2. Dezember 2008

Mehr Zeit und Raum für den Kunstunterricht an den bayerischen Schulen

Petition des Forum Bildungspolitik in Bayern am 2.12.2008

Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.
(Art.131, Bayerische Verfassung)

Im Namen der unterzeichnenden Verbände, Institutionen und Arbeitsgemeinschaften richten wir folgende Forderungen an den Bayerischen Landtag.

Bitte informieren Sie uns vorab über den geplanten Termin der Behandlung im zuständigen Fachausschuss.
 

Petitum

  1. Für den Freistaat Bayern fordern wir Lehrer, Hochschullehrer, Seminarlehrer und alle weiteren Unterzeichnenden einen Kunstunterricht mit zwei Wochenstunden als Doppelstunden obligatorisch grundsätzlich an allen Schularten und in allen Jahrgangsstufen!
    Die Stundentafeln sind entsprechend zu gestalten.
  2. Die Schulbauempfehlungen sind an die spezifischen Erfordernisse des Faches Kunst mit dem Bedarf an Werk- und Medienräumen anzupassen.
  3. Kunstunterricht kann nur von qualifizierten, für das Gymnasium im Doppelfach an den Kunstakademien und für Grund-, Haupt- und Realschulen an den Hochschulen ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet werden. Die Unterrichtspflichtzeit (UPZ) von Kunstlehrern der Realschulen und der Gymnasien ist zu reduzieren und der Unterrichtspflichtzeit der anderen Fächer anzugleichen.

 
Begründung 

Verfassungsauftrag:
Die praktische und theoretische Auseinandersetzung mit Kunst ist unverzichtbarer Teil einer ganzheitlichen Bildung, wie dies die bayerische Verfassung (Art. 131) und das BayEUG (Art.1) vorsehen. Faktisch wird dieser Anspruch nicht verwirklicht. Seine Verwirklichung darf nicht mit dem Hinweis auf bereits volle Stundenpläne weiterhin verweigert werden. 

Teilhabe an Kultur:
In einer verstärkt visuellen Kultur müssen Kinder und Jugendliche lernen, mit den komplexen Botschaften von Bildern kritisch umgehen zu können. Kunstunterricht lehrt Bildkompetenz: Bilder zu verstehen, Bilder zu kommunizieren, bildliche Darstellungsformen zu beherrschen und Imagination und Kreativität zu entfalten. Die Orientierung am Wissen um die Kunst und ihrer Geschichte als die unverzichtbare Grundlage unserer Kultur beansprucht ebenfalls mehr Platz im Kunstunterricht, wenn die Heranwachsenden befähigt werden sollen, sich als Teil des kulturellen Erbes zu verstehen. Eine Zukunft unserer Kultur gibt es nur, wenn sie von den nächsten Generationen ge- und erlebt werden kann!

Der Beitrag des Fachs zur schulischen Bildung / Lernen mit allen Sinnen:
In Kunst wird nicht nur fachliches Wissen und Können vermittelt, im bildnerischen Forschen werden zudem sinnliche und leibliche Basiserfahrungen ermöglicht, die für jegliches Lernen konstitutiv sind. Neurobiologen kritisieren die unzureichende Förderung der künstlerisch-bildnerischen Entwicklung im deutschen Schulsystem schon seit geraumer Zeit und mahnen dringlich, den Kunstunterricht neu zu bewerten! Überall dort, wo Zeit und Raum für ästhetische Bildung mit modernen Unterrichtsmethoden ist, profitieren auch andere Lernfelder und die Schule als Lernort insgesamt!

Der Beitrag zur Persönlichkeitsbildung:
Kinder und Jugendliche brauchen für die gelingende Entwicklung ihrer Persönlichkeit ausreichend Raum und Zeit  für Spiel und Experiment, für Forschen und Gestalten, für  Selbstausdruck und Reflexion. Die Erfahrung von sinnlich ästhetischem Genuss, von Freude und Glück, die im Kunstunterricht bei der Auseinandersetzung mit dem „Natur- und dem Kunstschönen“ möglich wird, bereichert die Lebensgestaltung. Ästhetisches Verständnis und künstlerische Erfahrung sind hochkomplexe Bildungsprozesse; sie bilden sich durch Anschauung, Selbsttätigkeit, angeleitete Selbstbildungsprozesse in ästhetischer Praxis und ihrer Reflexion. Deshalb brauchen ästhetische Erkundungen in einem ernstzunehmenden, praktisch-künstlerisch orientierten Unterricht mit einem qualitativ verantwortbaren Anspruch und öffentlich präsentierbaren Ergebnissen künstlerischer Praxis ausreichend Zeit!

