24. August 2010

Schule im ländlichen Raum

Petition des Forum Bildungspolitik in Bayern an den Bayerischen Landtag am 24.8.2010

1. Aktuelle Situation

Die demografische Entwicklung verändert die ländlichen Regionen in den kommenden Jahren grundlegend. Die Zahl der 10- bis 16-Jährigen wird bis zum Jahr 2025 in Bayern um 20 %, in einigen Landkreisen um mehr als 30 % zurückgehen. Das bedeutet für viele Gemeinden in Bayern eine Gefährdung ihres bisherigen Schulangebots. Zudem verstärkt sich auch auf dem Land der Trend zu höheren Schulabschlüssen von Jahr zu Jahr. Realschulen und Gymnasien in den Städten werden immer größer. Die Zahl der Schulen in kleineren Gemeinden nimmt stetig ab. So wurden bereits alle 650 Teilhauptschulen als Folge der Einführung der 6-stufigen Realschule geschlossen. Darüber hinaus wurden bisher mehr als 80 der voll ausgebauten Hauptschulen aufgelöst. Gefährdet sind nicht nur einzügige, sondern auch zweizügige Haupt­schulen. Insgesamt geht so nahezu die Hälfte der bisherigen Standorte verloren. Die demo­grafische Entwicklung und vermehrte Übertritte an Realschule und Gymnasium werden dazu führen, dass schon in absehbarer Zeit in kleineren und mittleren Gemeinden keine Schul­ab­schlüsse mehr angeboten werden können. Gerade für Schüler in dünner besiedelten Gebieten bedeutet dies immer längere Schulwege zu anonymen Schulzentren. Die Behinderten­rechtskonvention mit der Forderung im Art. 24, dass auch behinderte Kinder und Jugendliche die allgemeine und gemeindenahe Schule besuchen können, kann gerade im ländlichen Raum positive schulorganisatorische und finanzielle Impulse setzen.

 

2. Reformbestrebungen

Das Konzept der Mittelschule und Schulverbünde stellt einen weiteren Versuch dar, den Niedergang der Hauptschule zu stoppen. In Einzelfällen kann die Mittelschule eine attraktive Weiterentwicklung der Hauptschulen darstellen. Insgesamt jedoch wird dieses Modell die Situation der Hauptschule weiter verschlechtern.

Durch die Einführung der Mittelschule wird eine Konkurrenzsituation zwischen den ver­schiedenen Hauptschulen entstehen. Inzwischen konkurrieren die Hauptschulen untereinander mit M-Klassen, Mittelschulzweigen, Praxisklassen, Ganztagsschulen etc.

Auch die Schulverbünde werden die Attraktivität der Hauptschule bei Schülern und Eltern nicht erhöhen, sondern weiter verschlechtern. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Eltern ihre Kinder in Schulen schicken sollen, bei denen ihre Kinder im Landkreis zu speziellen Profilschulen ein- oder zweimal die Woche gefahren werden müssen. Die Kosten für die Schulbusse werden weiter steigen. Hinzu kommt noch der enorme Verwaltungsaufwand. Dies gilt auch für Unterrichtung und Förderung der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Kooperationsklassen. Ihr Angebot wird wegen der Fokussierung auf wenige Standorte durch das Konzept der Mittelschulen ausgedünnt und führt auch zu höheren Fahrkosten.

 

3. Die Schwächung des ländlichen Raums

Die Schwächung des ländlichen Raums ist die Folge. Die Schule am Ort ist jedoch ein zentraler Standortvorteil regionaler Entwicklung. Wenn Schulen schließen, hat das nachhaltige Folgen für das Leben in den Gemeinden. Ohne ihre Schulen sind sie für die Neuansiedlung von jungen Familien weniger attraktiv. Wirtschaftsbetriebe wandern ab. Junge Leute folgen ihnen, wenn sie am Ort keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze mehr finden. Mit ihrer Schule verliert die Gemeinde außerdem einen bedeutsamen soziokulturellen und heimatgeschicht­lichen Bezugspunkt. Ein wichtiger Bereich der Erinnerungskultur einer Gemeinde geht verloren. Wenn Schüler den Heimatort morgens verlassen und meist erst am späten Nachmittag zurückkehren, lässt ihr Engagement in örtlichen Vereinen, im gemeindlichen und kirchlichen Leben zwangsläufig nach. Die Schließung ihrer eigenen Schulen bürdet den Gemeinden neue zusätzliche finanzielle Verpflichtungen in Form von Gastschulbeiträgen und Schüler­beförderungskosten auf. Gleichzeitig werden leerstehende, oft erst vor kurzem renovierte Schulgebäude zu Investitionsruinen mit langfristigen finanziellen Belastungen ohne Nutzen.

