gezielte individuelle Förderung. Auch Gymnasiallehrer und -lehrerinnen müssen heute im Gegensatz zu früher Experten in pädagogischen Fragen sein und über ein Höchstmaß an Sozialkompetenz verfügen. Auch im Gymnasium muss verstärkt Beziehungsarbeit geleistet werden. Der Gymnasiallehrer und die Gymnasiallehrerin kann es sich heute nicht mehr leisten, sich auf die reine Fachkompetenz zurückzuziehen.

Die Heterogenität der Schüler an den Gymnasien ist groß

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Gymnasien sind enorm. Je nach Lage und Ausbildungsrichtung zeigt sich eine erhebliche Bandbreite in der sozialen Zusammensetzung und in Leistungsvermögen und -bereitschaft ihrer Schülerschaft. Insbesondere der soziale und berufliche Hintergrund der Eltern spielt hierbei eine zentrale Rolle. An neusprachlichen und naturwissenschaftlichen Gymnasien ist der soziale Hintergrund der Eltern sehr viel heterogener als an altsprachlichen Gymnasien, die auch heute noch vorwiegend von Kindern aus bildungs­bewussten Bürgerfamilien besucht werden. Auch spielt der örtliche Standort des Gymnasiums eine Rolle. Gymnasien in gehobenen Wohngegenden haben tendenziell eine „bildungsnähere“ Schülerschaft mit ausgeprägten Unterstützungssystemen und besseren finanziellen Möglich­keiten für Nachhilfeunterricht als zum Beispiel Gymnasien in Neubau­gegenden.

In der derzeitigen Diskussion über das Gymnasium wird diese Tatsache völlig ignoriert. Sie wird auf der Basis überholter Klischees geführt, wonach es einen Prototyp eines Gymnasiums gibt, der als Blaupause für alle Gymnasien in Bayern herhalten kann – meistens handelt es sich um das elitäre humanistische Gymnasium, wie es in der Realität schon lange nicht mehr existiert.

Die Organisation des Gymnasiums beschneidet den Spielraum für neue Lerninhalte und Unterrichtsmethoden

Die Fächer und damit die Stundentafeln am Gymnasium haben sich in Aufbau und Struktur kaum verändert. Sie orientieren sich nach wie vor an den traditionellen Universitätsdisziplinen. Wichtige Inhalte aus dem musisch-ästhetischen Bereich spielen eine untergeordnete Rolle oder werden in den Wahlbereich abgedrängt. Ansätze für eine Zusammenfassung von Einzelfächern in Fächergruppen wie z. B. Sozialwissenschaften oder Naturwissenschaften, die fächerüber­greifenden Unterricht erlauben, sind zwar vorhanden, werden aber nicht ernsthaft vorange­trieben.

Gleichzeitig haben sich Methodenwissen und Fachdidaktiken stark weiter entwickelt. Motivieren­der, effizienter Unterricht fußt auf einer breiten Methodenkompetenz der Lehrkraft. Weder in der Lehrerbildung noch im Unterrichtsalltag wird dies ausreichend berücksichtigt. Das Dilemma der Unterrichtspraxis ist jedem Gymnasiallehrer und jeder Gymnasiallehrerin bekannt: Moderne Methoden sind im Rahmen des existierenden Lehrplans, der straff organisierten Stundentafel und des komplexen Prüfungswesens kaum organisierbar. Besonders schwer ist es, fächer­übergreifende Projekte zu organisieren, selbst wenn sie vom Lehrplan gefordert werden. Die Verkürzung des Gymnasiums und die damit einhergehende „Verdichtung“ von Stoff und Prüfungen hat zusammen mit der immer größer werdenden Anzahl verpflichtender, standardi­sierter Leistungstests diese Situation noch verschärft.

Die Arbeitsbedingungen sind belastend

Die starke Zunahme der Schülerzahlen, die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit an das Gymnasium, Ressourcenmangel und personelle Engpässe haben in den letzten Jahren zu erheblichen Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen der Lehrer und der Lernbedingungen der Schüler geführt.