Bisherige Initiativen der Unterzeichner:
Die unterzeichnenden Verbände haben eine vergleichbare Eingabe bereits im Juli 2008 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus gerichtet. Vorangegangen waren in der letzten Zeit verschiedene Initiativen, in denen wir mittels zahlreicher Gespräche, Appelle bzw. einer Resolution (2. Kunstpädagogischer Tag in Bayern, 2007), die von vielen hundert Kunstpädagogen mitgetragen wurde, auf unsere Belange aufmerksam machten. Unsere Forderungen wurden jedoch wiederholt rundweg abgelehnt. 

Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus verweist aktuell u.a. darauf, dass geeignete Bewerber/innen insbesondere am Gymnasium angebotene Planstellen und Verträge ablehnen würden. Dies führe dazu, dass an deren Stelle fachfremde Lehrkräfte bzw. Aushilfen eingesetzt werden müssen.

Die Unterzeichner dieser Petition sehen die eigentliche Ursache dieses Problems nicht im Verhalten der geeigneten Bewerber/innen, die offenbar anderswo bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Ursache ist vielmehr, dass die Arbeitsbedingungen an den Schulen aus Sicht der Betroffenen vielfach nicht attraktiv sind.

Die erhöhte Unterrichtspflichtzeit der Kunstlehrer am Gymnasium führt z.B. dazu, dass ein Lehrer in jeder Schulwoche bis zu 20 Klassen und 600 Schüler/innen unterrichtet. Die Quantität an zu leistenden Korrekturen ist unübertroffen, die Vorbereitung des Unterrichts in adäquater Umsetzung des anspruchsvollen und äußerst dichten Lehrplanes sehr zeitintensiv. Zudem wird ein Kunstlehrer, der mit seinen Schülern qualitätvolle künstlerische Projekte realisieren will, in einigen Jahrgangsstufen in ein zeitliches Korsett von einer Unterrichtsstunde pro Woche gezwängt, das ein schüler- und handlungsorientiertes Arbeiten schwer erlaubt.

Eine Lösung des Problems muss deshalb zu einer Verbesserung der schulischen Rahmenbedingungen führen und darf nicht länger mit Hinweis auf die ablehnende Haltung weniger Bewerber/innen verweigert werden.

Trotz Abschlussprüfungen und verpflichtender Schulaufgaben ist das Fach Kunst an den Realschulen noch immer nicht als wissenschaftliches Fach eingestuft. Eine damit verbundene Anpassung der Wochenstundenzahl der Kunstpädagogen ist längst überfällig.

Die Argumentation des Kultusministeriums ist aus Sicht der unter­zeichnenden Verbände nicht überzeugend. Deshalb erlauben wir uns, unser Anliegen nun als Petition an den Bayerischen Landtag zu richten. Wir verbinden damit die Hoffnung, dass der Bayerische Landtag geeignete Schritte zur Lösung der aufgezeigten Probleme einleitet.

Für Rückfragen und ergänzende Gespräche stehen wir gerne zur Verfügung.

 

Klaus Wenzel, Sprecher
Isabel Zacharias, Stv. Sprecherin
Brigitta Berger-Thüre, Stv. Sprecherin

 

Die Petition wird neben dem Forum Bildungspolitik in Bayern auch von folgenden Organisationen unterstützt:

 

  • Arbeitskreis der Seminarlehrer „Kunst am Gymnasium“
  • Arbeitskreis der Bayerischen Dozenten Kunstpädagogik
  • BDK e.V., Fachverband für Kunstpädagogik, Landesverband Bayern
  • Fachgruppe Kunst im Bayerischen Philologenverband, bpv
  • KunstRat Bayern
  • Landesarbeitsgemeinschaft Neue Medien
  • Landesarbeitsgemeinschaft Theater und Film an den Bayerischen Schulen
  • Professoren und Assistenten im Studiengang Kunstpädagogik an den Akademien der Bildenden Künste in Nürnberg und München

 

Petition des Forum Bildungspolitik in Bayern an den Bayerischen Landtag am 2.12.2008

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Die Petition wurde am 23.4.09 im Bildungsausschuss des Bayerischen Landtags beraten. Es wurde beschlossen, sie der Staatsregierung als Material zu überweisen (§ 80,3 der GeschO).


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