2. Dezember 2015

LehrplanPLUS Realschule

Anhörung der Verbände - Stellungnahme des BLLV an das ISB am 2.12.2015



Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) dankt für die Übermittlung des Entwurfs für den LehrplanPLUS Realschule und nimmt im Rahmen der Verbandsanhörung gerne Stellung dazu. Wie schon bei den Stellungnahmen zum Grundschullehrplan PLUS und zum neuen Lehrplan des Gymnasiums wird der BLLV keine Detailanalyse der einzelnen Fächerprofile vornehmen. Die Fachkommissionen haben mit viel Expertise diese Fachinhalte ausgearbeitet. Wir wollen diese Expert/innen in ihrer Kompetenz achten und mischen uns nicht in die Detailinhalte der einzelnen Fächer ein.Wir beziehen unsere Ausführungen auf die grundlegende Ausrichtung der neuen Lehrpläne, den Lern- und Leistungsbegriff und die Implementierung des Lehrplans. 

 

1.    Grundlegende Ausrichtung

Der BLLV hat sich zu dem Lernbegriff des Verständnisintensiven Lernens nach Prof. Dr. Peter Fauser bekannt und kann im Ko-Konstruktivismus der neuen Lehrpläne eine generelle Entsprechung feststellen. Das begrüßen wir sehr, denn die neue Lernforschung zeigt eindeutig, dass das verständnisintensive Lernen eine hohe Effektivität auf den Lernprozess und die Lernergebnisse hat.

Für den BLLV ist die zentrale Neuerung der Lehrplankonstruktionen der einzelnen Schularten, dass in allen Schularten der gleiche Lern- und Leistungsbegriff grundgelegt wird. Uns sind die Übergänge zwischen den einzelnen Schularten sehr wichtig. Dies betrifft einerseits die Übergänge zwischen den weiterführenden Schularten in alle Richtungen. Dies betrifft andererseits den Übertritt von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen. Beide Übergänge können von einem einheitlichen kompetenzorientierten Lehrplan profitieren. Den Kolleginnen und Kollegen aus der Grundschule liegt es besonders am Herzen, dass nicht nur sie, sondern eben auch die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Schularten, den kompetenzorientierten Lernbegriff in die Realität umsetzen. Ein Bruch in der Lernbiografie eines Kindes hat deutlich negative Folgen auf dessen Lernerfolg.

 

2.    Lern- und Leistungsbegriff

Der BLLV positioniert sich prinzipiell zu einem Lernplan und nicht zu einem Lehrplan. Je mehr die Perspektive der Schüler/innen in den Vordergrund tritt, desto effektiver ist Lernen. Wenn ein Lehrplan aus der Sicht der Schüler/innen konzipiert ist, dann ist er ko-konstruktiv bzw. verständnisintensiv. Im Entwurf des Lehrplans Realschule wird zwar der Wissens- und Kompetenzerwerb als aktiver Prozess verstanden, wir aber vermissen die stärkere Ausrichtung auf den Ko-Konstruktivismus, der im Grundschul-Lehrplan stark betont wird. Ein Umdenken im Bereich der Sicherung, des Übens und des Transfers wäre wünschenswert, denn „alte“ Formate werden einem „Quantensprung“ (Aussage Herrn Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle) nicht gerecht.

Der BLLV favorisiert Lehrpläne die als Lernpläne der einzelnen Schüler/innen verstanden werden müssen.

Ein zeitgemäßer Leistungsbegriff zielt auf den Aufbau von Kompetenzen unter Ausschöpfung individueller Möglichkeiten. Diese Kompetenzen verbinden intelligentes Wissen mit sozialer Verantwortung und intelligentem Handeln. Die in der Schule verwendeten Evaluationsinstrumente sind zu defizitorientiert und lediglich punktuelle Momentaufnahmen. Eine echte Förderdiagnostik, mit deren Hilfe Stärken des einzelnen Schülers gefördert und Schwächen behoben werden können, kommt kaum zum Tragen.