Insbesondere die Klassenstärken sind nicht zumutbar. Im Schuljahr 2007/08 saßen in den Jahrgangsstufen 5 mit 11 in 35,5 % der Klassen 30 und mehr Schüler, in 6,7 % wurde sogar die Klassenhöchststärke von 32 Schülern überschritten. Raumgrößen und fehlende Schalldämmung stellen für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler eine unzumutbare physische und psychische Belastung dar. Dies erschwert Methodenvielfalt sowie offene Unterrichtsformen und damit nachhaltiges Lernen.

Es bestehen nur geringe Möglichkeiten der Förderung in Kleingruppen. Die Eltern müssen Leistungsdefizite ihrer Kinder durch teure private Nachhilfe kompensieren, da in den Schulen zu wenig Förderangebote und Möglichkeiten der Differenzierung vorgesehen sind. Die Lehrer­versorgung ist weiterhin unzureichend und führt zum Teil zu ganz erheblichen Unterrichts­ausfällen. Nach einer Stichprobenerhebung im Dezember 2008 und März 2009 fielen 3,6 % des Unterrichts ersatzlos aus. Parallelführungen von Klassen und Vertretungen, in denen die Schüler nur beaufsichtigt, aber nicht unterrichtet werden, wurden nicht erfasst.

Dramatisch ist die Situation im Bereich der naturwissenschaftlichen Fächer. Da es dort schon seit Jahren einen gravierenden Mangel an Lehrern gibt, kann der Unterricht nur durch ein ständiges Improvisieren und oft durch fachfremden Einsatz von Lehrern und von Aushilfskräften ohne pädagogische Qualifikation aufrecht erhalten werden.

Es gibt deutlich zu wenig Stundenkontingente für die Kooperation zwischen Kollegen und für teambildende Maßnahmen. Die Ressourcen für die Einrichtung von Ganztagsschulen sind zu gering. Die Situation der Mittagsverpflegung ist nach wie vor in vielen Schulen ein Problem. Es gibt kaum oder nur unzureichend persönliche, ruhige Arbeitsplätze für die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule. Die Ausstattung mit neuen Medien und Kommunikationsmitteln hat sich zwar verbessert, ihre Pflege und Wartung überfordert aber die Ressourcen der Schulen. Die zunehmende Verrechtlichung erfordert einen immer höher werdenden Verwaltungs- und Rechenschaftsaufwand. Zunehmend werden Anforderungen an die Gymnasien delegiert, gleichzeitig werden aber Ressourcen gekürzt.

Die Bedeutung des Abiturs sinkt

Die Veränderung der Hochschullandschaft hat auch den Stellenwert des Abiturs verändert. Universitäten legen zunehmend Wert auf zusätzliches Wissen und Kompetenzen. Während bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts ausschließlich die Abiturnote über den Zugang entschied, lehnen immer mehr Fachbereiche das Abitur als einziges Zugangskriterium ab. Sie haben eigene Auswahlverfahren und Eingangsprüfungen entwickelt und unterlaufen somit sukzessive die Bedeutung des Abiturs. Auch wurden alternative Zugangsmöglichkeiten zur Universität geschaffen (Fachabitur, Meisterprüfung etc.).

Die Probleme des G8 behindern eine pädagogische Reformdiskussion

Offizielle Begründung für die Einführung des G8 in Bayern war das im internationalen Vergleich hohe Alter der Universitätsabsolventen. Auch sollte mit der Schulzeitverkürzung die Lebens­arbeitszeit erhöht werden, um den enormen Herausforderungen der Rentenfinanzierung begegnen zu können. Das G8 wurde im Hauruckverfahren eingeführt – ohne die dringend notwendige Diskussion um eine gleichzeitige inhaltliche Reform. Im Gegenteil: Fragen der Reform des Fächerkanons und der Unterrichtsmethoden wurden zugunsten quantitativer Detailfragen unterdrückt.

Eine Neukonzeption des Unterrichts im Gymnasium muss Fragen wie den Zusammenhang von Fachwissen und Schlüsselqualifikationen und die Auswirkung der zunehmenden Bedeutung sozialer Kompetenzen auf den Unterricht beantworten. Ebenso zu beantworten sind Fragen zu Maßnahmen zur Überwindung von Bildungsbenachteiligungen, zur Bedeutung leistungs­heterogener Lerngruppen, zur sprachlichen Förderung, zur stärkeren Integration von Schülern mit Migrationshintergrund, zu geschlechtsspezifischen Lernwegen und vieles mehr.

