30. November 2001

Schulsozialarbeit

Positionspapier des BLLV

Begriffsklärung

Schulsozialarbeit meint ganzheitliche, lebensweltbezogene und lebenslagenorientierte Förderung und Hilfe von Schüler/innen im Zusammenwirken mit und eingebettet in Schulen. Hierauf besteht ein Anspruch jeder Schule unabhängig von Ort, Größe und Schulart, da dies Bestandteil der Schulentwicklung an jeder guten Schule sein muss. Deshalb wird im Folgenden auch bewusst der Begriff Schulsozialarbeit statt des amtlich eingeführten Terminus Jugendsozialarbeit an Schulen gewählt, um die inhaltliche Differenz zu diesem defizitorientierten Ansatz deutlich zu machen.

Aufgaben und Formen

Schulsozialarbeit hat demnach auch mehr als nur intervenierenden Defizitausgleich als Aufgabe. Neben Prävention umfasst sie ebenso auch schulergänzende Inhalte. Ihre konkrete Umsetzung entscheidet jede Einzelschule auf der Grundlage eines eigenen pädagogischen Konzepts in eigener Verantwortung. Folgende Formen sind dabei möglich:

  1. Schulinterne Angebote
    Hier ist immer eine zielgerichtete, umfassende Absprache zwischen der Schulleitung, dem Lehrerkollegium und den sozialpädagogischen Mitarbeitern notwendig. Beispielhaft einige Anregungen: Projekttage oder -wochen, Schülertreffs, Veranstaltungen, thematische Arbeitsgruppen (z.B. Schülerlotsen), Freizeitangebote, Exkursionen. Auch klassenspezifische oder -übergreifende sozialpädagogische Gruppenarbeit muss Bestandteil von Schulsozialarbeit sein. Eine Teilnahme am Unterricht setzt aber eine ausdrückliche Zustimmung der betreffenden Lehrkraft voraus.
  2. Individuelle Angebote
    Hierunter sind alle Beratungsangebote für individuelle Problemsituationen zu verstehen. Interessenten können hier Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen sein. Dabei kann es sich inhaltlich um Lebens-, Erziehungs- und Schulprobleme, bis hin zu einer Krisenintervention handeln. Transparenz und Interaktion sind unabdingbare Grundlagen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Beteiligten.
  3. Externe Angebote
    Schule ist ein wesentlicher Bestandteil im Lebensalltag von Schüler/innen. Durch eine Beteiligung an außerschulischen Initiativen, Initiierung und Teilnahme an stadteilbezogenen Aktivitäten und Zusammenarbeit mit örtlichen Freizeitangeboten kann Schule als Lebensraum erweitert werden, wenn für eine Vernetzung mit dem lokalen Umfeld gesorgt wird. Ebenso ist eine konstruktive Zusammenarbeit durch Vermittlung und Vernetzung mit anderen Sozial- bzw. Beratungseinrichtungen wichtiger Ausdruck effektiver Schulsozialarbeit.
  4. Zukunftsorientierte Angebote
    Eine sozialpädagogische Wahrnehmung und entsprechende Thematisierung aktueller gesellschaftlicher und schülerspezifischer Tendenzen kann Grundlage für eine Weiterentwicklung der Schule sein. Zukunftsorientierte Projekte erleichtern Schüler/innen den Übergang von der Schule zur Arbeitswelt. Dazu gehören beispielsweise Bewerbungstrainings oder auch die Planung und Durchführung schulinterner Start-ups.

Trägerschaft und Zuständigkeit

Die Zuständigkeit für Schulsozialarbeit liegt beim Staat und fällt in die Verantwortung des Kultusministeriums. Die Trägerschaft vor Ort hat grundsätzlich die Einzelschule, kann aber auch subsidiär von der Kommune oder einem freien Träger übernommen werden.

Finanzierung

Die Finanzierung erfolgt unbefristet zu 50 % aus Mitteln des Landes, die das Kultusministerium zuweist, und zu je 25 % durch Landkreis und Gemeinde. Der kommunale Anteil kann um Anteile eines jeweiligen freien Trägers gemindert werden. Die Zuschüsse werden erteilt, wenn

  • die Einzelschule im einvernehmen mit dem Schulträger einen Antrag vorweisen kann, in dem der Ist/Soll-Zustand beschrieben ist und konkrete Maßnahmen konzipiert sind und
  • die Bereitstellung der zur Umsetzung dieser Maßnahmen notwendigen räumlichen und sächlichen Ausstattung gewährleistet ist.

Eine volle Stelle eines Sozialpädagogen erfordert ca. 46.000 € im Jahr. Dem stehen 73.000 € Kosten pro Jahr gegenüber, die jeder einzelne Jugendliche, der eine Einzelintervention erfährt, verursacht.

Status innerhalb der Schule

  1. Die Dienst- und Fachaufsicht liegt in allen schulischen Fragen bei den Schulleiter/innen.
  2. Die konkrete Ausgestaltung der Arbeit liegt in der Eigenverantwortung der sozialpädagogischen Kraft. Diese nimmt an den Lehrerkonferenzen teil.
  3. Eine konstruktive Zusammenarbeit des Personals (gegenseitiges Kennenlernen, Verstehen, Vertrauen) kann nur gelingen, wenn die Implementierung von Schulsozialarbeit durch das gesamte Kollegium mitgetragen wird. Die Arbeit von Lehrer/innen und Sozialpädagogen muss beispielsweise in Form eines Kooperationsvertrags jeweils klar definiert und aufgeteilt sein, um sie auf dieser Aufgabenteilung basierend sinnvoll vernetzen zu können. Dies gilt insbesondere für Bereiche, in denen es zu organisatorischen und inhaltlichen Überschneidungen kommen kann.

Räumliche Ausstattung

Mindeststandard der räumlichen Ausstattung sind ein eigener Raum für die sozialpädagogische Kraft sowie ein ausreichender Aufenthalts- und Gruppenraum.

Stufenplan zur Einführung

Vor dem Erreichen des Ziels einer flächendeckenden Versorgung soll ein jährlich wachsender Fördermitteltopf beim Kultusministerium eingerichtet werden, aus dem Schulen auf Antrag langfristig mit 50 % bezuschusst werden. Dieser Topf soll im ersten Jahr 5 Mio. € umfassen und jedes Jahr um diese Summe wachsen, bis alle Schulen, die einen Antrag stellen, versorgt sind. Bereits bestehende Modelle werden in diese Lösung einbezogen.

Hilfen zur Umsetzung

Den Einzelschulen müssen von Seiten des Kultusministeriums, des ISB und der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen gezielte Hilfen zur Erstellung und Umsetzung der Konzepte, etwa in Form von Mustern für Kooperationsverträge, bereitgestellt werden.

Einstimmig beschlossen vom BLLV-Landesvorstand am 30.11.2001


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