9. Juli 2008

Modularisierung ist mehr als Leistungsdifferenzierung

Ein Konzept und seine verkürzte Auslegung

- Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesvorstands vom 9. Juli 2008 -

Mit dem LDV-Beschluss 2003 „2. Stufe der Hauptschulreform“ hat der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) erstmals die Idee der Modularisierung als einer neuen Form der Strukturierung von Lehrplänen und der Organisation von Unterricht eingeführt. Die Idee wurde in der Folge zu einem Konzept ausgearbeitet und der BLLV bemüht sich seither, die Chancen zu verdeutlichen, die sich für Schüler/innen und deren Lernprozess, für Lehrkräfte und Schulen daraus ergeben.

Der Begriff Modularisierung wird jetzt auch vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus (KM) und vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München (ISB) als ein zentrales Element ihrer Hauptschulinitiative verwendet. Dass die Grundidee damit Einzug in die Schulen findet, ist ein Erfolg des BLLV und äußerst begrüßenswert. Jedoch droht die Gefahr, dass Modularisierung auf eine Form flexibler Leistungsdifferenzierung reduziert wird und so deutlich hinter ihren ursprünglichen Intentionen und Möglichkeiten zurückbleibt.
 

Was bedeutet Modularisierung?

Modularisierung meint die Organisation des Unterrichts in thematisch abgeschlossenen, zeitlich definierten Unterrichtseinheiten (Module), in denen festgelegte Fach-, Methoden, Sozial- und Selbstkompetenzen gefördert werden. Diese wiederum sind Teilkompetenzen von umfassenderen Bildungsstandards, über welche die Schüler am Ende eines Schuljahres bzw. mit dem Schulabschluss verfügen sollen. Module können zum einen zur Leistungsdifferenzierung verwendet werden: In Basismodulen werden unverzichtbare grundlegende Kompetenzen erarbeitet (Pflichtmodule), in Aufbau-, Erweiterungs- oder Qualifizierungsmodulen werden Problemstellungen höherer Komplexität und größeren Schwierigkeitsgrades behandelt (Wahlpflicht- und Wahlmodule). Module können zum anderen zur Differenzierung nach Inhalten verwendet werden. Auch hier gewährleisten Pflichtmodule beispielsweise einen Einblick in verschiedene Berufsfelder und dienen der Klärung eigener Interessen. Wahlmodule ermöglichen die Vertiefung der Kenntnisse bzgl. einzelner allgemeinbildender oder berufsrelevanter Inhalte und Kompetenzen.

Pflichtmodule müssen von allen Schülern besucht werden. Schüler/innen, die ein Pflichtmodul nicht erfolgreich absolvieren, erhalten individuelle Förderpläne, mit denen das Erreichen der Grundkompetenzen gesichert werden kann. Erfolgreiche Schüler/innen wählen aus dem weiterführenden Modulangebot der Schule nach Beratung mit der Lehrkraft. Gegebenenfalls bewerben sich die Schüler bei der Lehrkraft um eine Teilnahme. Wahlmöglichkeiten übertragen dem Schüler mehr Eigenverantwortung für sein Lernen, erlauben stärker selbstbestimmtes und in höherem Maß selbstreguliertes Lernen. Sie geben dem Schüler die Möglichkeit, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, die näher an seinen persönlichen Interessen liegen. Sie stärken somit seine Lernmotive und Lernmotivation. Den Schülern Optionen für die Wahl und Gestaltung seines Lernprozesses zu geben und individuelle Bildungsbiografien zu ermöglichen, sind im Verständnis des BLLV wesentliche Elemente von Modularisierung.