Statt die Stundentafel mit dem Rechenschieber hin- und herzudrehen und über das Streichen einzelner Lehrplaninhalte Grundsatzdebatten zu führen, muss ein neues Konzept gymnasialer Bildung erstellt werden, das modernen Anforderungen und den lernpsychologischen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts Rechnung trägt.

Warum Reformen so schwierig sind

Das Gymnasium der Gegenwart leidet unter dem Spagat zwischen dem Festhalten an über­kommenen und veralteten Strukturen und Traditionen einerseits und einer halbherzigen und meist nur oberflächlich postulierten Öffnung für das unvermeidlich Neue andererseits:

  • So sollen die Gymnasien einerseits immer noch einen klaren Ausleseauftrag erfüllen, diesen andererseits aber ignorieren, indem sie viele Schüler trotz schlechter Leistungen vorrücken lassen und an der Schule behalten.
  • So sind Gymnasien einerseits immer noch streng nach dem Fächerprinzip organisiert, sollen andererseits aber immer neue fächerübergreifende Anliegen verfolgen.
  • So bestimmen einerseits die prall gefüllten Lehrpläne und eng getakteten Prüfungs­intervalle den Unterricht, andererseits sollen aber möglichst viele außerunterrichtliche Angebote wie Praktika, Exkursionen, Projekte usw. während der Unterrichtszeit durchgeführt werden.
  • So legt der Stundenplan einerseits einen in 45-Minuteneinheiten zerhackten Tages­rhythmus fest und die Schülerzahlen pro Klasse liegen oft über 30, andererseits soll der Unterricht weg von der starren Lehrerzentrierung und hin zu offenen Unterrichtsformen.
  • So bilden die Intensivierungsstunden einerseits angeblich das „Herzstück des G8“, andererseits werden diese Stunden in der Regel zur Verfügungsmasse bei der Stunden­planerstellung. Es fehlt an Materialien, Fortbildungen und Konzepten, die dieses an sich sinnvolle Instrument wirksam werden lassen.
  • So ist das Gymnasium einerseits für viele Lehrer und Schüler mittlerweile de facto zu einer Ganztagsschule geworden, andererseits hat dies nicht zu spürbaren Konsequenzen geführt. Es fehlen nicht zuletzt aufgrund der Budgetierung außerunterrichtliche Angebote sowie Personal und Räume für eine ganztägige Betreuung und Rückzugsmöglichkeiten.
  • So ist der Unterricht einerseits immer noch auf Leistungserhebungen zur Notengewinnung fokussiert, andererseits werden zusätzliche Leistungstests mit großem Aufwand durchgeführt, die in der Realität weder ausreichend an den curricularen Unterricht angebunden sind, noch tatsächliche Auswirkungen auf den individuellen Lernfortschritt der Schüler haben.

Diese Widersprüche müssen aufgelöst werden. Dabei steht das Gymnasium in Bayern vor einer äußerst schwierigen Herausforderung. Einerseits brauchen wir dringend eine neue Vision von Schule und Gymnasium und darauf aufbauend konkrete Reformen, andererseits ist nach der überhasteten Einführung des achtstufigen Gymnasiums die Bereitschaft für weitere Reformen bei den Lehrkräften, Eltern und Schülern des Gymnasiums verständlicherweise sehr gering. Demotivation, Frustration und Enttäuschung über den überstürzten Reformprozess überwiegen immer noch bei vielen Kolleginnen und Kollegen.

Wenn sich das Gymnasium aber erfolgreich den Herausforderungen einer gewandelten Gesellschaft, eines daraus resultierend neuen Auftrags und der modernen Lern- und Leistungskultur erfolgreich stellen will, müssen tiefgreifende Konsequenzen für seine innere Verfassung und seine Ausstattung gezogen werden.

Forderungen für eine Reform des Gymnasiums

1. Neuer Lern- und Leistungsbegriff

Die Auseinandersetzung mit erfolgreichen OECD-Ländern zeigt, dass der Leistungsbegriff in anderen Schul- und Bildungssystemen wesentlich weiter gefasst ist als in Deutschland. Der Leistungsbegriff des deutschen Schulsystems ist überdurchschnittlich stark auf Selektions­diagnostik fixiert. Die „Lernmotivation“ ist immer noch eng verbunden mit einer extrinsischen „Übertritts- und Aufstiegsorientierung“. Dadurch wird die Entwicklung einer anspruchsvollen Lernkultur und eines leistungsfreundlichen Schulklimas erschwert. Dies betrifft besonders das Gymnasium als frühere „Eliteschule“.

