20. Juni 2009

Übertrittsregelung

Positionspapier

Auf der Basis des Koalitionsvertrages von CSU und FDP soll das Übertrittsverfahren in Bayern geändert werden. Hierzu stellt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fest:

Aus Sicht des BLLV ist die Übertrittssituation an der Schnittstelle zwischen der 4. und 5. Jahrgangsstufe momentan vollkommen unbefriedigend.

Grundsätzlich ist das bestehende System der Sortierung in vermeintlich begabungshomogene Lerngruppen lerntheoretisch höchst fragwürdig. Das Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler ist wesentlich komplexer, vielfältiger und weniger stabil ausdifferenziert, als dass es die Gruppierung in wenige scheinbar homogene und stabile Leistungsgruppen ermöglicht. Eine zuverlässige Diagnose als Grundlage einer solchen Aufteilung ist nicht möglich. Die zugrunde liegenden Kompetenzbeschreibungen und Diagnoseverfahren sind stark unterschiedlich und daher sind die Noten nicht valide vergleichbar. Zudem liegt der Zeitpunkt einer solchen Differenzierung wesentlich zu früh.

Die Auswirkungen dieser Praxis bringen allerdings erhebliche Belastungen für alle Beteiligten mit sich. Der Übertrittsdruck ist sowohl für Schüler/innen als auch für Eltern und Lehrer/innen außerordentlich belastend. Durch die sich verschärfende Konkurrenz und die steigende Bildungsaspiration der Eltern nimmt dieser Druck zudem drastisch zu. Dabei wird die Verantwortung für eine pädagogisch nicht zu rechtfertigende und aufgrund der ungenügenden Diagnosemöglichkeit nicht zu verantwortende Übertrittsentscheidung den Lehrkräften der Grundschule zugeschoben. Darunter leidet das Lernklima zumindest in der 3. und 4. Jahrgangsstufe.

Die soziale Ungerechtigkeit dieses Lebenschancen verteilenden Verfahrens ist durch zahlreiche Untersuchungen bestätigt. Die Übertrittsentscheidungen sind weniger vom tatsächlichen Leitungsvermögen der Schüler/innen als vom sozialen Status des Elternhauses abhängig. Dies liegt nicht allein an der immer stärker zunehmenden Praxis kurzfristiger intensiver Nachhilfe, die für die Eltern erhebliche finanzielle Belastungen mit sich bringen. Außerdem werden die Zuweisungen von den Eltern unterlaufen, etwa durch die z. T. sehr unterschiedlichen Übertrittsvoraussetzungen in den weiterführenden Schulen.

Wie unbefriedigend die momentane Situation auch von der Politik empfunden wird, lässt sich daran ablesen, dass die Bedingungen des Übertritts ständig verändert werden, ohne dass das grundsätzliche Problem behoben wird. Aus diesen Gründen spricht sich der BLLV für eine Schule aus, die die wachsende Heterogenität der Schüler akzeptiert. Eine solche Schule verzichtet auf eine Aufteilung der Schüler/innen in stabile Lerngruppen oder gar unterschiedliche Schularten. Sie vermeidet damit die nicht lösbaren Probleme der Fehlzuweisungen und der mangelnden Durchlässigkeit. Sie wird der Unterschiedlichkeit der Schüler durch Individualisierung, Binnendifferenzierung, modularisierte Angebote und selbstgesteuertes Lernen gerecht.

Alternative zum geplanten Übertrittsverfahren

Der BLLV fordert, wie ausgeführt, eine längere gemeinsame Schulzeit.
Solange diese noch nicht verwirklicht ist, schlägt er aus pragmatischen Gründen folgende Regelung für das Übertrittsverfahren vor:
 

  1. Die Übertrittsentscheidung liegt nach eingehender Beratung in der Verantwortung der Eltern.
  2. Grundlage für die Übertrittsentscheidung ist eine Empfehlung der abgebenden Schule. Diese wird in einem Beratungsgespräch vermittelt und basiert auf den Leistungsmessungen und der Diagnose der Lernkompetenzen. In die Entscheidung der Eltern müssen auch die aufnehmenden Schulen einbezogen werden.
  3. Um die Qualität der Beratungsangebote zu sichern, muss die Diagnosekompetenz der Lehrkräfte aller beteiligten Schularten weiter gestärkt werden. Auch die Kooperation zwischen abgebenden und aufnehmenden Schulen und die gegenseitige Kenntnis übereinander bedürfen einer erheblichen Vertiefung. Die Kompetenz der qualifizierten Beratungslehrkräfte sollte unter angemessener Anrechnung des Aufwandes für die Übertrittsberatung genutzt werden.

Begründung
 

  • Eine solche Regelung reduziert den Druck auf die Grundschule erheblich.
  • Die momentan unbefriedende Kommunikation zwischen abgebender und aufnehmender Schule wird verbessert und intensiviert.
  • Die Übertrittsempfehlung wird, da sie nicht mehr justiziabel sein müsste, auf eine

breitere Grundlage als auf nicht valide Notengrenzen gestellt.

  • Die Erfahrungen aus Bundesländern mit Freigabe der Übertrittsentscheidung zeigen, dass diese Entscheidung nicht dauerhaft zu einem signifikant veränderten Übertrittsverhalten geführt hat.
  • Auch in dem momentan stark reglementierten System gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Eltern, die Übertrittsentscheidung der Grundschule und die Ergebnisse des Probeunterrichts zu unterlaufen. Diese Möglichkeiten sind jedoch in der Regel mit erheblichen Problemen und Belastungen für die Kinder verbunden.
  • Auch durch rigide Übertrittsregelungen werden Schülerströme bestenfalls verzögert, aber nicht auf Dauer aufgehalten. Die Bildungserwartung der Eltern bricht sich in jedem System Bahn. Obrigkeitsstaatliche Barrieren schaffen nur Konflikte, unter denen Schüler, Eltern und Lehrer leiden.

Dateien:
UEbertritt-3.pdf34 K

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