 

4. Forderungen des Forum Bildungspolitik in Bayern

Als Ausweg aus diesen Gefahren fordert das Forum Bildungspolitik in Bayern erweiterte Entscheidungskompetenzen für die Gemeinden als Schulaufwandsträger und die Einzelschule selbst auf der Basis der Bildungsstandards. Regional passgenaue schulartübergreifende inklusive Lösungen und mehr selbstständige Gestaltungs- und Entscheidungsbefugnisse für die Einzelschule sind die wesentlichen Faktoren für den Erhalt der wohnortnahen Schule. Hierzu muss möglichst vielen Schülern einer Gemeinde eine attraktive Schule mit anerkannten Abschlüssen geboten werden. Der vielseitige und nachhaltige Gewinn für die Kommunen liegt auf der Hand. Doch auch für die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern bieten solche moderne Schulen viele Vorteile.

Die Wohnortnähe erlaubt es, die Lerninhalte auf das lokale und heimatgeschichtliche Umfeld abzustimmen. Eltern, Betriebe und Vereine sorgen für abwechslungsreiche Lernangebote an außerschulischen Lernorten. Berufsexperten tragen zur Profilbildung einer möglichst ganztags organisierten Schule bei. Schulen mit überschaubarer Größe in vertrauter Umgebung er­leichtern die Orientierung in wichtigen Lebensfeldern und verbessern die pädagogische und unterrichtliche Wirksamkeit und Qualität. Lernen in der Region fördert die Lebensnähe des Unterrichts. Das Forum Bildungspolitik will, dass nur gute Schulen mit hoher Unterrichtsqualität entstehen. Voraussetzung hierfür ist ein passgenaues pädagogisches Schulkonzept. Maßnahmen wie Ganztagsunterricht nach örtlichem Bedarf, enge Vernetzung mit der regionalen Wirtschaft oder Schulsozialarbeit führen zu hoher schulischer Qualität. Dadurch werden alle Schüler zur Ausbildungsreife geführt. Gleichzeitig eröffnet die Schule ihnen alle Möglichkeiten, die Schullaufbahn bis zur Hochschulreife fortzusetzen. Moderne Schulen bieten jedoch nicht nur guten Unterricht, sondern sie müssen auch attraktive Abschlüsse anbieten.   

Dies bedeutet, dass zumindest der Realschulabschluss an der Schule vor Ort angeboten werden muss. Im Geist der Inklusion erzeugen Vielfalt und Individualität der Schüler ein produktives Lernklima für alle. Sie bereichern den Unterricht und das Schulleben. Die Heterogenität der Schüler bestimmt die Unterrichtsorganisation und Förderung. Eine flexible Bildung von Lerngruppen zur Vermittlung einzelner Lerneinheiten sowie zusätzlicher Förder­unterricht ermöglichen jedem Schüler den bestmöglichen Schulabschluss.

 

5. Gemeinsame Verantwortung vor Ort

Alle Beteiligten – Schüler, Lehrer, Eltern, Vereine, Betriebe und Gemeinden – gestalten gemeinsam das Profil ihrer Schule. Dies fördert die Identifikation zwischen Schule und Gemeinde. Schule wird dadurch zu einem bedeutenden kulturellen und bildenden Mittelpunkt der Region.

Der Lösungsansatz zum Erhalt wohnortnaher Schulen liegt in der Freiheit, vor Ort flexible und angepasste Lösungen zu finden. Denn starre Vorgaben führen zu Zentralismus, Qualitätsverlust und Stillstand in der Weiterentwicklung von Schule:

  • Je größer die Zahl der Schularten, auf die Kinder einer Gemeinde nach der Grundschule verteilt werden sollen, desto größer müssen die Schülerzahl und damit das Einzugsgebiet der Schule sein, um am Wohnort noch eine funktionierende Schule zu erhalten.
  • Je starrer die innere Schulorganisation durch eine alleinige Differenzierung in Parallelklassen (Wahlpflichtfächergruppen, Praxisfächer), desto größer muss die Schülerzahl und damit das Einzugsgebiet der Schule sein, um das Bildungsangebot in vollem Umfang zu gewährleisten.
  • Je starrer die innere Schulorganisation durch die Bildung von Jahrgangsklassen, desto größer muss die Schülerzahl und damit das Einzugsgebiet der Schule sein, um die Funktionsfähigkeit der Schule zu sichern.
  • Je starrer und unveränderlicher die lehrplanbezogene und zeitliche Abfolge und Abarbeitung der Unterrichtsinhalte, desto größer die erforderliche Schülerzahl um das gleich getaktete Programm zu durchlaufen und desto geringer die Effektivität des Unterrichts.

Je stärker diese starren Vorgaben individualisiert und differenziert werden desto besser können wohnortnahe Schulen auch bei zurückgehenden Schülerzahlen erhalten bleiben.

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Die Petition wurde am 24.2.11 im Bildungsausschuss des Landtags beraten. Nach ausführlicher Diskussion stimmten die Mehrheitsfraktionen von CSU und FDP gegen die Petition ("Material"). SPD, Freie Wähler und Bündnis 90/Die Grünen stimmen für die Petition ("Berücksichtigung").

Stellungnahme des KM vom 26.10.2010 s. PDF im Anhang

 

 


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