Der verbreitete Leistungsbegriff genügt zwar zur Bewältigung von Routineaufgaben, jedoch nicht für nachhaltiges Lernen. Die Folge sind Schwächen der Schüler bei Aufgaben, die ein qualitatives Verständnis der Sachverhalte und nachhaltiges Lernen erfordern, eine defizitäre Entwicklung sozialer Kompetenzen und eine starke Fokussierung auf Noten, Punkte und Übertrittskriterien. Individuelle Lernfortschritte werden kaum zertifiziert und wichtige Schlüssel­qualifikationen nur mit allgemeinen Bemerkungen honoriert.

Ein neuer Leistungsbegriff zielt auf den Aufbau von Kompetenzen unter Ausschöpfen der individuellen Möglichkeiten. Diese Kompetenzen verbinden intelligentes Wissen mit sozialer Verantwortung und intelligentem Handeln.

Hierzu gehört auch ein neues Bewertungssystem der Schülerleistungen durch regelmäßige Rückmeldungen über den Leistungsstand. Diese Art von Evaluation stellt das Entwicklungs­potenzial eines jeden einzelnen Schülers in den Mittelpunkt. Sie überprüft das Erreichen der Bildungsstandards und zeigt individuelle Förderbedürftigkeit auf. Die Leistungen von Schülerinnen und Schülern sollten über Selbst- und Fremdevaluation erfasst und in einem Portfolio dokumentiert werden. Die Fremdevaluation durch Lehrkräfte dokumentiert die Lernentwicklung eines Schülers, benennt Stärken sowie Schwächen und unterbreitet Fördermöglichkeiten.

Unabdingbar für eine sinnvolle Leistungsbewertung, die Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern akzeptieren, sind Transparenz, regelmäßige Rückmeldungen und gezielte Förder­programme durch entsprechendes Personal, die auf die individuellen Stärken und Schwächen der jungen Menschen zugeschnitten sind.

Es finden lediglich noch an zwei Zeitpunkten zertifizierende Prüfungen statt: Am Ende der Sekundarstufe I wird der mittlere Bildungsabschluss abgelegt, am Ende der Sekundarstufe II das Abitur. Beide Prüfungen werden zentral durchgeführt und basieren auf den Bildungsstandards für diese Abschlüsse.

2. Unterrichten in leistungsheterogenen Gruppen

Unser Schulsystem versucht möglichst homogene Lerngruppen zu schaffen, in der Annahme, dass Schülerinnen und Schüler dadurch besser gefördert werden könnten. Allerdings kann diese Homogenität einer Lerngruppe in der Realität niemals wirklich erreicht werden. Weder sind die hierfür nötigen Kriterien eindeutig, noch die Prüfverfahren fehlerfrei, noch die nötigen Prognosen valide. Darüber hinaus zeigt sowohl die pädagogische Forschung als auch der internationale Vergleich, dass vermeintlich homogene Lerngruppen gegenüber heterogenen keine Leistungs­vorteile erzielen.

Heterogenität von Lerngruppen ist heute schon unvermeidbare faktische Voraussetzung der gymnasialen Bildung, wird aber oft noch als Bedrohung für das Gymnasium gesehen. Sie muss stattdessen als Chance einer neuen Lernkultur verstanden werden und bedarf sowohl eines neuen Selbstverständnisses als Lehrer als auch einer neuen pädagogischmethodischen Ausrichtung des Unterrichts. Gerade für die Förderung des leistungsschwächeren Spektrums der Schülerschaft liegt hier die Chance, einer Spirale nach unten mit Übertritt an Realschule und Hauptschule zu entkommen. Dadurch kann der enge Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und niedrigem Bildungsniveau reduziert werden.

Jedes Kind hat einen individuellen Förderbedarf. Das trifft auch auf die Schülerschaft des Gymnasiums zu. Dieser Förderbedarf erstreckt sich über unterschiedliche Bereiche wie sprachliche, intellektuelle, soziale oder emotionale Fähigkeiten. Entsprechend müssen breite Förderangebote eröffnet werden. Hierbei gilt es nicht nur Schwächen auszugleichen, sondern auch Stärken auszubauen.