Am Ende eines oder mehrerer thematisch verwandter Module erhält jeder Schüler ein Zertifikat über seine Teilnahme mit dem Ausmaß seines Lernerfolges. Das Zertifikat enthält erstens eine Beschreibung der Inhalte und angestrebten Kompetenzen des Moduls. Zweitens enthält es die Bewertung durch die Lehrkraft, gefasst als Ausmaß der Zielerreichung, nicht als herkömmliche Note, die an der Gruppennorm orientiert immer einen Teil der Schüler/innen zu Bildungsverlierern macht und letztlich nur der Auslese dient. Die Lehrkraft entscheidet über die angemessene Form der Kompetenzfeststellung. Drittens enthält das Zertifikat auch die Selbsteinschätzung des Schülers, die erfahrungsgemäß nicht weit von jener der Lehrkraft abweicht. Durch den Vergleich von Fremd- und Selbsteinschätzung lernt der Schüler geltende Qualitätsmaßstäbe kennen und erhält ein realistisches Selbstbild seiner Fähigkeiten. Auf der Basis der erreichten Ergebnisse berät der Lehrer den Schüler bzgl. des weiteren Lernwegs. Die Zertifikate der verschiedenen Module werden in einer Lern- und Leistungsmappe gesammelt (Portfolio), die ein aussagekräftigeres Bild bei Bewerbungen vermittelt als herkömmliche Zeugnisse.

Modularisierung verlangt eine Restrukturierung der Lehrpläne, ihrer Ziele und Inhalte sowie flexible Formen der Unterrichtsorganisation. Lehrpläne müssen durch möglichst präzise Kompetenzbeschreibungen zu Lernplänen werden. Statt einer festgeschriebenen Abfolge von Unterrichtszielen und -inhalten müssen Module mit einer klaren thematischen Gliederung in Grundkompetenzen und optionale Fachkompetenzen beschrieben werden. Für die Unterrichtsorganisation bedeutet dies, dass die Unterrichtsinhalte nicht von allen Schülern gleich getaktet abzuarbeiten sind. Nach Jahrgängen organisierte Klassen oder feste Lerngruppen sind nicht notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Organisation des Unterrichts. Kleinen Schulen eröffnet dies Überlebenschancen jenseits der geltenden Schülermindestzahlen für die Bildung von Jahrgangsklassen. Eine Balance von Klassenunterricht und Unterricht in Modulen in verändert zusammengesetzten Lerngruppen ist an der einzelnen Schule zu finden.

Modularisierung ist ein curriculares und unterrichtsorganisatorisches System der Individualisierung des Lernprozesses. Sie beinhaltet eine Abkehr vom Diktum der Lernzielgleichheit für alle Schüler/innen zugunsten eines individuellen und eigenverantwortlichen Lernens, das den unterschiedlichen Interessen und Leistungsmöglichkeiten der Schüler besser gerecht wird.
 

