25. Mai 2010

Klassen- und Gruppenbildung

Namens des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) richte ich die nachfolgende Petition an Sie. Bitte leiten Sie die Petition an den zuständigen Fachausschuss weiter und informieren mich über den Termin der geplanten Behandlung in diesem Ausschuss.

Für eventuelle Rückfragen und nähere Informationen stehen wir gerne zur Verfügung.
 

Petition

Zur Klassen- und Gruppenbildung richte ich namens des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) folgende schulartübergreifende Forderungen rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres an den Bayerischen Landtag:

Gute Schulen brauchen viel Freiheit in den Wegen und eine Verpflichtung in den Zielen. Die Einzelschulen geben der Schulgemeinschaft kontinuierlich Rechenschaft über ihr Handeln.

Sie erhalten auch über externe Verfahren Rückmeldungen für ihre Qualitätssicherung und  -steigerung.

Anzustreben sind eine sehr gute Schulqualität und eine möglichst hohe Bildungsgerechtigkeit für alle Schüler/innen. Wir nehmen dabei ausdrücklich Bezug auf die Sitzung des Ministerrats vom 2.12.2009, in der Staatsministers Dr. Spaenle ankündigte, die Eigenverantwortung der Schulen in den beiden kommenden Jahren erheblich stärken zu wollen.

Auch die Lehrerstundenzuweisung muss diesem Steuerungsprinzip entsprechen. Nach übereinstimmender Ansicht der internationalen Schulqualitätsforschung müssen Stunden pauschal zugewiesen werden. Alle Entscheidungen, die die Klassen- und Gruppenbildung der Einzelschule betreffen, müssen auf die Einzelschule übertragen werden.

Der BLLV fordert daher, die Klassen- und Gruppenbildung für alle Schularten auf der Grundlage der Lehrerstundenzuweisung in die Zuständigkeit der jeweiligen Schule zu geben. Dabei fordert der BLLV, die folgenden Grundsätze für eine gerechte und pädagogisch sinnvolle Zuweisung der Lehrerstunden zu berücksichtigen:

Grundlage der Lehrerstundenzuweisung ist die Schülerzahl. Dabei soll jedoch kein einheitlicher Wert zugrunde gelegt werden. Die je Schülerin und Schüler zugewiesene Lehrerstundenzahl richtet sich nach folgenden Parametern:

  • der Größe der Schule
  • dem Sozialindex der Elternhäuser
  • dem Profil der Einzelschule
  • der Zahl der dort angebotenen Bildungsgänge und Abschlüsse

Besondere Zusatzangebote im Schulprofil ziehen ebenfalls eine erhöhte Lehrerstunden-
zuweisung nach sich. Dazu zählen:

  • Ganztagseinrichtungen
  • Kombiklassen
  • Maßnahmen zur Intensivierung einer Förderkultur und verstärkten Individualisierung des Unterrichts

Daneben gelten für folgende Schülergruppen erhöhte Lehrerstundenwerte:

  • Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (Umsetzung der
    Inklusion – UN-Behindertenrechtskonvention)
  • Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache

 
Der BLLV fordert, dass das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus einen differenzierten Zuweisungsschlüssel festzulegt, der die oben genannten Prinzipien berücksichtigt. Dieser soll unter Einbeziehung eines Fachbeirats entwickelt und regelmäßig überprüft und angepasst werden. 

Der BLLV begrüßt, dass in einigen Schularten (z.B. Gymnasium, Realschule, Berufsschule) bereits Ansätze einer budgetierten Lehrerstundenzuweisung praktiziert werden. Allerdings entspricht diese in der momentanen Form noch nicht den Vorstellungen des BLLV, denn die o.g. vom BLLV geforderten Parameter sind nicht berücksichtigt und gelten nicht für alle Schularten.

Durch eine Berücksichtigung der o.g. Parameter würde die Systematik der Budgetierung keineswegs unterlaufen werden. Dies zeigen internationale Vorgehensweisen wie z.B. in Neuseeland, dass aus Sicht des BLLV vorbildhaft ist. Zudem verweisen wir auf die „Münchner Förderformel“, die eine mögliche Realisierung des BLLV-Konzepts darstellt. Die Münchner Förderformel soll ausgehend vom Elementarbereich sukzessive auf die Bildungseinrichtungen der Landeshauptstadt ausgeweitet werden.

Der BLLV begrüßt, dass es für einzelne Schularten bereits Fachbeiräte zum Budgetierungsverfahren gibt. Wir regen allerdings an, diese schulartübergreifend einzurichten und auch außerschulische Experten z.B. aus der Jugend- und Sozialhilfe einzubeziehen.

Es ist darauf zu achten, dass alle Schulen eine gute Unterrichtsversorgung erhalten. Jede Einzelschule muss über den Pflichtstundenbereich hinaus Stunden für Arbeitsgemeinschaften, Wahlangebote und Zusatzfördermaßnahmen bekommen. Auch für die wachsenden Aufgaben für die Schulleitungen muss gewährleistet sein, dass allen Schulleitungen genügend Zeit für pädagogisches Führungshandeln und für Verwaltung zur Verfügung steht.

Insgesamt muss ein verändertes System der Lehrerstundenzuweisung mit einer Verbesserung der Personalsaustattung einhergehen. Keinesfalls darf dadurch lediglich die Verantwortung für Verschlechterungen und Kürzungen auf die Einzelschule verlagert werden. Die gestiegenen Anforderungen an Schule müssen sich in den entsprechenden Haushaltsmitteln niederschlagen.

Das Beispiel der Schulverbünde zeigt die Gefahren einer budgetierten Lehrerstundenzuweisung, die den besonderen Bedingungen nicht gerecht wird:

Der Gesetzentwurf Drs. 16/4707 sieht vor, dass für den gesamten Schulverbund eine nach der Zahl der Schülerinnen und Schüler budgetierte Zuweisung von Lehrerstunden erfolgt, damit innerhalb des Verbundes eigenständig und flexibel über die Klassenbildung und ggf. auch über Abweichungen von Klassenmindest- und Klassenhöchstzahlen entschieden werden kann. Durch diese Regelung sind erhebliche Konflikte zwischen den starken und schwachen Standorten innerhalb eines Verbundes zu befürchten. Falls kleine Standorte gehalten werden, geht dies zu Lasten der umliegenden Standorte. Der BLLV hält es für inakzeptabel, dass künftig der jeweilige Leiter eines Schulverbundes mit seinem Kollegium darüber entscheiden soll, wie die pauschal zugewiesenen Lehrerstunden aufgeteilt werden. Weil auch kleine und kleinste Schulstandorte Lehrerinnen und Lehrer brauchen, ist die Gefahr groß, dass ihr Erhalt zum Luxus wird, den sich kaum jemand leisten kann. Diese werden sich dann den Vorwurf gefallen lassen müssen, ohnehin begrenzte Kapazitäten „aufzufressen“. Eine „Quersubventionierung“ von Schulen eines Schulverbundes lehnt der BLLV ab.

Für Rückfragen und ergänzende Gespräche steht der BLLV gerne zur Verfügung.

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Schreiben von BLLV-Präsident Klaus Wenzel an den Bayerischen Landtag am 25.5..2010

Die BLLV-Petition wurde vom Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport des Bayerischen Landtags am 21.10.10 behandelt. Die Mehrheit beschloss, mit den Stimmen von CSU und FDP, die Petition der Staatsregierung als "Material" zu überweisen (§ 80 Nr. 3 der GO des Landtags). SPD, Freie Wähler und Bündnis 90/Die Grünen stimmten für die Petition ("Würdigung").

 


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