3. Ausbau der Diagnose- und Fördermöglichkeiten

Die in der Schule verwendeten Evaluationsinstrumente sind defizitorientiert. Ihre Ergebnisse bleiben als Momentaufnahme dauerhaft im Gedächtnis des Schülers und im Notenbogen des Lehrers haften. Positive Entwicklungen sind zwar gewünscht, können aber weder systematisch gefördert noch formal honoriert werden. Eine echte Förderdiagnostik, mit deren Hilfe Stärken des einzelnen Schülers gefördert und Schwächen behoben werden können, kommt im Gymnasium kaum zum Tragen. Der an der Normalverteilung orientierte Leistungsbegriff erfordert für jede Spitzenleistung die Existenz eines Versagers, für jedes Weiterkommen ein Scheitern.

Das Erstellen von Förderplänen sowie deren regelmäßige Evaluation müssen für das Gymnasium ebenso zu den selbstverständlichen Aufgaben zählen wie fest integrierte Fördermaßnahmen für Schüler mit Migrationshintergrund.

Lernstandsbeschreibungen dokumentieren die Lernentwicklung eines Schülers, benennen Schwächen sowie Stärken und unterbreiten Fördermöglichkeiten, die das Erreichen der Bildungsstandards ermöglichen sollen. Darüber hinaus werden die Schülerinnen und Schüler zur Selbstevaluation ihrer Leistungen – beispielsweise über Lerntagebücher – angehalten.

Wenn trotz Ausschöpfung aller zur Verfügung stehenden Fördermöglichkeiten ein Erreichen der jeweiligen Abschlüsse nicht zu erwarten ist, werden die Erziehungsberechtigten durch die Schule beraten, wie der weitere Bildungsgang gestaltet werden soll.

Zur Diagnose von Förderbedarf und der Erarbeitung individueller Förderpläne benötigt jedes Gymnasium eine ausreichende Zahl qualifizierter Fachkräfte. Um die Förderpläne umsetzen zu können, bedarf es einer wesentlich günstigeren Schüler-Lehrer-Relation zur Bildung von Klein­gruppen und team-teaching. Denn individuelle Förderung bedeutet, mehr Zeit für die einzelnen Kinder und Jugendlichen zu haben.

An Gymnasien werden immer mehr Schülerinnen und Schüler mit psychischen Problemen (Legasthenie, ADHS, Aspergersyndrom usw.) unterrichtet. Auch werden in Folge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006, in der eine inklusive Bildung gefordert wird, Kinder mit Behinderung an Gymnasien verstärkt unterrichtet werden. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen stellt dies für viele Lehrkräfte und für viele Schüler eine unzumutbare Belastung dar. Neben einer deutlich geringeren Klassengröße ist es daher unabdingbar, dass jede Schule ausreichend hierfür qualifiziertes Personal, wie beispielsweise Schulpsychologen oder Sozialpädagogen zur Verfügung hat. Auch die Zusammenarbeit mit dem Mobilen Sonder­pädagogischen Dienst muss intensiviert und ausgebaut werden.

Darüber hinaus müssen Lehrkräfte genügend Zeit haben, um mit anderen Kollegen, Fach­personal und externen Stellen über Schüler und Klassen zu beraten. Auch dies erfordert entsprechendes Personal.

4. Kompetenzorientierte Fächerstruktur

Die bisherige Struktur des Gymnasiums, wonach der Unterricht streng in viele verschiedene Fächer getrennt abläuft, die einzelnen Fächer möglichst viele Stunden für sich reklamieren und möglichst viele und versetzungsrelevante Prüfungen abhalten, wird einer Schule des 21. Jahr­hunderts nicht mehr gerecht. Sie führt dazu, dass der Schultag in einen starren und kurzatmigen 45-Minuten-Takt zerfällt und in den einzelnen Klassen viele verschiedene Lehrkräfte jeweils nur wenige Stunden unterrichten. Die hohe Anzahl an Einzelfächern mit der damit verbundenen erheblichen Prüfungsdichte zwingt die Schülerinnen und Schüler zu bulimischem Lernen und verhindert Nachhaltigkeit.

