14. Juli 2010

Was Schüler brauchen: Von der JaS zur Schulsozialarbeit!

Petition

Einstimmiger Beschluss des BLLV-Landesvorstands vom 14.7.2010

Was Schüler brauchen: ein Sozialkompetenztraining, ein Bewerbungstraining, ein Krisen­interventionsgespräch, eine Coachinggruppe bei Zickenalarm, ein Offenes Ohr für die täglichen Konflikte mit den Eltern, eine Mittagsbetreuung in den Ganztagsklassen, eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung in der Offenen Ganztagsschule, ein Round-Table mit dem Jugendamt und den Eltern, einen Ansprechpartner zur Vermittlung einer Praktikumsstelle, ein Lernen-Lernen-Training für den Quali, ein Teamtraining, einen Vortrag zum Thema „Gewalt: aus Sicht der Polizei“, ein Anti-Aggressions-Training, eine sexuelle Aufklärung, ein Suchtpräventionstraining etc.

Von der JaS zu Schulsozialarbeit:

Weil unsere Schüler dies alles brauchen, braucht die Schule Schulsozialarbeit als festen, integrierten und selbstverständlichen Bestandteil jeder Schule. Schule ist für Schüler nicht nur Lernort, sondern immer mehr auch Lebensort (z.B. durch offene und gebundene Ganztags­einrichtungen, Mittagsbetreuung). Schulsozialarbeit soll nicht länger Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) sein, sondern echte Schulsozialarbeit. Die damit einhergehenden finanziellen und dienstrechtlichen Folgen sind dem BLLV bewusst und gewollt!

Was Schulsozialarbeit ist: ein spezifisches Instrumentarium, um das Risiko des Scheiterns zu begrenzen und die Chancen Benachteiligter im Bildungswettbewerb zu sichern. Schulsozialarbeit soll als ein Oberbegriff verstanden werden, der alle Aktivitäten einschließt, die dazu geeignet sind, Konflikte und Diskrepanzen bei Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen auf der Grundlage adäquater Methoden der Sozialarbeit innerhalb der Schule oder auf die Schule bezogen abzubauen. So kann die unterrichtliche, soziale und psychische Situation der genannten Personengruppen verbessert werden. Die gewählten Aktivitäten sollten gleichzeitig zu einer Öffnung der Schule nach innen und außen beitragen und eine soziale Verbesserung des Schullebens erwirken. Eine Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Einrichtungen, die in diesem Bereich arbeiten, ist unabdingbar.

Warum Schulsozialarbeit so wichtig ist: Die Forderung nach einer Ausweitung von Angeboten der Schulsozialarbeit wird angesichts der zunehmenden Komplexität von Erziehung und Bildung im schulischen Kontext sowohl in den Medien als auch in Fachkreisen immer häufiger geäußert. Die zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Schwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten und die Pluralisierung der Lebenslagen während der letzten Jahre macht eine Ausweitung der Schulsozialarbeit nötig.

In den letzten Jahren haben sich Anforderungen und Erwartungen an die Schulen stark erweitert; ihnen werden über das Kerngeschäft von Bildung und Erziehung hinaus verstärkt soziale Funktionen zugeschrieben. Schulen sollen eigene Profile entwickeln, über Projektansätze das Schulleben erweitern, mit dem schulischen Umfeld zusammenarbeiten, die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern pflegen und individuelle Unterstützung und Betreuung für ihre Schülerschaft organisieren. Bei Kindern und Jugendlichen treten zunehmend Probleme auf wie z.B. mangelnde Sprach- und Lesekompetenz, sinkende Lernbereitschaft, schwieriges Sozialverhalten, erhöhter Medienkonsum, gestiegene Aggressionsbereitschaft, Suchtprobleme, Verschuldung, Ausbildungsplatzmisere, Perspektivlosigkeit. Diese Themen müssen im Rahmen von schulischen (Beratungsfachkräfte) und außerschulischen Netzwerken in den Griff bekommen werden. Schulsozialarbeit übernimmt einerseits die aktive Rolle bei diesen Themenfeldern, muss aber andererseits darauf achten, dass Grenzen in der Aufgabenstellung bzw. der Belastung nicht überschritten werden. Deswegen ist die Netzwerkarbeit von zentraler Bedeutung.