Die Verkürzung von Modularisierung durch das Bayerische Kultusministerium

  • Modularisierung wird im Schulversuch des ISB auf die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch beschränkt. Für die profilbildenden Fächer der Hauptschule, Arbeit-Wirtschaft-Technik (AWT) und die Praxisfächer, ist eine Modularisierung nicht vorgesehen. Nach dem Konzept der Hauptschulinitiative sollen sich die Schüler zukünftig bereits am Ende der Jahrgangsstufe 7 für ein Praxisfach entscheiden. Für die Vorbereitung einer Berufswahl wären jedoch gerade revidierbare Wahlmöglichkeiten erforderlich. Auch für die zur Persönlichkeitsbildung wichtigen musischen Fächer soll es bei einem festen Unterrichtsprogramm bleiben. Deshalb muss die Modularisierung bei einer flächendeckenden Einführung unbedingt auch auf den berufsorientierenden Unterricht ausgeweitet werden.
  • Modularisierung wird vom KM auf eine flexible Form der Leistungsdifferenzierung reduziert. Nach Testergebnissen sollen den Schülern drei Leistungsniveaus zugewiesen werden. Schülern werden keine Wahlmöglichkeiten gelassen. Wahlpflicht- und Wahlmodule sind nicht vorgesehen. Die Schüler/innen werden durch diese Außensteuerung nicht lernen Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen. Ihre Lernmotivation wird auf diese Weise nicht gestärkt.
  • Die Differenzierungsphase soll pro Fach auf ein bis zwei Stunden pro Woche beschränkt werden. Vorher und nachher findet Unterricht im Klassenverband statt. Modularisierung wird dadurch beschränkt auf einen in den normalen Unterrichtsablauf eingeschobenen Förderunterricht für schwächere Schüler bzw. eines Additums für schneller Lernende.
  • Statt die in den Modulen erreichten Kompetenzen in aussagekräftigen Zertifikaten zu beschreiben, planen KM und ISB identische Leistungsmessungen für alle Schüler/innen nach den Modulphasen. Das ist ein Rückfall in die Lernzielgleichheit und in eine an Gruppennormen orientierte Leistungsmessung. Sie widerspricht einer konsequenten Individualisierung von Lernprozessen, bei der die Rückmeldungen über den Lernstand eines Schülers in Empfehlungen und ggf. Förderplänen für das weitere Lernen münden.
  • Eine sachgerechte Dokumentation der in den einzelnen Modulen erworbenen Fach- und Methodenkompetenzen und deren Zusammenführung in einem Portfolio zu einer individuellen Lernbiografie sind nicht mehr möglich. Entsprechend nutzt das KM Portfolios lediglich um besondere Aktivitäten eines Schülers im Rahmen des Schullebens festzuhalten.
  • Kompetenzorientierung und modularisierte Unterrichtsorganisation stellen hohe Anforderungen an Kompetenzen der Lehrkräfte bzgl. Diagnose und Förderung. Das KM versucht Verlage zu gewinnen, die professionelle Diagnoseinstrumente zur Lernstands- und Kompetenzmessung bereitstellen sollen. Ihr Einsatz entbindet nicht von der Verpflichtung, die entsprechenden Kompetenzen auch bei den Lehrpersonen zu entwickeln. Umfassende Weiterbildung ist daher unabdingbar für eine erfolgreiche Umsetzung der Modularisierung.
  • Ungeklärt ist vorerst auch, ob mit der vom KM intendierten Modularisierung die derzeitige äußere Differenzierung an Hauptschulen in M-, R- und P-Klassen ersetzt werden soll oder ob sie innerhalb dieser Klassendreiteilung für eine weitere Leistungsdifferenzierung sorgen soll. Neben den vier Anforderungsniveaus der Schularten und den drei Leistungsniveaus innerhalb der Hauptschule würden dann nochmals drei weitere Niveaus eingeführt. Diese feinste Niveaudifferenzierung überschreitet definitiv die Grenze pädagogisch-didaktischer Sinnhaftigkeit. Nach Ansicht des BLLV ist Modularisierung vielmehr ein Instrument, um auch in heterogen zusammengesetzten Gruppen individuell abgestimmte Lernangebote anbieten zu können. Die Arbeit mit Modulen macht die Verteilung von Schüler/innen in starre unterschiedliche Niveaugruppen überflüssig.

Fazit

Der BLLV begrüßt, dass im Rahmen der Hauptschulinitiative flexible Formen der Differenzierung eingeführt werden sollen. Im Vergleich zur derzeitigen Praxis könnte dies zusammen mit der beabsichtigten Kompetenzorientierung die individuelle Förderung verbessern und bei konsequenter Anwendung sicherstellen, dass alle Schüler/innen die geforderten Basiskompetenzen erreichen.

Der BLLV ist jedoch der Auffassung, dass das vom KM vorgeschlagene Konzept entschieden zu kurz greift. Es reduziert Modularisierung auf eine flexible Leistungsdifferenzierung und versäumt es, Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Schüler/innenr für ihren Lernprozess zu ermöglichen, zu schulen und einzufordern. Der Einbau des Modularisierungskonzepts in ein nach Leistung differenzierendes und auf Selektion ausgerichtetes Schulsystem, behindert offensichtlich dessen vollständige Umsetzung und verhindert seine mögliche Wirksamkeit.


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