Das didaktische Profil des Gymnasiums soll den entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen angepasst werden.

  • In den Jahrgangsstufen fünf mit sieben soll der Unterricht in Einzelfächern
    (z. B. Fremdsprachen, Mathematik) und in Domänen (z. B. Naturwissenschaften, musisch-künstlerisches Gestalten) organisiert werden.
  • In den Jahrgangsstufen acht und neun liegt der Schwerpunkt auf Projektarbeit. Neben Präsenzphasen in der Schule besuchen die Schülerinnen und Schüler auch außerschulische Lernorte. Schulischer Unterricht findet in modularisierter Epochenform und durch blended learning (Onlinekurs mit Präsenzblöcken) statt.
  • Ab der zehnten Jahrgangsstufe setzt der wissenschaftspropädeutische Unterricht in Einzelfächern ein.

 Darüber hinaus entscheidet die einzelne Schule über die Unterrichtsorganisation selbstständig.

5. Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Das Gymnasium ist Lebensraum für Schüler und Lehrer. Für die Durchführung von Projekt- und Förderunterricht sowie für Binnendifferenzierung sind an den Gymnasien auch die entsprechen­den baulichen Voraussetzungen für eine flexiblere Raumnutzung zu schaffen. Um Gymnasien als echte Ganztagsschulen führen zu können, müssen neben Aufenthalts- und Arbeitsräumen für Schüler und Lehrer auch ausreichend eigene, angemessen ausgestattete Arbeitsplätze für Lehrkräfte in der Schule zur Verfügung gestellt werden. Dazu gehört auch eine ausreichende Zahl an technischem Gerät (Kopierer, Computer, Büromaterial).

Wartung und Betreuung der technischen Ausstattung der Schule (Computer, Intranet, Kopierer, Fachräume usw.) muss durch eigenes, professionelles Personal gewährleistet werden.

Neben diesen Veränderungen muss auch die personelle Ausstattung der einzelnen Gymnasien deutlich verbessert werden. Den Schulen müssen mehr Lehrerstunden zugewiesen werden, da Individualisierung und Projektunterricht mehr Zeit und Personal erfordern als traditioneller Frontalunterricht. Darüber hinaus müssen der schulpsychologische Dienst ausgebaut und den Schulen verstärkt weiteres pädagogisches Personal, wie bspw. Sozialpädagogen, zugewiesen werden.

6. Ausbau der Ganztagsschulen

Individualisierung, Flexibilisierung und Modularisierung lassen sich in einem Halbtagsbetrieb nicht umsetzen. Wie jede Schule muss auch das Gymnasium zu einem Lern- und Lebensraum werden. Daher müssen sie zu echten Ganztagsschulen mit rhythmisierten Stundentafeln ausgebaut werden. Dies erfordert eine umfassende materielle und personelle Ausstattung der einzelnen Schulen. Dazu gehört unabdingbar ein eigener Arbeitsplatz an der Schule für jede Lehrkraft.

7. Neue Lehrerrolle und neues Lehrerselbstverständnis

Immer mehr Gymnasiallehrkräfte hinterfragen ihre Rolle als Bewerter und Verteiler von Lebens­chancen. Als Pädagogen wollen sie Schülerinnen und Schülern bei Aufbau und Selbsterwerb von fachlichem und methodischem Wissen helfen und sie darüber hinaus bei ihrer Persönlich­keitsbildung unterstützen.

Doch dies ist momentan nur unter erschwerten Bedingungen möglich; nicht nur wegen der strukturellen Vorgaben, sondern weil Lehrkräfte oft nur wenige Stunden pro Woche in den einzelnen Klassen sind. Das Gymnasium der Zukunft muss durch einen stärkeren personalen Bezug zwischen Lehrern und Schülern charakterisiert werden. Die geringere Fokussierung von Schülern, Eltern und Lehrern auf die Notengebung würde die Lehrkräfte psychisch entlasten und den enormen Zeitaufwand für das Erstellen und Korrigieren von Prüfungen erheblich reduzieren. Das Durchführen von externen Prüfungen verbessert das Lehrerbild aus Sicht der Schülerinnen und Schüler im Sinne eines Coaches. Dies ermöglicht eine stärkere personale Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern.