 

Welche Aufgabenfelder Schulsozialarbeit bedient:

1.        Beratung und Unterstützung von Schüler/innen, z.B.

  • bei Problemen der Persönlichkeitsentwicklung
  • bei Schulschwierigkeiten
  • in Krisensituationen durch Förderung des Lernens und Unterstützung individueller Lernvoraussetzungen

2.        Unterstützung bei beruflicher Integration, z.B.

  • durch Orientierungshilfen für das System Beruf, Ausbildung
  • durch Qualifizierung und Kompetenztraining
  • Unterstützungsangebote zur Erlangung der Ausbildungsreife
  • Ausbildungsplatzsuche

3.        Freizeit- und gruppenpädagogische Angebote, z.B.

  • Sport, Medienpädagogik, Musik, Spiel- und Kreativangebote, jugendkulturelle Programme,
  • Ferienangebote, als eigenes Angebot und/oder in Kooperation mit anderen Anbietern

4.       Angebote sozialen Lernens sowie Angebote sozialer, kultureller und politischer Bildung, z.B.:

  • soziales Kompetenztraining
  • interkulturelles Training
  • Gewalt- und Suchtpräventionsprojekte
  • Partizipationsprojekte
  • gesundheitliche Förderung

5.        Elternarbeit, z.B.:

  • Information und Beratung
  • Unterstützung der Eltern bei familiären Krisen
  • Förderung der Erziehungskompetenz
  • Angebote für Eltern, wie z. B. thematische Elternabende oder Elterncafés
  • Erhöhung der Motivation von Eltern zur Mitarbeit an schulischen Prozessen und Aktivitäten

6.        Vernetzung und Kooperation, z.B.:

  • Ist-Analyse der schulischen Situation mit Feststellung eventueller Defizite, gemeinsam mit Schulleitung, Lehrerkollegium, Elternbeirat und Schüler/innen und allen an der Schule vorhandenen Beratungsinstanzen (Beratungslehrer, Schulpsychologen, MSD)
  • Entwicklung, Organisation, Koordination und Begleitung von Angeboten externer Kooperationspartner
  • Erschließung und Vernetzung von Angeboten und Ressourcen aus dem Schulumfeld zur Nutzung an der Schule: Netzwerkarbeit als zentraler Bestandteil der Schulsozialarbeit!
  • Bearbeitung der Schnittstellen Schule, Jugendhilfe und Stadtteil durch die Jugendsozialarbeit

7.        Kooperation mit Schulleitung und Lehrerkollegium, z.B.

  • Planung und Abstimmung der Jugendsozialarbeit
  • Informationsaustausch/Kommunikation und Durchführung regelmäßiger Besprechungen
  • fallbezogene Kooperation
  • Unterstützung der Lehrkräfte bei Problemen mit Schüler/innen und in Krisensituationen, bei der Planung und Durchführung von Projekten und präventiver Angebote

Petitum

Was Schüler brauchen - Was der BLLV fordert:

  • Eine flächen- und schulartübergreifende bedarfsgerechte Einführung und Finanzierung von Schulsozialarbeit an allen bayerischen Schulen.
  • Eine von der Finanzkraft der jeweiligen Kommunen, Städte, Landkreise unabhängige, flächendeckende Ausstattung mit Schulsozialarbeitern.
  • Eine umfassende, wissenschaftliche, handlungsorientierte und spezifische Ausbildung zum Schulsozialarbeiter.
  • Mindeststandards der räumlichen Ausstattung für Schulsozialarbeiter.
  • Die Dienst- und Fachaufsicht soll in allen schulischen Fragen bei den Schulleitungen liegen.
  • Schulsozialarbeit soll v.a. den präventiven Aspekt bedienen und deswegen zentraler und verlässlicher Bestandteil an Grundschulen sein.
  • Schulsozialarbeit ist von dem Status der „Brennpunktschulen“ zu befreien, denn obige ganzheitliche Erziehungs- und Bildungsaufgaben finden an allen Schulen statt.
  • Schulsozialarbeit muss ein verlässlicher Bestandteil jeder Schule werden; d.h. die Finanzierung muss verlässlich geklärt sein.
  • Was Schüler auch brauchen: eine Gesamtkonzeption von Bildungs- und Erziehungsaufgaben an der Schule vor Ort. Die unterschiedlichen Unterstützungs­systeme einer Schule (Beratungsfachkräfte, Schulpsychologen, ASA-Lehrer/innen,
    MSD u.a.) sollen im Rahmen einer Gesamtkonzeption die verschiedenen Aufgaben im Rahmen der Netzwerkarbeit synergetisch verteilen. Kinder dürfen nicht durchs Netz fallen. Lehrkräfte und Schüler brauchen Unterstützung und Eltern müssen durch schulische Zusatzangebote begleitet werden.

Ein moderner Bildungsbegriff ist ganzheitlich und deswegen kann Schule professionell und nachhaltig nicht mehr nur von Lehrerinnen und Lehrern gestaltet werden. Verlässliche, ganzheitliche und effektive Stützsysteme machen das Profil der Schule der Zukunft aus! Was Schüler brauchen – was Schulsozialarbeit leisten kann!

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Die BLLV hat dieses Positionspapier am 13.9.10 auch als Petition an den Bayerischen Landtag gerichtet

Der Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags hat die Petition am 25. Februar 2011 beraten. Die Mehrheit von CSU und FDP stimmte trotz inhaltlicher Unterstützung gegen die Petition ("Material"), SPD, Freie Wähler und Bündnis 90/Die Grünen stimmten für die Petition ("Berücksichtigung").

Stellungnahme des KM vom 3.3.2011 s. PDF im Anhang


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