Das bloße Faktenwissen und die Erarbeitung der Fachbegriffe darf nicht im Mittelpunkt der Lehrpläne stehen. Handlungs- und verstehensbezogene Kompetenzen kommen im Unterricht zu kurz. Insbesondere in den Sachfächern müssen die Lerninhalte - nicht der Umfang des Lehrplans - radikal reduziert werden. Es geht nicht darum, bestimmte Inhalte als unwichtig abzuwerten. Aber es muss eine objektive Prüfung erfolgen, welches deklarative Wissen von den Schüler/innen in der jeweiligen Jahrgangsstufe tatsächlich verpflichtend gelernt werden kann und muss. Nachhaltiges Lernen verlangt Vertiefung, Wiederholung, Vernetzung und Anwendung. Die Lerninhalte müssen sich daher auf exemplarische Inhalte begrenzen, die kategoriales Wissen und den Aufbau von Kompetenzen ermöglichen.

Der BLLV vertritt den dynamischen Leistungsbegriff mit folgenden fünf Komponenten (nach Eiko Jürgens):

 

·         norm- und zweckgebunden

·         anlage- und umweltbedingt

·         produkt- und prozessorientiert

·         individuelles und soziales Lernen

·         problemmotiviertes und vielfältiges Lernen.

 


Leistungsfeststellungen sollten allen fünf Komponenten Rechnung tragen und der neue Realschullehrplan dies ermöglichen.

 

3.    Bildungs- und Erziehungsauftrag

Der BLLV begrüßt die Breite im Profil der Realschule. Die Förderung des Erwerbs grundlegender Kompetenzen im Bereich der Persönlichkeits-entfaltung und die Vorbereitung der Schüler/innen auf ihr späteres Berufsleben sind die beiden Säulen des Realschullehrplans. Dieser Ansatz ist für den BLLV schlüssig.

Die überfachlichen Kompetenzen (s. 3.3) sind gesellschaftlich und in Bezug auf die berufliche Wirklichkeit wichtiger denn je und werden deswegen auch vom BLLV als sehr bedeutend erachtet. Die Umsetzung dieses Kompetenzerwerbs in der Realschule muss unserer Ansicht nach überfachlich geschehen und in einem projektartigen Unterricht angelegt werden. Social Skills können selbstverständlich auch im Fachunterricht Platz haben, dennoch ist für den BLLV ein rein fachorientiertes Vorgehen hier nicht zielführend. Lernpläne funktionieren nicht nur fachspezifisch, sondern vor allem überfachlich.

Die Besprechung der Lehrplaninhalte mit den Schüler/innen zum Schuljahresbeginn ist zu begrüßen. Eine Auswahl der Inhalt mit den Schüler/innen vorzunehmen, wäre eine sinnvolle Ergänzung, wobei selbstverständlich grundlegend verpflichtende Basisinhalte festgelegt werden sollten.

Die Flexibilisierung bzw. Profilbildung im Sinne der Eigenverantwortlichen Schule ist ein guter Ansatz. Der BLLV hat in seiner Programmatik die Schule der Zukunft ganz stark als Eigenverantwortliche Schule verankert. Eigenverantwortung bedeutet, dass jede Schule entsprechend ihrer Bedarfe und regionalen Gegebenheiten individuell agieren kann. Dieses Verständnis von Eigenverantwortlichkeit geht weit über den Ansatz im Lehrplan der Realschule (s. 4.1) hinaus.

 

4.    Schulart- und fächerübergreifende Bildungs- und Erziehungsziele

Alltagskompetenzen und Lebensökonomie als Bildungs- und Erziehungsziele sind Grundlage der neuen Lehrpläne aller Schularten. Eine Kontinuität in diesen Kompetenzen begrüßt der BLLV. Dazu ist es aber auch wichtig, dass Absprachen zwischen den Schularten – v.a. der Grundschule und der Realschule – stattfinden. Doppelungen müssen vermieden werden und Fortführungen gewährleistet sein. Brüche oder gar Widersprüche sind entlang einer Bildungsbiografie eines Schülers zu vermeiden. Professionelles Bildungsmanagement zeichnet sich durch Kontinuität aus.