8. Lehrerbildung und -einsatz

Die Anpassung des Bildungsauftrags und der Professionalität pädagogischer Berufe an die oben skizzierten Anforderungen muss zur Folge haben, dass der Stellenwert der Erziehungs-, Diagnose-, Förder-, Beratungs- und Vermittlungskompetenz in der Lehrerbildung erhöht wird.

Derzeit werden Gymnasiallehrer zu sehr als Fachwissenschaftler und zu wenig als Pädagogen ausgebildet. Im Lehramtsstudium soll es daher ein erziehungswissenschaftliches Kerncurriculum für die Lehramtsstudiengänge aller Schularten geben. Insbesondere müssen auch Grund­kenntnisse über Lernstörungen und psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen und der Umgang damit vermittelt werden.

Die Berufsfeldorientierung des Studiums muss ausgebaut werden. Es werden daher mehrere Praxisphasen über die gesamte Dauer der Ausbildung hinweg verteilt. Alle Praxisanteile werden wissenschaftlich begleitet, die Studenten werden betreut und reflektieren ihre Unterrichts­versuche. Stärker als bisher wird auch in der theoretischen (erziehungswissenschaftlichen wie fachwissenschaftlichen) Lehre handlungsorientiert ausgebildet, also auf den Bezug zum späteren Unterrichtsgeschehen geachtet.

Auch das Referendariat bedarf einer erheblichen Änderung. Es muss in erster Linie auf die Bedürfnisse der Ausbildung und nicht auf die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung ausgerichtet sein.

Der Lehrereinsatz soll flexibler gestaltet werden. Bis einschließlich zur 9. Jahrgangsstufe dürfen Lehrkräfte grundsätzlich jedes zu den Domänen, der von ihnen vertieft studierten Fächer unterrichten. Die Lehrerfortbildung stellt entsprechende Weiterbildungsangebote für Interessierte bereit.

Diskussion ohne Denkverbote!

Die Diskussion um die Zukunft des Gymnasiums wird sich nach dem Auslaufen des G9 im Jahr 2011 nicht beruhigen, sondern sie wird sich wieder intensivieren.

Der BLLV als größter und schulartübergreifender Berufsverband von Pädagogen in Bayern sieht es deshalb als eine zentrale bildungspolitische Aufgabe an, die Diskussion um die Zukunft des Gymnasiums neu zu führen. Leitlinien dieser Diskussion müssen sein:

  • Erarbeitung eines neuen ganzheitlichen und demokratischen Bildungsbegriffes
  • Festlegung stufendifferenzierter Inhalte, Didaktiken und Methoden mit schulorganisatorischen Folgerungen
  • Verbesserung der Unterrichtsbedingungen, um den Einsatz vielfältiger Methoden zu ermöglichen

Der BLLV fordert diese Diskussion ein. Die Angst vor dem Verlust von Besitzständen, Abstands­denken und gegenseitige Ausgrenzung von Lehrer- und Schülergruppen dürfen die Diskussion nicht weiter dominieren. Die radikalen Veränderungen, die unsere Gesellschaft durchläuft und die ein pragmatisches Umdenken dringend erforderlich machen, werden zu häufig von ideologisierten Argumentationen negiert bzw. tabuisiert. Es ist nicht zukunftsweisend, wenn gesellschaftliche Gruppierungen die Schularten voneinander abschotten und den Dialog miteinander ablehnen. Gemeinsam müssen alle Pädagogen an allen Schularten miteinander Lösungen für Kinder, Lehrer und den modernen Arbeitsmarkt suchen.

Der BLLV sieht darin eine Chance und fordert eine tabufreie Diskussion der Zukunft des Gymnasiums, in dessen Mittelpunkt der Schüler und der Lehrer stehen, die in diesem Gymnasium im 21. Jahrhundert arbeiten soll.

Die BLLV-Petition wurde am 24.3.11 im Ausschuss für Bildung Jugend und Sport des Bayerischen Landtags eingehend beraten. CSU und FDP beschlossen mehrheitlich, sie als "erledigt zu betrachten". FW haben für "Material" bestimmt, SPD und Bündnis 90/Die Grünen stimmten für die Petition ("Berücksichtigung").

Anhang: Stellungnahme des KM vom 12.4.2011


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