5.    Implementierung

Einen neuen Lehrplan in die Schulen zu implementieren ist eine große Aufgabe und kann nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn diejenigen, die diesen Lehrplan umsetzen, intensiv, wertgeschätzt und umfänglich mitgenommen werden. Grundsätzliche Neuausrichtungen in der Schule gelingen nur, wenn sich diejenigen, die den Unterricht machen, also die Lehrerinnen und Lehrer sich motiviert fühlen. Motiviert sind die Kolleginnen und Kollegen, wenn sie in ihrer Kompetenz ernst genommen werden und bei der Umsetzung mitgestalten können.

Der BLLV ist der Ansicht, dass Pflichtfortbildungen und weitere Formen der Auseinandersetzung mit dem neuen Lehrplan sein müssen, doch sollten diese kompetenzorientiert und auf die schulspezifischen Bedürfnisse bezogen stattfinden. Im Idealfall laufen Fortbildungen dieser Art so ab, wie dann auch der Unterricht gestaltet werden soll: kompetenzorientiert und ausgehend von den unterschiedlichen individuellen Ausgangs- und Kompetenzlagen der einzelnen Schule. Pflichtfortbildungen, die für alle das Gleiche anbieten, sind nicht geeignet. Selbstverständlich sind Fortbildungen zum neuen Lehrplan zu begrüßen, aber die Art und Weise ihrer Durchführung ist zentral für die Motivation der Umsetzung. Aus der Einführung des Grundschullehrplans wissen wir, dass die Implementierung erfolgreicher ist, wenn sie individuell auf die  Bedarfe der Einzelschule zugeschnitten ist. Schulhausinterne Konzepte, die passgenau die Bedürfnisse und Kompetenzstruktur der Kollegien auffangen, sind angezeigt.

Im Rahmen der Diskussion um die Implementierung des neuen Lehrplans stellt der BLLV auch die Frage, warum eine Evaluation von Anfang an ausgeschlossen wurde. Warum kann man keine Modellphase einlegen und die Kolleginnen und Kollegen ernst nehmen mit ihren Erfahrungen und Rückmeldungen? Professionelle Rückmeldung würde bedeuten, die Lehrerinnen und Lehrer könnten die Realisierung im Feld Schule integrieren und dann konkrete Verbesserungs-vorschläge machen. Der BLLV kann aufgrund fehlender Modellphasen auf keine Erfahrungsberichte zurück-greifen und wird daher die Umsetzung in den kommenden zwei bis vier Jahren selbst sehr kritisch begleiten.

 

Fazit:

Der LehrplanPLUS für die Realschule muss zu einem internen Austausch, insbesondere auf der Ebene der einzelnen Schulen, führen. Sprechen über die eigene Profession, über das eigene Handeln, Planen, Lernen und Lehren wird unverzichtbar, wie es auch im Lehrplan bei den Kompetenzerwartungen formuliert ist.

Sprechen über Unterricht, über Gelingensfaktoren, über Unterrichtsergebnisse und über die Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schüler erwerben können, sowie die Reflexion über die Zusammenarbeit und den eigenen Lernstand als Lehrkraft, um sich „herausfordernde, angemessene Ziele“ setzen zu können.

Der LehrplanPLUS ist die Philosophie, die praktische Umsetzung liegt bei den Lehrerinnen und Lehrern, den Schulleitungen und allen Unterstützungssystemen.

Der Widerspruch zwischen dem ambitionierten Anspruch des neuen kompetenzorientierten Lehrplans und der derzeitigen Schulwirklichkeit an der Realschule ist enorm. Viele wertvolle Ansätze könnten deshalb womöglich nicht umgesetzt werden, da die Realschule für diese Art von Unterricht weder personell noch von ihrer Struktur her (z. B. Fächerstruktur, Leistungserhebungen) vorbereitet ist. Mittlerweile zweifeln auch immer mehr Lehrkräfte daran, dass sich der Lehrplan im Alltag so anwenden lässt, wie von den Entwickler/innen gedacht. Das liegt einerseits an dem auf Noten beschränkten Leistungsbegriff und andererseits auf der zurzeit praktizierten Feedback-Kultur.

Hier stoßen wir an ein Grundproblem unserer Schule, das wir als BLLV sehr ernst nehmen. Die Kolleginnen und Kollegen an der Realschule sind Expert/innen, die selbst gestalten und entwickeln können. Dazu brauchen sie aber Vertrauen, Zeit und Unterstützung.


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